Als wir das Land ein Jahr zuvor erstmalig durchquerten, hatten wir den kulturellen Reichtum, die wunderschönen Landschaften und die kultivierten und gastfreundlichen Menschen im Iran ins Herz geschlossen. Für die Rückreise nach Europa planten wir deshalb, die islamische Republik in neuen Facetten kennenzulernen. Trotzdem konnten auch wir das leidvolle Paradoxon der Reisenden nicht lösen, dass die Liste der nicht-besuchten Orte exponentiell ansteigt, je mehr Orte man besichtigt. Am Horizont kommt eben keiner an, nicht mal nach anderthalb Jahren Trampreise über Land. Immer wieder schön in diesem Zusammenhang ist auch der oft gehörte Kommentar von Einheimischen oder Urlaubern: „Was? Ihr wart im Iran und wart nicht in … [an dieser Stelle bitte eine der 1000 berühmten Sehenswürdigkeiten einfügen]?!“

Praktischer Nebeneffekt beim zweiten Besuch eines Landes ist darüber hinaus, dass die Gebräuche und Verhaltensweisen vertrauter und ein paar Vokabeln hängengeblieben sind. Die Vorurteile, die man beim ersten Mal über Bord geworfen hatte, wurden schon durch neue Weisheiten ersetzt, die jetzt erneut überdacht, verworfen oder spezifiziert werden können. Kurzum, wir wollten die Liebe des ersten Blicks hinterfragen und auf eine neue Ebene bringen, darunter Taarof, die Verschleierung und sogar Schnaps. Ohne einen zu starren Plan ließen wir uns mehr Zeit, um der Spontanität keine Grenzen zu setzen. Die Reise führte uns durch den Norden und Westen des Landes, über die Provinzen Ardabil, Ost- und Westaserbaidschan nach Kurdistan und Kermanschah, danach in die Türkei und zurück Richtung Europa.

Wer sich an unsere Erzählung vom letzten Jahr erinnert, weiß noch, wie verwirrend zu Beginn die Kurse und Umrechnungen im Geldwechselgeschäft waren. Jetzt lauerte direkt an der Grenze hinter Aserbaidschan in Astara eine Horde Geldwechsler, die uns mit dem altbekannten: „Euro?“ „Dollar?“ „Manat?“, begrüßten.

Der erste rief zu Frank: „Ich hab den besten Kurs: 1 zu 1’000 Toman! Was sagt du mein Freund?“ Fassungslos starrte ich ihn an und Frank entgegnete trocken: „Da hast du dich wohl verrechnet!“. Der zweite Händler wedelte mit einem Stapel 10’000er vor unserer Nase und sagte: „Eh, Bruder, glaub ihm kein Wort, der Kurs für Euro muss mindestens 11’000 zu 1 in Rial sein. Ich mach dir ein tolles Angebot, 15’000 zu 1!“… „Du meinst bestimmt Toman!“, sagte Frank. Ein Dritter witterte seine Chance und sprach zu uns ganz im Vertrauen: „Hey, lasst euch nicht übers Ohr hauen, kommt wir gehen mal beiseite… Ich geb euch 5’000 Toman für einen Euro. Das ist ein super Angebot, das solltet ihr nicht ausschlagen.“ Und Frank so: „Was soll das für ein Kurs sein? Ein Euro ist 10’000 Toman oder 100’000 Rial wert, nicht mehr und nicht weniger.“ Mit dieser Expertise hatte unser Wechslerfreund nicht gerechnet, ihm klappte die Kinnlade kurz nach unten, aber wir spazierten weiter und suchten uns erstmal ein Keksgeschäft. Und wieder waren wir überrascht von den niedrigen Preisen im Iran. Mit einem Taxi durchquert man für 1 € gänzlich eine Großstadt. (Das dürfte seit der Erhöhung der Dieselpreise trotz steigender Inflation im November 2019 nicht mehr möglich sein). Eine Übernachtung mit 4-Sterne-Standard für zwei Personen kostet nicht mehr als 30 Euro. Ein Weißbrot bekommt man für 10 Cent, eine üppige Mahlzeit mit Fleisch für 1-2 €.

Von der Grenzstadt am kaspischen Meer schlängelten wir uns in einem dieser blauen Lieferwagen mit Gemüse über die endlosen, vernebelten Serpentinen in die Großstadt Ardabil. Dort stand schon eine Verabredung mit dem Couchsurfer Hamed in einem Café. Diese Kaffeehäuser oder Coffee-Shops, wo guter Kaffee liebevoll bereitet wird, ermöglichen alternativen Geistern, den verstaubten Strukturen zu entfliehen. Junge Leute treffen sich zu einem meisterlich kredenzten Heißgetränk, spielen Brett- und Kartenspiele, diskutieren, vernetzen sich und erleben eine Gemeinschaft verab von den Zwängen der Gesellschaft. Hamed, der sich als sehr amüsanter Englischlehrer herausstellte, kümmerte sich rührend um uns. Zusammen entdeckten wir das malerische Herz der altaserbaidschanischen Stadt Adrabil, erledigten SIM-Kartenkauf, Geldwechsel und Einkäufe. Beim Tee lernten wir von Hamed zehn verschiedene Arten der Danksagung, auf persisch und in der turksprache Azeri, die in dieser Provinz des Iran weit verbreitet ist. Das übten wir gleich und speisten auswärts: Fesenjan (Hühnchen in Granatapfelsoße), Dizi (Eintopf mit Lamm und Kichererbsen) und Kebab mit Reis, die Kellner waren begeistert von unserer Höflichkeit.

In Ardabil übernachteten wir bei Mina und ihrem Mann Mahmoud. Die Sprachbarriere war groß, aber wir merkten trotzdem schnell, wie ähnlich wir uns waren. Die beiden träumen davon, mit einem ausgebauten Bus Richtung Europa zu fahren. Nach dem Abendessen bei Tee und Gebäck auf der Couch flüsterte Mahmoud zu Frank, ob der mal in den Wandschrank schauen wollte, da stünde etwas ganz besonderes. Als die Klappe sich öffnete, kam eine riesige Regentonne zum Vorschein, voll mit roter Traubenmaische! Die Vinoproduktion im Wandschrank ist eine echte Alternative zur Abstinenz in der Öffentlichkeit. Mahmoud walkte den Inhalt des Behälters mit einem Stampfer um, das müsse er jeden Abend machen und in zwei, drei Wochen wäre die erste Charge fertig, dann dürften wir gerne zur Verkostung wiederkommen.

Eine weitere Möglichkeit, im Iran dem Alltag und seinen Regeln zu entfliehen, ist die Flucht hinaus in die Natur. Hamed hatte uns empfohlen, in die kleinen Dörfer nördlich von Ardabil zu fahren. Im Auto mit einem begeisterten Ehepaar schlängelten wir uns die Straße oberhalb von Kaleybar hinauf in die Berge, doch dem Fahrzeug bekam der Ausflug über die Steigung schlecht: es stockte, dampfte und blieb liegen. Wir waren gezwungen, zu Fuß weiterzugehen. Nach einiger Zeit fuhr eine Karre an uns vorbei, wir hatten Glück und Hojjat, der Fotograf, sammelte uns ein. Zusammen fuhren wir zum Teehaus auf dem Pass, wo schon seine Freunde auf ihn warteten. Die herbstlich bunten Hügel erkundeten wir im Overlander-Jeep von Mehdi und tags darauf zu Fuß die Burg Babak, zu der eine Unzahl Treppenstufen hinaufführt. Beeindruckend eingemeißelt in den Fels auf einer Bergspitze, liegt die Festung günstig zur Verteidigung von Angreifern. Wenn der Aufstieg geschafft ist, steht man inmitten der alten Burgmauern mit frischem Wind um die Nase, überblickt eine weite Berglandschaft von hoch oben und die riesigen Raubvögel kreisen in ebenmäßigen Ringen durch die Täler. Ein Gefühl der Unbesiegbarkeit durchdrang uns in diesem Moment. Die Zeit der Verteidigungen zugiger Burgen ist allerdings längst Geschichte, zweckdienlicher war dann die Müllsammelaktion anlässlich der lokalen Tourismuswoche. Dabei trafen wir auch Ali den Tourismusmanager und im Tausch gegen ein Interview über unseren Eindruck vom Iran durften wir an diesem Abend bei dessen Familie in Kaleybar übernachten.

Übrigens: ich hatte kurz hinter Ardabil mein Notizbuch und mein Aufnahmegerät in einem Auto vergessen. Ein Schockmoment, der seinesgleichen sucht. Der Ärger über meine Vergesslichkeit mischte sich gerade mit ganz viel Adrenalin, als wir vom lauten Hupen auf der anderen Straßenseite aufschreckten. Der Fahrer hatte meine Sachen zurückgebracht! Ich konnte mein Glück kaum fassen, und das wohlige Gefühl der Erleichterung machte sich in mir breit. Kurz darauf stiegen wir zu einem, wie sich herausstellte, ziemlich überdrehten Fahrer. Er freute sich sehr, uns kennenzulernen und mitnehmen zu können, redete viel und sagte wenig. Bei einer Verkehrskontrolle stoppte uns die Polizei wegen überhöhter Geschwindigkeit an einer Baustelle. Der Polizist, sachlich und ruhig, sah sich nun dem aufbrausenden Fahrer gegenüber. Zunächst schien er um Mitleid zu bitten, aber die Staatsgewalt zeigte sich unnachgiebig. Er begann, wütend zu schreien und wild zu gestikulieren und sprang schließlich auf die Straße und blockierte den wegen der Baustelle einspurigen Verkehr. Der Polizist versuchte vergeblich, den Mann zu beruhigen. Wir hingegen schnappten die Rucksäcke und stiegen aus dem Wagen, die Situation war uns zu unheimlich. Doch der Fahrer wusste unser Beisein für sich zu nutzen und machte dem Ordnungshüter klar, dass doch kein schlechter Eindruck für die beiden Touristen entstehen sollte, immerhin geht es hier um unser schönes Land! Auch die Polizei sollte auf ihr Image achten, und außerdem sei er wirklich nicht zu schnell gefahren. Angesichts der Absurdität der Situation kapitulierte der Polizist schließlich und ließ uns weiterfahren. Der Fahrer konnte die Freude über den Triumph nicht zurückhalten und bekundete uns lange und übertrieben seine Verbundenheit. Für uns wiederum eine gute Voraussetzung, noch ein paar Kilometer fernab der Hauptstraße ins nächste Dorf gebracht zu werden. Unter endlosen Dankesbekundungen des Fahrers stiegen wir aus, hörten geduldig zu und lehnten dreimal die Tüten mit Gemüse und Brot ab (was nichts nützte). In seinem Überschwang hielt er uns schließlich mit gesenktem Kopf und Hand auf der Brust den Autoschlüssel hin. Ein Geschenk, als Zeichen seiner Dankbarkeit. (Ganz kurz blitzte durch meine Vorstellung, wie es wohl wäre mit einem eigenen Auto weiterzufahren…) Aber das ging eindeutig zu weit, der Taarof, die orientalische Höflichkeit, winkte mit dem Zaunpfahl. Wir bedankten uns, nahmen ohne den Schlüssel Abschied und suchten den Zeltplatz für die Nacht. Über den Taarof hatte ich oft nachgedacht, mir war diese Art der überschwänglichen Höflichkeit wegen meines deutschen Pragmatismus zu fremd. Alles daran wirkte falsch und sperrig. Aber im Iran gehört es zum guten Ton. Auch Hamed hatte mit uns darüber gesprochen: Taarof kennt jede*r Iraner*in seit der Geburt. Eine soziale Umgangsform, eine Möglichkeit nett zueinander zu sein, eine Art der Kommunikation. Sprechen um des Sprechens Willen, und ein Instrument um zu sehen, ob der andere dir wohlgesonnen ist. Langsam konnten wir den Taarof besser einschätzen und anwenden und besonders mit dem Autoschlüssel durchschaute ich die Bedeutung allmählich.

Unsere zweite Schnapsbegegnung hatten wir in Tabris mit dem Bauingenieur Mohsen. Unterwegs aus dem Gebirge in die Stadt sammelte uns der große Mann in seinem kleinen Auto auf. Trotz begrenzter Englisch- und Farsikenntnisse erzählten wir ein bisschen. Moshen war unglaublich begeistert davon, dass er und seine Frau genau wie wir als „Lebensmittelchemikerin trifft Bauingenieur“ zusammengefunden hatten, sodass wir um eine Einladung zum Abendessen mit Übernachtung nicht herumkamen. Wird nach dreimaligem Ablehnen nochmal eingeladen, ist das Angebot trotz Taarof wirklich ernst gemeint. Moshens Frau arbeitete als Qualitätsmanagerin bei PepsiCo und sprach sehr gutes Englisch. Die Kombination passte tatsächlich super zusammen, auch wenn wir das Gefühl hatten, nicht nur 5 sondern 20 Jahre jünger zu sein als die beiden. Und hier wiederholte sich etwas: nach einiger Zeit auf der Couch bei Tee und Gebäck, wandte sich Mohsen vertrauensvoll an Frank und fragte: Hast du Lust auf Schnaps? Mohsen schnappte sich einen Stuhl, kletterte am Küchenschrank hinauf und zauberte aus einer versteckten Kiste eine silberne Flasche, gefüllt mit einem Getränk auf Anisbasis. Der Abend wurde lustig und unser Farsi immer besser.

Schließlich kamen wir noch in den Genuss von selbstgemachtem Vino mit Samad, unserem Kletterfreund, bei dem wir schon letztes Jahr zu Besuch waren. Dessen Mentor Mister Abbas hatte in sein nebliges Berghäuschen eingeladen. Abends tranken wir Tee beim Nachbarn, und wieder kam es zu dem konspirativen Flüstern: Habt ihr Lust auf Wein? Der Rotwein kam aus der Plastikflasche, Samad kostete nur vorsichtig und Mister Abbas lehnte sogar dankend ab. Die Kultur des Trinkens ist im Iran anders als bei uns, außerdem hat Tee einen besonderen Stellenwert. Vielleicht ist die iranische Auffassung von Alkohol vergleichbar mit unserer über Cannabis. In der Öffentlichkeit nicht erlaubt, nicht von jedem akzeptiert, der Konsum ist weniger verbreitet und gehört nicht automatisch zum sozialen Leben. Es bleibt eben eine verbotene Substanz, auf deren Besitz strenge Haftstrafen bestehen. Wer nichts wagt, der nichts erlebt!

[Fortsetzung folgt]