Unser Hin und Herreisen entlang der asiatisch-europäischen Kontinentalgrenze ermöglichte uns, die Region aus verschiedenen Perspektiven zu entdecken. 2018 noch im christlichen Georgien und Armenien, führten wir 2019 die Reise im Osten weiter, angefangen vom kasachischen Uralsk am gleichnamigen Fluss, vermischt mit der russischen Baukultur in Astrachan, und schließlich dem islamischen Flair der Gegenden Dagestan und Aserbaidschan (siehe Karte am Textende). Die Region Dagestan hat uns auf dem Weg durch den Kauskasus besonders fasziniert. Glücklicherweise gewann bei der Planung der Weiterreise aus Zentralasien der Landweg ums kaspische Meer, weil alle Vorkehrungen für die Überquerung dieses Binnenmeeres per Schiff von Aktau nach Baku kompliziert, langatmig und entbehrungsreich erschienen. Also weiter per Autostop, aus Kirgistan durchs kasachische Hinterland und von da an Richtung Süden, noch einmal durch Russland und schließlich zurück in den Iran: Ein Pendeln entlang der Grenzen zwischen Asien und Europa.

Nach der erfolgreichen Durchquerung der kasachischen Hungersteppe in diversen Lkw voller Melonen und bangem Warten auf ein Transitvisum für Russland im beschaulichen (aber reizlosen) Uralsk, durften wir zum zweiten Mal in Russland einreisen. Nach Astrachan trampten wir über das beeindruckende Wolgadelta. Dort staunten wir besonders über die massive Baukultur, hochherrschaftliche Wohnhäuser, orthodoxe Kirchen und Kreml-Mauern – ein riesiger Kontrast du dem einfachen Baustil der Holzhütten und Blech-Moscheen in Zentralasien. Und unser Herz hüpfte beim Anblick von Graffitis und den Gesprächen mit Couchsurfer Sergey über Musik und Popkultur. Denn fast hatten wir vergessen, dass junge Leute sich für Untergrund, alternatives Leben, Punk und Techno interessieren. Angetrunken zogen wir so mit Mr. OC und Sergey durch die nächtlich verlassenen Straßen Astrachans.

Weiter südlich an einem Arm des Wolgadeltas trafen wir beim Trampen nochmal Sergey. Einen ganz anderen diesmal, denn der erzählte uns von seinen Flussfischereigeschichten und Jagderfolgen. Wie Astrachan-Sergey war Wolga-Sergey ebenso engagiert bedacht auf unser Wohl und brachte uns mit Bleifuß sofort nach Hause zu Mutti. Dort, im einfachen Landhaus, gabs ganz rustikal Suppe und Brot, Tee und Gebäck, bevor wir entlassen wurden. Sergey schenkt Frank zum Abschied einen Wildschweinzahn. Weiter Richtung Süden in diversen Lkw durch die Steppe Kalmückiens erreichten wir des Nachtens Dagestan. Beide Sergeys hatten uns schon darauf hingewiesen, dass in dieser Kaukasus-Region Südrusslands die Männer wieder Mohammed heißen, und es seit eh und jeh allerlei Meinungsverschiedenheiten mit der Regierung in Moskau gibt, was meistens gewaltsam ähnlich derer im Nachbarland Tschetschenien ausgetragen wird. Nachdem wir in tiefschwarzer Nacht zwei türkischen Trucks entstiegen waren, suchten wir im Gebüsch neben der Fahrbahn unweit des ersten dagestanischen Dorfs nach einem Zeltplatz. Nach ein paar Stunden unruhigem Schlaf wachten wir in einem Sumpf wieder auf. Irgendwo hatte ein Leck den Grundwasserspiegel gehoben, wir und das Zelt mussten also in der morgendlichen Sommersonne trocknen. Währenddessen blickten wir bange auf das kleine Häuschen, dass wir direkt neben unserem Zeltplatz im Tageslicht wahrgenommen hatten. Tief verwurzelt bahnte sich ein sehr deutscher Gedankengang in mir seinen Weg an die Oberfläche, dass wildes Campen auf Privatgelände durch Schimpf und Schande der Beseitzer geahndet wird. Gern wird man direkt mit der Mistgabel vom Platz gescheucht, oder der Zelteigner flieht im Bombenhagel fauler Tomaten um sein Leben. Kurz nach dieser Überlegung sah ich eine alte Frau in gebückter Haltung etwas unsicher auf uns zu humpeln. Meine Gedanken flogen, die Körperfunktionen stellten sich auf Flucht und Kampf ein. Um ihr schnell beschwichtigend von unserer naheden Abreise zu erzählen, lief ich ihr entgegen.
„Guten Tag, wie geht es Ihnen?“ fragte ich vorsichtig auf russisch. Sofort erhellte sich die Miene der Bäuerin und die Lachfältchen traten in Aktion. Ach, dass wir bald gehen wollten, wie schade, bleibt doch noch zum Essen, ich koche euch schnell was, nuschelte sie durch den fast zahnlosen Mund. Kurz darauf saßen wir in ihrere Küche, umringt von weiteren Frauen der Familie und vor uns ein Teller mit einem Stapel fünf wagenradgroßer Teiglinge (Tschudu), die mit Gartenkräutern gefüllt waren. „Ich lieeeebe Gäste!“, sagte die alte Frau Madina, „Und besonders Deutsche. Mein Mann hat so nette Freunde aus Deutschland. Leider kann ich nicht so gut russisch – ich spreche eigentlich awaisch.“ Ihr gepunktetes Kleid ist am Bauch mit Mehl bestäubt, dass auf der Arbeitsfläche unter der nächsten Portion Tschudu auffliegt. Wir erzählen unsere Geschichte, und sie und ihre Tochter hören staunend zu. Nach dem ersten Tschudu bin ich schon pappsatt und nippe am Schwarztee. „Aber esst doch noch mehr, ihr seid so dünn und müsst gut gestärkt auf den weiten Weg nach Hause gehen!“

Wie in anderen muslimischen Ländern so wird man offensichtlich auch in Dagestan als BesucherIn so freundlich behandelt als überbringe man nichts geringeres als ewiges Glück, unerschöpfichen Reichtum und lückenlose Weisheit. Meine Gedanken vor der Begegnung mit Madina gründen sich auf der mitteleuropäischen Angst ums Eigentum und stecken tief in mir drin. Auch diese Begegnung lehrte mich erneut, wie schnell man diese Denkweise ablegen sollte, um in anderen Teilen der Erde auf offene Arme zu stoßen und Fremden ohne Hintergedanken oder Berührungsängste entgegentreten zu können.

Ein paar Tage später gerieten wir in eine ähnliche Situation. Auf dem Weg ins Gebirge hangelten wir uns mit vielen Lifts in klapprigen Autos, einem Weintraubentransporter und einem schnellen Schlitten tiefer in die neblige Bergregion und bekamen unterwegs Proviant in Form eines prallen Sacks mit Trauben und warmer Tschudus in die Hand gedrückt. Kurz vor Sonnenuntergang stiegen wir einige Kilometer vor Gunip aus dem letzten Auto auf die verlassene Straße. (Gunip ist ein geschichtsträchtiges Dorf im kaukasischen Gebirge südlich von Machatschkala, in das sich der Widerstandskämpfer Imam Schamil mit seiner Armee nach erbitterten Kämpfen gegen die Russen Mitte des 19. Jahrhunderts zurückzog… Must-See.) Umgeben von einer beeindruckenden Felskulisse standen wir im Tal und blickten hinauf nach Gunip zum Gipfel, trügerisch nah und doch so fern hoch oben in den Bergen. Da wir einen ereignisreichen Tag hinter uns hatten, entschlossen wir uns, das Zelt direkt im Gebüsch aufzuschlagen. Während wir nach einem Standplatz ausschauten, hörten wir in der Ferne Motorengeräusch. Doch noch ein Auto? Also Daumen raus. Als der SUV um die Kurve rollte, erkannten wir schon die zum platzen gefüllte Vor- und Rückbank, auch der Kofferraum scheint komplett voll zu sein. Doch siehe da, die Karre hielt direkt neben uns. Der Fahrer winkte uns fröhlich zu und die vier mitreisenden Frauen öffneten kichernd die Türen. „Klar, kommt rein, das ist doch kein Problem. Ihr wollt bestimmt nach Gunip, oder? Von unserem Haus dahinten hat man einen fantastischen Blick auf den Ort. Wir besuchen hier die Familie. Ich heiße übrigens Gimba.“
So stolperten wir direkt ins nächste Abenteuer. Man bewirtete uns im Haus der Familie und bettete uns in einer verlassenen Datsche um die Ecke. Dort tranken wir noch viel Bier und anderes mit Gimba und seinen Freunden im Garten. Morgens erstmal „Kalmüzki Tschai“ gegen den Kater, kalmückischen Tee, aber auf dagestanische Art: heißer Schwarztee mit heißer Milch und Salz, einem Löffel Butter und aufgeweichten Brotstücken.

Nicht nur wegen seiner herzlichen Menschen ist Dagestan einen Besuch wert, auch die Geschichte und Kultur und besonders die fantastische Landschaft bilden ein wunderbares Reiseerlebnis. Im Nationalmuseum der Hauptstadt Machatschkala erfahren wir von Bagdat mehr über den Nationalhelden Imam Schamil, der die vielen kleinen Bergvölker im 19. Jahrhundert gegen Russlands Truppen vereinigte und nach erbitterten Kämpfen mit den Russen Frieden schloss. Wir lernen, welche Sprachen in der kleinen Region gesprochen werden (awaisch, lesginisch, kumückisch…), über die ebenso zahlreichen tradionionellen Gewänder, und wie der Wandergelehrte Adam Olearius hier umherreiste. Besonders interessierte mich eine Darstellung der überdimensionierten Kopfbedeckungen voller Fell, die für den harten Winter praktisch scheinen. Bagdat erzählte uns später beim Tee von seiner Geschichte mit den Frauen: Dass er schon zweimal verheiratet war, die erste Heirat aus Liebe aber leider schon nach wenigen Monaten zerbrach. Die zweite Frau hat seine Mutter für ihn ausgesucht, und nun ist er schon 8 Jahre glücklich verheiratet.

Dagestan erscheint uns als Schmelztiegel vieler Identitäten kleiner Völker, unter den Gesetzen Russlands und des Islam, was nicht einfach vereinbar ist. Aufgrund dieser oftmals blutig ausgetragenen Konflikte war die Gegend noch bis vor kurzem als eine der gefährlichsten Regionen Russlands verschrien, allerdings erleben wir Dagestan im Herbst 2019 in einem völlig anderen Licht. Als wir aufs kaspische Meer in den Sonnenaufgang hinausschauen, wächst uns mit all diesen Erlebnissen und Begegnungen ein neuer kleiner Teil der Welt ans Herz.