Unsere ersten beiden Begegnungen mit dem Staatsgebiet von Aserbaidschan waren geprägt von illegalen Grenzüberschreitungen: zunächst an der Grenze von Georgien hinterm Hostel in Udabno, wo wir mit der Fußspitze antippten. Und ein paar Wochen später bei der Reise über Armenien in das Gebiet von Berg-Karabach, das übrigens seit wenigen Wochen wieder vom Krieg mit Aserbaidschan heimgesucht wird. Wie würde unser erster offizieller Besuch aussehen? Den Konflikten der Nationalidentitäten des Kaukasus sind wir schon in Armenien und Artsakh begegnet, auch teilweise in Russland, nachzulesen in Wilde Perle Dagestan. An der russisch-aserbaidschanischen Grenze wurde der tief sitzende Hass der Kaukasusvölker für uns erneut spürbar.

Tramp-Route über den Kaukasus im Vergleich 2018 und 2019

Dort an der Grenze stellte uns der aserbaidschanische Beamte nach der Durchsicht unseres Passes erstmal beiseite. Zu dem Zeitpunkt war bereits klar, dass der armenische Stempel ein spitzer Dorn im Auge dieser Grenzer sein würde. In den Tagen vor der Reise nach Aserbaidschan kreisten deshalb einige Fragen in unseren Köpfen: Sollten wir die Fotos unseres Ausflugs nach Karabach löschen und deren Papiervisum entsorgen? Oder reichte es, all das gut zu verstecken und nicht zu erwähnen? Ergreifen „unbeteiligte“ Reisende wirklich Partei für die eine oder andere Seite, indem sie bestimmte Länder besuchen?

„Problem, Problem!“, sagte der untersetzte Aserbaidschaner und tippte mit seinem Wurstfinger mehrmals auf den eckigen, roten Stempel aus Armenien. Schon beim Antrag für die aserbaidschanischen Visa wurde die Frage gestellt, ob wir Berg-Karabach bereist und damit unerlaubt aserbaidschanisches Staatsgebiet betreten hätten. Offiziell wird die Republik Berg-Karabach weder von der internationalen Staatengemeinschaft noch von Aserbaidschan als eigenständiger Staat anerkannt, sondern gehört zu Aserbaidschan. Die einzig mögliche Antwort auf diese Frage, um die Genehmigung dieses Visums zu erreichen, liegt demnach auf der Hand.

Gerät man als Unbeteiligte_r in diese Zwietracht, dann hilft die Vergegenwärtigung weiterer, einzig möglicher Antworten. Und ein bisschen Glück brauchten wir. Als uns nach einigem Warten ein anderer Grenzbeamter heranzitierte und nach unserer Reise durch Armenien fragte, also nach Dauer und Aktivitäten, ob wir mit dem Namen „Karabach“ oder „Artsakh“ etwas anfangen könnten und ob wir Fotos von dort dabei hätten, gaben wir ebendiese einzig möglichen Antworten. Scheinbar wirkten wir vertrauenswürdig genug, und wurden schließlich mit ersten Blicken durchgewinkt.

So kamen wir im Land Nr. 21 an, in dem neue Abenteuer auf uns warteten! Das Trampen hinter der Grenze war zwar nicht besonders schnell, dafür um so aufregender, unterhalten haben wir uns fast immer auf Russisch. Beim dritten Lift auf wenigen Kilometern spielte uns die regnerische Wetterlage in die Hände, denn die Nachfrage unseres Fahrers nach einer Unterkunft für die Nacht gipfelte mal wieder in dessen Ungläubigkeit: „Was?! Im Zelt, bei dem Wetter?“. Und so bot er uns sein Ferienhaus an, das direkt auf seinem Grundstück in einem kleinen Bergdorf leerstand. Das Angebot von dem stillen Ingenieur anzunehmen war unausweichlich. Im warmen Wohnzimmer fühlten wir uns schnell als Teil der Familie, nachdem die ersten Annährungsversuche mit den Kindern geklappt hatten. Mit Hilfe von gemalten Bildchen lernten wir schnell ein paar Wörter der Turksprache Azeri und heischten die Lacher ein. Besser hätten wir es nicht treffen können: Es gab warme Suppe, Tee und süßen Nachtisch, am folgenden Tag erkundeten wir die faszinierende Landschaft und so fiel uns nach der zweiten Nacht im Trockenen der Abschied äußerst schwer.

Bei der nächsten Etappe klappte das Trampen zügiger, denn wir waren unterwegs in die Hauptstadt Baku. In einer Stadt der Gegensätze knallt Moderne auf Tradition, Ölreichtum auf sozialistisches Erbe und geheimnisvoller Orient auf hippes Europa. Die Architektur der City spricht für sich, Jugendstil der Gründerzeit mischt sich mit Plattenbau und gläsernen Wolkenkratzern. Ähnlich wie in Dubai werden milliardenschwere Bauprojekte realisiert. Außerdem durchzieht eine U-Bahn den Grund und hält die Zweimillionenstadt zusammen. Mitten im Zentrum befindet sich neben all dem Glas, Beton und Stahl die historische Stadtmauer und die Altstadt, wo die Geschichten aus 1001 Nacht wieder lebendig werden. Flaniert man weiter entlang der Bucht, erheben sich drei spektakuläre Flammentürme von einem der Hügel, und von dort schweift der Blick zu den Öl- und Gasvorräten im kaspischen Meer. Aber die visuell inszenierte Fassade brökelt: Nur zwei dieser Türme werden tatsächlich genutzt, beim Bau wurden die statische Grundlagen falsch eingerechnet, sodass eines der Hochhäuser akut einsturzgefährdet ist.

Mehr Schein als Sein war auch der „Yanar dağ“, der brennende Berg. Durch eine kleine Öffnung in der Erde strömt seit hunderten von Jahren Gas aus und verbrennt mit einer Flamme. Mit richtig inszenierten Bildern wirkt das Spektakel wie eine unvegleichliche Sehenswürdigkeit, die man auf keinen Fall verpassen sollte! Um das kleine Feuerchen wurde eine Halle gebaut, mit Kassenhäuschen und Drehkreuz, Kinderspielecke und einer bunten Schautafel sowie einer halbrunden Sitztribühne, um den zahlreichen Besuchern die Betrachtung der lodernden Flammen zu ermöglichen. Lasst euch gesagt sein, diesen Ort ohne schlechtes Gewissen missen zu können.

In Baku verabrdeten wir uns mit Said, der in seiner Wohnung für einige Wochen ein kleines Couchsurferparadies eröffnet hatte, um sein Englisch zu verbessern. Die beiden Wiener Romed und Iris waren auch auf dem Landweg angereist, mit Zug und Fähre aus Österreich. Zu fünft ließen wir uns vom Granatapfelwein beflügeln. Said plauderte aus dem Nähkästchen, erzählte von seiner nicht ganz blütenreinen Vergangenheit, in welchem Gebäude er wegen politischer Ansichten gefangenhalten worden war und von anderen Abgründen des aserbaidschanischen Staates. Das Land wird regiert vom Öl, das Staatsoberhaupt erweist sich als herrschsüchtiger Despot und demokratische Entscheidungswege sind nur für den äußeren Schein relevant. Was in der Hauptstadt glänzt und blinkt, ist auf dem Land bittere Armut, eine gerechte Verteilung von Investitionen in Infrastruktur und Bildung kommt einer unerreichbaren Utopie gleich. Richten soll es der Tourismus.

Das spürten wir auch, als wir uns aufmachten ins Landesinnere, um die Berge nochmal aus der anderen Richtung zu betrachten. In der alten Handwerksstadt Lahic sollte ständig reges Hämmern und metallisches Klopfen zu hören sein, fleißige Kupferschmiede bei ihrer Arbeit und wunderschöne Laubfärbung an beeindruckender Hochgebirgskulisse. Der heftige Regenguss bei unserer Ankunft zog allerdings einen Strich durch diese romantische Rechnung. Wir flüchteten in eine Kneipe. Später wunderten wir uns über die stolzen Preise. Kaum nachhaltig, aber lukrativ sind die Einnahmen durch den Tourismus. Doch nur dieses Dorf schein davon gesegnet zu sein. Die umliegenden Gemeinden waren geprägt von der Abwanderung junger Leute in die Millionenstadt Baku, bäuerlichem Selbstversorgen, einem unterentwickelten Gesundheitssystem sowie fehlenden Arbeitsplätzen.

Lahic kehrten wir mit gemischten Gefühlen den Rücken. Nach einem Lift im dunklen Laderaum eines Wurstspediteurs erreichten wir das Skigebiet von Tufandag, ein Tal westlich von Lahic. Dort stiefelten wir vorbei an einem überdimensionierten Wintersporthotel bergauf, um in idyllischer Bergkulisse einen Abend ungestört am Lagerfeuer zu verbringen. Gegenüber von einem kleinen Dorf oberhalb eines Flusslaufs fanden wir einen schönen Platz für unser Zelt. Unterwegs hatten wir in den vorangegangenen Monaten die Erfahrung gemacht, dass in jedem noch so kleinen Dörfchen einen Laden offen ist. Diesmal wurden wir enttäuscht: Dieser Ort bestand aus leerstehenden Häusern und verlassenen Gassen. Die beiden alten Männer, die sich schnapstrinkend und kartenspielend an der Hauptkreuzung ihren Nachmittag vertrieben, fragten wir nach einem Geschäft. „Hier sind nur ein paar Opas und Omas, einen Laden gibts schon lange nicht mehr. … Ach, im Zelt schlaft ihr! Na, was braucht ihr denn, bloß Brot und Tomaten?“. Daraufhin gingen wir mit ihm in sein windschiefes Häuschen, drinnen war es dunkel und unordentlich. Seine Frau sei schon lange tot, erzählte er entschuldigend, er lebe allein hier. Er kramte aus dem ganzen Durcheinander ein Weißbrot hervor und empfahl uns einen Baum am Dorfeingang, unter dem wir die besten Walnüsse der Gegend finden würden. Auf dem Weg dahin kamen wir an dem großen Haus einer alten Frau vorbei, die uns Birnen, Tomaten und Kräutern schenkte. „Alles von zu Hause, ohne Chemie, das wird euch schmecken. Schade, dass unser Dorf heutzutage so leer ist. Die Leute kommen nur noch manchmal im Sommer. Im Winter ist es hier zu kalt, der Schnee liegt 2 m hoch!“

Um der Kälte zu entrinnen, zogen wir tags darauf weiter. Der Wind der Reise trieb uns weiter nach Süden, Richtung Iran. Im Süden von Aserbaidschan gibt es eine Gegend mit einem Paradies für Matschkinder: die Schlammvulkane. Mit laut schmatzenden Geräuschen blubbert bedächtig ein hellgraues, wässriges Gemisch aus Tonmineralen und Sedimentgestein an die Erdoberfläche. Es riecht nach Schwefel, der Schlamm ist klebrig und handwarm, manche schwören sogar auf ein Bad darin.

Unweit davon liegt das Topbouldergebiet im Gobustan-Nationalpark. Allerdings ist Klettern dort nicht erwünscht, weil es sich um eine archäologische Premiumfundstelle handelt. An den Felsen sind in den 1930er Jahren Petroglyphen gefunden worden. Höhlenmalerei von vor einigen tausend Jahren. Ein Museum ist am Fuß des zerklüfteten Hügels gelegen, und hochmodern, interaktiv und spannend gestaltet. Ein Spaziergang führt auf den kleinen Berg zu den Malereien, die äußerst gut erhalten sind. Wir kamen ins Gespräch mit Rafael, einem der Museumsmitarbeiter. Er wollte sein Englisch verbessern und uns eine Tour geben, um sein Wissen über die eingemeißelten Figuren zu teilen. Der sympathische Rafael erzählte, dass die Bilder von frühzeitlicher menschlicher Siedlung zeugen und eine besondere Kunstform zu dieser Zeit darstellten. Zum Beispiel eine Gruppe Seefahrer in ihrem Boot, Jagdwerkzeuge und Stiere und Pferde, Frauen und Männer zu verschiedenen Anlässen und Aktivitäten. Schließlich lud er uns ein, bei ihm zu übernachten, damit wir seine Familie kennenlernen konnten. Im Innenhof der drei zusammenhängenden flachen Häuser freundeten wir uns des nachts mit der gesamten Sippschaft an. Das Gesellschaftsmodell sieht auch in Aserbaidschan eine klassische Arbeitsteilung vor, die Männer verdienen, die Frauen kümmern sich gemeinschaftlich um Kinder, Haushalt und die Kocherei (nur Grillen ist Männersache.) Im Familienshop „klauten“ wir Bier und tranken mit dem Familienoberhaupt, Rafaels Vater, Wodka aus dem Saftglas.

Aserbaidschan bleibt für uns nicht nur wegen der Begegnungen und der Gastfreundschaft Rafaels, Saids und des Ingenieurs besonders, sondern hat sich wegen zweier ungewöhnlicher Fortbewegungsmittel einen Platz im Tramperherz erobert. Zunächst wie gesagt, der Wurstlieferant. Und dann die Tour in den Mooswald hinterm Stausee von Khanbulan.

Auf dem Weg in den geheimnisvollen Mooswald hatten wir uns an der kleinen, unbefahrenen Schotterstraße schon mit einem langen Fußmarsch abgefunden. Doch hinter uns ratterte sich das Baustellenfahrzeug immer näher an uns heran und stoppte tatsächlich, um uns ein paar Kilometer mitzunehmen. So fuhren wir zu zweit mit einem Radlader mit, Frank in der Schaufel, ich im Führerhäuschen. Und weil dieser Weg tatsächlich in ein entferntes Dorf in den Bergen führte, hatten wir auch auf der Rückfahrt tags darauf keine Schwierigkeiten: Nach einem kurzen Spaziergang kamen wir an einem Haus vorbei, das gerade im Bau war. Die Handwerker luden uns auf einen Tee ein, und die Zeit des Wartens auf ein Auto wurde uns nicht lang. Ein Lehrer und sein Vater nahmen uns schließlich mit in die Stadt, von dort fuhren wir weiter in den schönen Iran…