Back in Almaty

Die wunderschöne Stadt Almaty erreichten wir auf unserer Trampreise nach der Durchquerung Chinas. Dort im Südosten Kasachstans durchzog Ende Mai ein sattes Grün die Straßenzüge und leuchtete vom Alatau-Gebirgszug hinab, der sich im Süden der Stadt über die Wolkenkratzer erhebt. Sobald die Sicht über eine Chaussee oder einen Kanal frei wird (und ein wolkenloser Himmel es erlaubt), drängt sich der verschneite Pik-Talgar mit seinen knapp 5000 m ins Blickfeld. Durch die verschachtelten Innenhöfe der Plattenbauten entschwindet man schnell den lärmenden Hauptstraßen. Die Stadt des Apfels fasziniert mit einer Mischung aus Natur, sowjetischer Historie und moderner Architektur, großzügigen Plätzen und verfallenen Fabriken, Leuchtreklame und verglasten Hochhäusern: eine hippe Metropole, die von Nostalgie verwirbelt ist. Kurzum: Almaty lädt zum Verweilen ein.

Nach unserem Besuch in China empfanden wir die Ankunft in Kasachstan als Wohltat: endlich wieder Verstehen, denn kommuniziert wird in den Städten Kasachstans hauptsächlich auf Russisch. Werbeschilder, Richtungsangaben oder das nächste Restaurant zu erkennen, die Speisekarte lesen zu können und dem Kellner zu erzählen, was man sich zu Essen wünscht, ohne zufällig Hühnerfüße oder eingelegten Magen vorgesetzt zu bekommen. Dazu gehörte auch die Wiederentdeckung, wie facettenreich aromatisch ein Espresso schmecken kann, wie lustig Pizzaessen betrunken ist und dass wir als russische Einheimische durchgingen. Es fühlte sich gut an unterzutauchen – immerhin waren wir seit einem halben Jahr als offensichtliche Touristen unterwegs, vom Iran nach Indien, Südostasien und China. In Kasachstan würde uns vorerst nur noch unser Rucksack verraten.

Über die Abkürzungen durch die offenen Innenhöfe der Wohnsiedlungen und mit der Metro ist Stadt Almaty sehr fußgängerfreundlich. Ein amerikanischer Austauschstudent hat das Fußgängertum soweit auf die Spitze getrieben, nahezu das gesamte Gebiet der Zweimillionenstadt laufend zu erkunden. Die Charakter der Stadtteile und allerlei Karthografien von kleinen Blickfängen, wie z.B. Graffitis, Mosaike, hölzerne Tore und Bushaltestellen sind auf seiner Internetseite zusammengestellt: http://www.walkingalmaty.com/. Dort kann man sogar alternative Stadtführungen buchen.

Für beste Entspannung empfehlen sich auch die Badehäuser, die man am besten unter der Woche besucht. Ins „Arasan“ gehen Frauen und Männer getrennt für einen schmalen Taler. Haben wir nicht gemacht, denn die zum Greifen nahen Berge haben uns gelockt. Almaty (früher Alma-Ata) ist der Großvater des Apfels, diese alten Apfelbäume mit den kleinen Früchten stehen im Alatau-Gebirge, an dessen nördlichem Rand Almaty liegt. Mit Metro und Bus fährt man eine Stunde aus der Innenstadt ins Skigebiet Shymbulak, mit Seilbahn für Schneespaß oder Mountainbiker und Wanderrouten auf die Bergspitzen. Tolle Blicke über Nebelschwaden hinweg eröffnen sich über die Apfelstadt. Verlässt man die City weiter westlich über Nurlytau in Richtung Süden, erreicht man per Taxi und zu Fuß den Großen-Almaty-See, der tiefblau zwischen den steinigen Gipfeln auf 2500 m Höhe glänzt.

Nach einem langen Wandertag gönnten wir uns im Reporter mit den Querköpfen ein Dorffest-Bier. Anderntags landeten wir in der Banka-Bar, bestellten aus Versehen drei Liter Bier und wunderten uns über die Leute in Anzug, Abendkleid und feinstem Garn, die zu der flotten Ska-Band abhotteten.

Trotz des repressiven kasachischen Staats, dessen Kontrolle das freie Leben beschneidet, ist Almaty eine Oase der Subkultur. Mutige Querköpfe stellen sich mit kleinen und großen Aktionen in den Weg der Präsidialherrschaft. Die weniger Aufmüpfigen treiben sich in den Spaß- und Vergnügungsparks herum, im Zentralen Park für Kultur und Freizeit zum Beispiel. Vorbei an einem Reiterdenkmal schlendert man entlang der Parkalleen unter hohen Bäumen, erschrickt sich an den riesigen Saurierzähnen am Eintrittsportal des Dinoparks, lauscht dem Tuten der Parkeinenbahn, beobachtet rasende Radfahrer im Velotrek, erfreut sich an dem angelegten Parksee mit Delfinarium und entscheidet sich für Riesenrad, Kettenkarussell oder Zuckerwatte.
Ein Fahrgeschäft sprang uns ins Auge, bei dem man in einem Tretgefährt auf einer Metallschiene zehn Meter über den Köpfen der Spaziergänger eine kleine Runde um den Park fahren konnte. Doch keiner fuhr und niemand bewachte die Fahrradbahn. Trotzdem, funktionstüchtig sah die Anlage aus, also inspizierten wir die Doppelsitzerfahrräder aus der Nähe und probierten die Fahrtüchtigkeit selbst aus. Kurz nach dem Start rollte unten eine dicke Frau vorbei und rief uns zu: „Habt ihr gar kein Ticket gekauft?“ Und wir so: „Nein, Verzeihung!“
„Wenn ihr fertig seid, kauft ihr eins!“
Etwas verlegen strampelten wir langsam weiter und überlegten eine Fluchtstrategie. Ob man über einen der Stützpfeiler abklettern könnte? Das bedeutete allerdings durch den stehengelassenen Radwagen einen schlimmen Stau, heiloses Durcheinander und schlimmstenfalls Entgleistung der Fahrräder. Uns blieb nichts übrig, als weiterzuradeln. Schließlich erreichten wir den Ausstieg, an dem mittlerweile ein Ordner für den reibungslosen Aus- und Einstieg zuständig war, denn wir hatten durch die Erstbesteigung weitere Interessenten angezogen. Er wies uns den Weg nach unten, ohne nach einem Bilet zu fragen. Wir überprüften den Weg am Fuß der Treppe, die dicke Frau war wieder verschwunden. Ein Blick zwischen uns genügte und wir spurteten in die entgegengesetzte Richtung aus dem Park…

Almaty, du Perle, wir kommen sicher mal wieder!

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