Richkids: China Teil 3

Wer unterwegs ist in China, dem drückt sich die unaufhaltsame Entwicklung jeden Tag aufs Auge. Eine wohlhabende Mittelklasse wächst rasant und bevölkert die zahlreichen Riesenstädte, von deren Namen (in Europa) noch keiner gehört hat. Xi’an, Chengdu, Kunming, Lanzhou usw. Ganze Stadtteile entstehen in rasender Geschwindigkeit nagelneu, nichts als Hochhäuser und nichts unter 13 Stockwerken, daneben Wohlfühlparks zum Vergnügen und zerstreuen – im Plastikpool Goldfische angeln und in Roboterexoskeletten über den Platz heizen – selbst in den kleinen Großstädten wie Baoji, wo schon seit 10 Jahren mehr Leute leben als in Berlin.
Auf LinLins Empfehlung besuchten wir dort ihre Freundin Meili mit Chucky, die zusammen in einer WG im 9. Stock wohnen. Meili hat eine kleine Tochter, die Großeltern kümmern sich rührend. Und auch uns bettet die herzliche Meili in Watte.

„Was wollt ihr Essen?“ ist mehrmals am Tag die wichtigste Frage, die sie umtreibt. „Habt ihr schonmal (???) probiert?“ Sie und Chucky kümmern sich um unser Wohl und darum, dass wir alles probieren, was China zu bieten hat. Nudelsuppe mit dünnen, dicken und Glasnudeln, Brotsuppe mit Rind, Hotpot, Mini Hotpot, klassische Gemüsepfanne, Reis mit Scheiß, Milchreis und Tofuwürfel am Spieß kosten wir. Und auch getrunken wird ordentlich, in der Kneipe nach dem Abendbrot treffen wir ein paar Freunde und trinken Feldschlösschen Weizenbier.
„Und morgen probieren wir chinesischen Wein. Das ist der Beste!“
Zu fünft gehen wir ins HotPot-Restaurant, das dem Freund einer Freundin gehört. Es gibt jede erdenkliche Zutat, aufgespießt auf kleine Holzspieße für den riesigen Suppenpott in der Tischmitte: Fischsorten, Schrimps, Fleischsorten, Tofusorten, Grünzeug, Karotten, Kartoffelscheiben, Pilzsorten usw. und von allem zu viel. Schließlich reckt sich die Freundin des Restaurantbetreibers hinter der Theke zum obersten Regal und schnappt sich eine goldene Flasche, die sie zurück am Tisch stolz wie ein Osterhäschen präsentiert. Darin schlummert der feine chineseische Wein. Wir sind ganz aufgeregt, denn guter Wein fehlt uns unterwegs wirklich sehr. Verwundert beobachten wir, dass man kleine Schnapsgläser in einer Reihe aufstellt, die mit einer glasklaren Flüssigkeit aus der goldenen Flasche gefüllt werden. Der Schnapsgeruch kriecht uns in die Nase und wir klackern mit den Schnapsgläsern ein lautes „Prost!“ Das Zeug hat ordentlich Pfeffer und schmeckt nach sprittigem Obstler. Trotz der kleinen Schlucke werden wir von einer zweiten Runde nicht verschont.
Jetzt aber los, es ist schließlich Samstag Nacht: auf zur Karaokebar! Meili erzählt, dass es in Baoji ziemlich dörflich zugeht; Diskotheken und Bars sind rar gesät, am Wochenende bleibt nur Karaoke zum Ausgehen. Zusammen fahren wir an einem Einkaufszentrum vor und betreten die spiegelglatte, güldene Eingangshalle der Karaokebar. Mit dem Fahrstuhl hinauf, entlang eines verspiegelten Gangs auf Marmorfussboden, hinein in das gebuchte Separée. Ledercouches an drei Seiten stehen bereit, der Glastisch knarrzt unter den vielen Getränken. Sogar ein eigenes Klo mit goldener Schüssel ist an den Raum angeschlossen. Ein riesiger Flachbild zeigt die Optionen zum Singen, wir drücken uns in die Ledersessel und reichen das Mikrophon immer schnell weiter. Meili schmettert eine chinesische Liebesschnulze, Chucky mit einer goldenen Stimme zu Cranberries „Zombie“. Sogar die Jungs singen glasklar und reißen sich geradezu ums Mikrophon. Mit verschiedenen Mitteln zwingt man uns schließlich das Mikro auf, wir zieren uns lange, aber auch wir müssen ein Lied singen. Das Bier auf Ex und dann singen Frank und ich ein schiefes Duett der Herzen – natürlich „My Heart Will Go On“.

Eine kleine Pause von all dem Essen gönnen wir uns am nächsten Morgen und retten uns in die umliegenden Bergen Baojis für eine kleine Wanderung. Meili und ihre Eltern haben nicht so recht verstanden, was wir außerhalb der sicheren Grenzen der Großstadt suchen und es bedurfte einiger Diskussion und Erklärung, dass selbstorganisierte Besuche im Wald ohne Guide wirklich funktionieren. Chinesen reisen grundsätzlich in der Reisegruppe, haben große Angst vor gefährlichen Tieren im Wald und sind hauptsächlich an berühmten und ausgebauten Sehenswürdigkeiten interessiert. Unterwegs treffen wir dennoch ein paar Wanderer und erklimmen einen kleinen Berg mit einer schönen Pagode, in der vor langer Zeit einmal Mönche gelebt haben. Der Wald riecht gut, wir finden verrückte Käfer, Beeren und Schmetterlinge und baden im Fluss.

Als wir ganz selbstständig zurückkommen, ist Meili erleichtert. Dennoch, Abschied muss sein. Als wir am nächsten Morgen aufbrechen wollen, besteht sie darauf, dass wir nicht ohne Frühstück losfahren. Sie habe schon bei 3 verschiedenen Restaurants bestellt. Im Fernseher läuft die neuste Staffel Game of Thrones, als der Lieferservice läutet. Meili präsentiert uns eine riesige Aluassiette, aus der uns ein riesiger Fisch anstarrt, auf Nudeln und Gemüse mit Erdnüssen und Chilli. Dazu Entenhals. Die Staffel läuft durch bis der Fisch verputzt ist, bis in den späten Nachmittag. Dann bleiben wir wohl noch eine Nacht. We ❤ Meili and Baoji!


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Der Versuch, Baoji zu verlassen gestaltet sich auch am folgenden Mittag schwer, als wir wirklich an der Auffahrt stehen. Auf einmal fahren alle Autos nur Richtung Xi’an, dorthin wollten schonmal vor einer Woche. Als die Polizei eintrifft und uns wegschickt, versuchen wir unser Glück an einer Auffahrt weiter westlich und schaffen es diesmal tatsächlich auf die Autobahn in die richtige Richtung. Kurz darauf begann die unglaubliche Fahrt mit Nathan:
An der Mautstelle hält ein überdimensionaler Ford Pickup, die beiden Jungs darin haben ein Crossroadmotorrad geladen und sind unterwegs nach Xinjiang. Nathan spricht super Englisch, war schön öfter in Europa und wir fahren zusammen 400 km direkt bis in die nächste Großstadt Lanzhou. Unterwegs werden wir gefüttert mit einem Hahn, Burgern und Snacks aus der Tüte. Während der rasend geschmeidigen Fahrt fragt Nathen uns nach unserer Telefonnummer und ist ziemlich enttäuscht, dass wir kein WeChat benutzen. „Das ist doch sooo praktisch! Wir machen hier in China alles damit!“
Abends in Lanzhou wird nach ewiger Fahrt durch die Stadt im feinen Restaurant gespeist. Nach einer weiteren Rundfahrt halten wir vor einem Oppo-Laden, den Nathan nach 10 Minuten mit einer gestärkten Papiertüte wieder verlässt. Er drückt uns die Tüte auf dem Rücksitz in die Hand. „Hier für euch, ein neues Telefon. Gib mal her, ich mach dir da das WeChat drauf … So. Die Powerbank ist für euch unterwegs ganz wichtig, die ist auch in der Tüte.“
Als wir erzählen, dass wir im Zelt schlafen wollen, bucht Nathan uns ein Zimmer in einem gerade eröffneten Appartmenthaus: zwei Schlafzimmer, Küche, Bad, Wohnzimmer, im 15. Stock. Am nächsten Morgen um 9 gehts weiter – beim Frühstück erstmal schön das Hemd mit fettiger Nudelsuppe eingesaut (ein gekochtes Ei mit Stäbchen Essen ist immernoch eine Kunst). Der Ford bringt uns durch skurrile Felsformationen in die nächste Provinz nach Qinghai. Und Nathan verabschiedet sich in seinen Ausflug auf die Staubrennstrecke.

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