2500 km durch die Wüste: China Teil 4

China ist riesig und vielfältig. Die ersten 2500 km im Süden führten uns durch eine frische grüne Berglandschaft mit klassischen Pagoden, immerzu tanzenden Sportgruppen und dicht besiedelten Millionenstädten. Anders war der Weg über nochmal 2500 km Richtung Westen, der von der Hochebene in Qinghai und der Wüstenlandschaft in Xinjiang geprägt wird, einer Mondlandschaft mit farbigen Felsen und wenigen Menschen, schneebedeckten Gipfeln und ganz viel Sandwüste. Yaks vs. Kamele. Und Trampen in Xinjiang ist eine Sache für sich.

In der Provinz Qinghai spürt man den kulturellen Einfluss aus dem südlich gelegenen Tibet: an der Tempelarchitektur, buschigen Yaks auf den Wiesen und an buddhistisch entspannten Gemütern der Menschen. Hier wird vieles vermischt, sogar Moscheen sieht man wieder und die Straßenschilder erklären die Richtung drei- bis viersprachig. Peking ist weit weg und die Region auf der Hochebene wegen der kargen Landschaft und extremen Klimas nur dünn besiedelt. Kühl wurde es uns im Mai auf 3500 m am Qinghai-Ho (See), wie schön wäre doch die heiße Schwitzesonne aus Laos. Der See ist riesig, das Wasser eisig-klar und bei gutem Wetter sieht man sechzig Kilometer weit bis zum anderen Ufer. Unsere netten Fahrer, zwei Männer, waren unterwegs zu einem Ausflug an ihrem freien Tag, eine Runde um den See (500 km!). Wir fuhren zusammen bis zum Südufer kurz hinter Heimahexiang, dort organisierten sie uns einen Zeltplatz am Gästehaus und rauschten zurück nach Xining entlang des Nordufers. In der ofengewärmten Küche gab der Freund des Inhabers enthusiastisch auf seiner Gitarre tibetische Volksmusik zum besten. Musik funktioniert zum Glück ohne Sprachkenntnisse. Der wunderliche Koch mit der gelben Jacke wärmte Yakmilch und wir jonglierten uns durch die sperrige Situation, nicht die gleiche Sprache zu sprechen. Nach einer Fotosession schlüpften wir ins Zelt, an dem der eisige Wind rüttelte.

Weiter nach Westen liegt der Ort Haixi. Die Stadt fällt unter den Status „Militärzone“ (Atomtestgelände?). Es ist nicht möglich, sich als Ausländer dort aufzuhalten, das machte unser Fahrer mit aufgerissenen Augen und wilden Gesten klar. Also nix mit Abendbrot, Hotelbett und Dusche. Glücklicherweise erwischten wir noch ein Auto vor der Dunkelheit, das uns dreißig Minuten in voller Geschwindigkeit in die Wüste brachte. Der nette wilde Autofahrer stoppte abrupt und machte uns Beine das Auto zu verlassen: weiter vorne wäre eine Polizeikontrolle. Hals über Kopf purzelten wir aus dem Fahrzeug, ich schmiss noch einen Sticker durchs Fenster und die Karre verschwand in einer Staubwolke, zurück nach Haixi. Beim Winken schlich sich kühl die Nacht in meine Glieder…Mist, die Windjacke auf dem Rücksitz liegenlassen (unterwegs haben wir übringens schon Hut, Schal, Stift, diese Jacke, Kaugummis, Wasser und eine Mütze in Fahrzeugen vergessen). Wildromantisches Zelten im trockenen Flussbett neben der Autobahn fühlte sich im Vollmondlicht tatsächlich verwegen an.
Morgens sind wir motiviert zu neuer Tat geschritten, der spärliche Verkehr stand unserem Wunsch vom Kilometern allerdings im Weg. Alle fuhren wieder nur in die nächste Großstadt, aber nicht in die angrenzende Provinz. Mit einer geschenkten Tüte Obst waren wir im zweiten Auto gut unterwegs, doch man fuhr uns zum Ortseingang einer Stadt, weit entfernt von der Autobahn. Zurück dorthin durch einen Apfelhain, aber an der Schnellstraße rauschten nur ein paar wenige LKW an uns vorbei, nur auf der gegenüberliegenden Seite hielt ein Wohnmobil (falsche Richtung). Zurück durch die Stadt gelaufen, vorbei an wunderlichen Monumenten. Immerhin überragte ein riesiger Schneeberg alle Verzweiflung. Die Gegend Dachaidanzhen ist wunderschön. Am Ende fanden wir uns auf einer Rückbank mit flotten Geschäftsmännern wieder: vier Stunden rasante Fahrt vorbei an verschneiten Berggipfeln, schroffen Felsen und verlassene Landschaft wie von einem anderen Planeten bis hinüber in die Sanddünen der Wüste, zum Jadetor nach Dunhuang (Gansu).

In Dunhuang kam Frank auf die geniale Idee, tausend Kilometer Überwachungsprovinz Xinjiang zu sparen und über Almaty in Kasachstan zu unserem Treffen am kirgisischen Issykkul zu reisen. Da war es wieder, dieses Herzklopfen an der Provinzgrenze von Gansu nach Xinjiang. Die chinesische Regierung hat ein besonders strenges Auge auf die dort ansässigen Uiguren geworfen. Auch unchinesisch aussehende Langnasen können nicht mal einfach so durch die Provinz pilgern. Aus Angst um die eigene Sicherheit, vielleicht aber auch um unsere, kontrolliert die Polizei alle 50-100 km sämtliche Fahrzeuge und deren Insassen. Bei Ausländern dauert die Prozedur gerne auch mal zwei Stunden. Wie bei der Einreise nach China mussten wir am Grenzposten ewig warten, diesmal hatte unser Fahrer allerdings eine Engelsgeduld und übernahm die gesamte Kommunikation mit den Polizisten. Er und seine schönheitsoperierte Freundin hatten uns schon in Dunhuang eingesammelt, um uns 400 Kilometer mitzunehmen, und fütterten uns mit Trockenfleisch. Interessanterweise waren die Polizisten mit dem Phänomen „Trampen“ ausländischer Reisender vertraut. Die Ansage für Xinjiang lautete nun, unter Polizeischutz weiterzufahren, zunächst per Eskorte hinter einem Polizeiauto. An der nächsten Kontrollstelle wurden erneut alle Daten aufgenommen und nun „trampte“ ein Polizist im Auto mit. Als wir die nächte Großstadt erreichten, landeten wir wieder in der Polizeistation. Der lustige chinesische Fahrer und seine Porzellanfreundin gingen ihrer Wege – wir machten den Polizisten klar, dass unser Ziel noch nicht erreicht sei, wir wollten weiter ins touristische Turpan, wo wir auf weniger Polizeischutz hofften. Ein Polizeiauto rollte heran, um uns zur Raststätte an der Autobahn zurückzubringen. Zwei Polizisten stiegen aus, nötigten uns auf dem Rücksitz zu warten, und versuchten tatsächlich einen Lift zu organisieren! Hinter uns schnarchte der beobachtende Polizist mit seiner Kamera um den Hals, wir schauten den Beamten draußen zu, wie sie vergeblich versuchten, ein passendes Auto zu finden. Nach 30 Minuten erfolglosem Suchen hatten sie genug, wir wurden in das Polizeihauptquartier gebracht. Autowechsel. In einem großen Bogen umfuhren wir (zum Glück) den Bahnhof, es ging zurück zur Autobahn, zum nächsten Checkpoint. Langsam wurde es dunkel, doch Turpan lag noch ein paar Hundert Kilometer entfernt. Das Vertrauen in den Erfolg der Polizisten bei der Liftsuche war enorm gesunken. Beim Aussteigen schnappte ich mir deshalb das Hitchhiking-Schild und wollte schon zur Straße stiefeln, als ich mit einem lauten Ruf und wilden Gesten zurückbeordert wurde.
„You must wait!“

Und so warteten wir, fast zwei Stunden lang. Ist das denn noch Trampen, wenn die Polizei dem Tramper Lifts sucht und die Fahrer zum Mitnehmen verdonnert? Schließlich wurden wir in ein fremdes Auto gesetzt, das uns tatsächlich bis nach Turpan mitnahm. An der Mautstation erklärte man, dass Zelten auf keinen Fall in Frage käme und mit einem Taxi wurden wir ins Stadtzentrum gebracht. So weit nach Mitternacht war kein Hotel mehr offen. Wir probierten die Sturmklingel am Hostel, dessen zerzauster Chinese und seine Frau uns mitleidig abwiesen. Das Hostel wäre vorrübergehend außer Betrieb und sie wollten keinen Ärger wegen illegealer Übernachtungsgäste. Also Durchmachen – nur wie soll das gehn? Geschäfte und Bars waren längst zugesperrt. Wir entschieden uns gegen eine Dauerbehandlung in einem noch operierenden Massagestudio und trafen ratlos zurück auf der Straße, es war mittlerweile 3 Uhr, zwei betrunkenen Jungs auf einem Fahrrad. Diese zeigten uns ein kuscheliges Plätzchen im Park neben dem Museum. Dort schlummerten wir bis zur Dämmerung …
Dieses unfreie Polizeiüberwachungsgetue war uns eindeutig zu viel. Nach einem Besuch der Stadt Turpan tagsdarauf wollten wir nur noch raus aus diesem Land. Per Lift nach Ürumtschi (wobei wir den einzigen Checkpoint auf der Strecke weiträumig zu Fuß umgingen) und mit dem Zug an die kasachische Grenze. Am Bahnhof wollte man uns unsere Taschenmesser abnehmen, was ich nur mit viel gespielter Unwissenheit  auf die schlecht übersetzte Frage „Do you have a peeler?“ und einem geschickten Versteckspiel unterbinden konnte. Über Nacht bis Ili im Zug, von dort im Morgengrauen nach Korgas getrampt.
Die nächste Hürde war, die tatsächliche Grenze zu finden. Die Locals wissen davon nichts, Einheimische scheinen den Übergang nicht zu benutzen. Mehrmals schickte man uns in die Dutyfree-Einkaufszone, auch dort wusste niemand vom eigentlichen Grenzübergang. Der befindet sich 7 km südlich und ist bis dato in keiner Landkarte eingezeichnet. Ein modernes, viel zu großes Gebäude mit Pling-Pling und Brimborium für extrem mageren Transitverkehr. Die Grenze für Cargos und Züge ist direkt nebenan und wird separat abgefertigt. Gerade waren wir noch ganz allein auf dem riesigen Gelände, als ein kasachischer Reisebus vor dem Glaskasten hielt. Die Insassen hatten ordentlich eingekauft und brauchten am X-Ray Stunden, um ihre Kisten, Kartons und riesigen Koffer aufs Band zu hieven. Für uns sollte die Grenzbeamtin ein ganz besonderes Interesse haben: wir hatten schon alles hinter uns, als sie meine Hand kurz vorm Erreichen der Türklinke nach draußen zurückhielt. „Habt ihr Telefone dabei? Wir müssen sie kontrollieren.“ Auf beiden Telefonen schauten sie ALLE Bilder durch, die wir während der Reise gemacht hatten. Löschten das Bild einer chinesischen Polizeistationen, amüsierten sich über komische Gesichter und fragten zu einem Foto mit schwarzbärtigen Mann, ob das unser Freund sei (klar, den haben wir aber schon im IRAN getroffen!). Den Computer nochmal vorzeigen, ebenso die Kamera. Glücklicherweise kontrollierten sich nicht auf Speicherkarten und Festplatte, das hätte Jahre dauern können. Endlich draußen, der nächste Schlag ins Gesicht: Ein Wichtigtuer in Uniform hielt uns zurück und sprang aufgeregt aus seinem Kontrollhäuschen als wir zu Fuß die Grenze überqueren wollten. Das ist absolut verboten. So kam uns der Reisebus doch noch zu Gute, die Kasachen luden uns ein, gemeinsam im Schlafbus Nummer 1 bis nach Almaty zu fahren.

Hinter der Grenze waren wir erleichtert darüber, endlich wieder die Landessprache (einigermaßen) sprechen und verstehen zu können, in einem gemütlichen Bett ein Unwetter zu durchqueren, unsere Freiheit wiedererlangt und 5000 km in 26 Tagen durch China geschafft zu haben.

Vermissen werden wir die lustigen chinesischen Waren im Supermarkt (lebende Frösche, Fische im Aquarium, eingeschweißte Enten- und Hühnerfüße, verrückte Pilze, Bohneneis etc.), die Tanzgruppen im Park, die vielfältigen Speisen (besonders in den folgenden drei Monaten Zentralasien) oder die lustigen Bilder und Sprüche auf den T-Shirts. Und natürlich all die lieben Menschen, die wir getroffen haben.

Mach’s gut, China! Ich hoffe, wir sehn uns.

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