Magische Muster Usbekistans

Während unseres Trampabenteuers in Asien erreichten wir im Sommer 2019 Land Nummer 18 der Entdeckungsreise: Usbekistan. Im Stadtzentrum der Hauptstadt Tashkent mischt sich sozialistische Baukunst in die Kultur der Kaufmänner und unter das orientalische Flair der Seidenstraße. Mit der deutsch-polnischen Reisegruppe staunten wir schwitzend über die riesengroße Statue von Timur Lenk, dem Gründervater des usbekischen Nationalgefühls. Damals im 14. Jahrhundert wurde er in Transoxianien geboren und eroberte ganz Zentralasien, später Teile des Kauskasus‘ und Südrusslands. Das Reich Timurs erstreckte sich bald darauf auch über den Iran bis nach Indien und Syrien. Bevor er sein Territorium weiter nach Osten ausdehnen konnte, also kurz vor seinem lange geplanten Angriff auf China, starb Timur an einer Alkoholvergiftung. Bestattet wurde er im Mausoleum in Samarkand (nebenan liegt übrigens der Ex-Präsident Karimov) und die Leute hier nennen Timur das „Stahlbein“, angeblich weil er ein Bein während eines Kampfs verlor. Glaubt man hingegen der Geschichtsschreibung, litt er wegen Knochentuberkulose an einer verwachsenen Kniescheibe, wodurch er sein Bein nicht beugen konnte. „Timur der Lahme“ wäre so die plausible ursprüngliche Bedeutung des Namens Timurlenk.

Unseren Hunger auf sommerliche Popkultur sollte ein Konzert von Mansonmia stillen. Eine Marylin Manson Coverband war extra aus Armenien ins Theater nach Usbekistan gereist. Gewöhnt an die europäischen Verhältnisse für die Pünktlichkeit des Konzertbeginns, trafen wir 30 Minuten zu spät ein. Die Frau am Ticketschalter würdigte uns keines Blickes und blaffte uns durch das halbgeschlossene Verkaufsfenster entgegen, dass ihre Arbeitszeit bereits vorbei sei. Nach fünf Minuten Sprachlosigkeit nutzten wir die Raucherpause des Portiers und schlichen durch die Eingangstür. In der leeren Eingangshalle gelandet, bewegten wir uns Richtung Musik zu einer Treppe ins Untergeschoss. Hinauf kam gerade ein älterer Mann mit langem Haar an einer Halbglatze. Wir erklären nochmals unseren Wunsch, was ihn dazu brachte, die Verkaufsdame erneut darüber in Kenntnis zu setzen, Tickets zu verkaufen. Geld stinkt nicht mal im Theater.
In dem dunklen Saal waren die Sitzplätze gut gefüllt und die Lüftung funktionierte tadellos. Auf der Bühne stand die Rockband, hinter zwei Feuertonnen und reichlich Absperrband. Marylin Manson also. Sie wirkten wie eine Schülerband, warteten mit den klassischen Rockband-Instrumenten auf und hatten jede Menge Theatralik mitgebracht. Der Bassist spielte einfache Rhythmen, zurückgezogen unter seine Kapuze, der Sänger versuchte durch ein Portfolio aus allerlei gruseligen Grimassen mit immer dem demselben verrückten Kajal-Blick sein Publikum in den Bann zu ziehen. Gitarrist konnte schon ordentlich im Takt rocken (und dazu hüpfen!) wie die ganz Großen und daneben rückte der Schlagzeuger wie üblich in den Hintergrund des Auftritts. Die vier Jungs auf der Bühne amüsierten mich jedenfalls köstlich. Dementsprechend groß schein mein Hunger nach Rockmusik zu sein.

Es war gerade Mitte Juni, als uns die drei in Tashkent wieder verließen. Wie nach einem Wirbelsturm legte sich eine beschwerende Ruhe über unseren Reiserhythmus. So gönnten wir uns in Tashkent bei den Couchsurfern Tawney und Ilkhom im kleinen Häuschen am Stadtrand erstmal ein paar Tage Pause. Gerade waren Aprikosen, Kirschen und Maulbeeren reif und fielen an jedem Gehweg von den Bäumen direkt in den Mund oder wurden uns Eimerweise über den Gartenzaun gereicht. Abgesehen davon ist Usbekistan zu dieser Zeit nicht zu empfehlen, denn die Temperaturen klettern auf mindestens 38 °C. Unser Zelt stand im Garten und wenn die Sonne morgens um 9 über die Mauer geklettert war, verbrannte der schlaftrunkene Kopf zusammen mit Stoff, Metall und Haut. Auch Busfahrten waren unerträglich: Die Klamotte klebt am verschwitzten Körper und salzige Rinnsale bilden sich entlang der Wirbelsäule und an der Rumpfseite. Zu allem Übel sind im muslimischen Usbekistan Miniröcke oder freie Arme tabu. Kein Luftzug regt sich, im schlimmsten Fall sitzt man an der Sonnenseite meilenweit entfernt von einem Fenster. Eine göttlich erfrischende Brise kommt höchstens an der nächsten Haltestelle hineingerauscht. Ilkhom erzählte während einer solchen Schwitzefahrt, dass für nächstes Jahr die Installation von Klimaanlagen in den Bussen geplant sei. Sowas gibt es schon länger in der Tashkenter Metro. Besonders der muffige Wind, der durch die U-Bahn zieht, kühlt Körper und Geist und erlaubt ein angenehmes Vorankommen im Hochsommer, zum Beispiel, wenn man das einzig Richtige zu dieser Zeit unternimmt: Ab ins Rutschenparadies im Freibad!

Wegen der Hitze im Land sparten wir uns anschließend weiteres Fortkommen per Daumen und buchten usbekische Zugtickets von Tashkent nach Samarkand und Denau an die Grenze Tadschikistans. Das unbefriedigende Online-Buchungssystem bedürfte einer Generalüberholung, besonders was dessen Zugriffsstabilität anbetrifft. Und selbst bei Onlinebuchung müssen die Fahrkarten vor der Abfahrt am Schalter abgeholt werden. Wir entschieden uns für die gemütliche Variante in einem üppigen Vier-Mann-Abteil, in dem uns zuerst die bronzefarbene Tischdecke auffiel und unter den bauschigen Kissen und Decken aus den 70er Jahren ein weicher, roter Lederbezug zum Vorschein kam. Auch die Klimatisierung sprang bei Abfahrt des Zuges an, verscheuchte die Rinnsale aus Schweiß und brachte die untersetzten Zugbegleiter dazu, die weißen Unterhemden wieder unter der Uniformjacke zu verstecken. Samarkand erreichten wir nach der Durchquerung der flachen, trockenen Landschaft in der Abenddämmerung und liefen den Passagieren hinterher zu einem verschlossenen Ausgang, der erst nach langem Suchen des Schlüsselträgers geöffnet werden konnte. Die Anfragen der Taxifahrer ließen uns kalt, denn in Samarkand gibt es eine (!) Straßenbahnlinie zum zentralen Basar.
Als Inbegriff der Seidenstraße zieht die Stadt mittlerweile den Massentourismus an. Sieben Jahrhunderte v. Chr. entstand hier in der fruchtbaren Ebene an einer Oase eine Siedlung namens „Afrasiab“ (aus dem persischen wahrscheinlich „oberhalb des schwarzen Flusses“). Der schnittige usbekische Schnellzug „Afrosiyob“ schafft heutzutage bis zu 250 km/h, Lichtjahre entfernt von den Geschwindigkeiten der Karawanen auf der antiken Handelsstraße. Diese betrieben nicht nur den Austausch von Waren sondern beschäftigten sich auch mit Wissenschaft und Technik dank der Griechen und später der Araber. Nach der Zerstörung der alten Siedlung Afrasiab baute man die Stadt etwa einen Kilometer entfernt an neuer Stelle mit neuem Namen wieder auf. Später verlegte Timurlenk die Hauptstadt seines Reichs nach Samarkand. Der berühmte Mathematiker und Astronom Ulugh Beg verwaltete die Stadtgeschäfte 100 Jahre später als Bürgermeister und lehrte in seinem Planetarium. In dieser Zeit entstand auch die nach ihm benannte Madrasa als erste der drei Hochschulen am Registanplatz. Mit der Grundfarbe Türkis und mannigfaltiger Mosaikkunst ist er einer der schönsten Plätze Zentralasiens. Die prächtigen Muster aus nächster Nähe zu betrachten kostet mittlerweile stolze Eintrittspreise. Zufällig erhaschten wir einen Sitzplatz in den vorderen Reihen für die imposante Lichtshow, die sonntags nach Sonnenuntergang am Registan gezeigt wird (auf einer Tribüne weit genug entfernt von den Gebäuden, um ohne Tickets auszukommen).
Kurz zuvor noch hatte uns eines der zahlreichen Gästehäuser in der Altstadt aufgenommen. Die Klimatisierung der Wohnhäuser wird mit einem großzügigen Innenhof bewerkstelligt, der gelegentlich von Weinranken beschattet wird oder in dessen Mitte Sträucher und Obstbäume vor der unerbittlichen Sonne schützen. Die heiße Luft des Tages zieht vorbei und die Wohnräume bleiben durch den Schatten der gegenüberliegenden Seiten angenehm kühl. Sobald man tagsüber jedoch das Haus verlässt, schlägt die Hitze unerbittlich zu. Deshalb verbrachten wir die heiße Tageszeit von 10 – 4 an den Herumlungerplätzen im Hof, wo man etwas erhöht auf weichem Teppich und farbigen Kissen an einem kniehohen Tisch lagert. Hier reichte die bunt gemusterte Frau des Hauses stets schwarzen oder grünen Tee aus blau gemusterten Kannen mit einer Auswahl an Bonbons und Süßem. Und so d lernten wir die leckerste Teesüßigkeit Usbekistans zu schätzen: Arachis, eine Art weichen weißen Karamells mit ganzen Nüssen darin, das im ganzen Block verkauft wird (vergleichbar mit französischem Nougat). Andernfalls erschöpft sich die usbekische Küche wie in ganz Zentralasien nach einer Woche Plov (tradiotionell usbekisches Reisgericht mit Möhren und Fleisch), Schaschlik, Schorba (Brühe mit einem riesigen Stück Fleisch) und Laghman (dicke Nudeln in Tomateneintopf).

Gesellschaftlich ändert momentan eine Menge. Die Situation der Zensur von Kunst, Kultur und für politisch Andersdenkende hat sich seit dem Präsidentenwechsel 2016, nach dem Tod des alten Präsidenten Karimov, extrem verbessert. Wurde man früher weggesperrt und verhört, ist heute ein reger Austausch über ehrliche Meinungen zur Politik möglich geworden, und in Zeitungen und im Theater wird den Regisseuren und Schreibern weitgehend nichts entgegengesetzt. Auch ausländische Firmen investieren seitdem im Land und Usbekistan öffnet sich für den Tourismus.
Die bei Reisenden oft diskutierte Registrierungspflicht verliert an Bedeutung. Bis vor kurzem musste jede Übernachtung mit einer speziellen Registrierungskarte dokumentiert werden. Die werden von Hotels oder auch online gegen eine Gebühr erstellt und bei der Ausreise von den Grenzpolizisten auf Vollständigkeit kontrolliert. Bei unvollständiger Registrierung während des Aufenthalts wurde mit Strafzahlungen und Verbot der Wiedereinreise geahndet. Unsere drei Karten waren weit entfernt von Vollständigkeit und hatten einen ausgeprägten Wurstblattcharakter, da wir im Zelt und bei Couchsurfern übernachtet hatten. Der mürrisch dreinblickende Grenzbeamte mit seiner tellergroßen Furaschka neben sich verlangte die Zettel, mein Herzklopfen und die Angst vorm usbekischen Gefängnis legte sich aber gleich wieder. Der Beamte heftete die Zettel ab ohne sie eines Blickes zu würdigen und wünschte mir eine gute Weiterreise.
Einzig das Finanzielle muss größtenteils mit dem Umtausch von Bargeld geregelt werden. Devisen Devisen, ausschließlich in vollkommen unversehrten Scheinen. An der Grenze wurden wir durch den niedrigen Kurs wieder zu Millionären. Bald werden sicherlich auch die Kreditinstitue in der Lage sein, die Landeswährung Som auszuspucken. Momentan kann man in der Hauptstadt im Hotel Continantal nur Dollar abheben, die man dann in der Wechselstube nebenan tauschen kann. Aber Achtung, wenn diese Dollarnoten nicht vollkommen unversehrt sind, reagiert jede Dame hinter der Glasscheibe empört und stellt sich vorm Umtausch quer (selbst wenn sie frisch aus dem Automaten geblättert wurden).

Für Liebhaber von Mustern wird die Reise durch Usbekistan zu einem einzigartigen Erlebnis. Teppiche, Frauenkleider, Männerhemden, Schals, Moscheen und Mausoleen, Plätze, Mosaiks usw. sind stets geschmückt mit verspielten Formen und Farben. Darüber hinaus ist die Gastfreundschaft der Usbeken ein Unikum in der Gegend zwischen den eher zurückhaltenden nomadischen Bergvölkern in Kirgistan, Kasachstan und Tadschikistan. Außerdem wird durch die lange Tradition des Warenaustausches beim Feilschen um den Preis kein Auge zugedrückt und man kann sich als guter (oder mittelmäßiger) Kaufmann beweisen. Und man darf sich an vielen Stellen wundern darüber, wie das Leben anderswo funktioniert.

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