Trampen in China ist eine Sache für sich. Wer eine Daumenreise wagt, wird beglückt durch die unglaublich guten Autobahnen: eine echte Wohltat insbesondere nach den maroden Straßen in Laos. China ist Konstruktionsweltmeister. Das merkt man in den hügeligen Gebieten von Yunnan und Sichuan, denn kein Berg kann die Schnellstraße aufhalten. Gigantische Brücken reihen sich an zahlreiche Tunnel und man durchquert das Gebirge mühelos bei einer konstanten Geschwindigkeit von 120 km/h. Für den Tramper hilfreich erweisen sich die Mautstationen sowohl an den Autobahnauffahrten als auch auf direkter Strecke. Die modernen Raststätten unterwegs sind aufgeräumt, die Toiletten haben (meistens) Türen und es gibt heißes Wasser zum Auffüllen der Thermoskannen (die Chinesen lieben warmes Wasser ohne Tee) oder für Instant-Nudelsuppe, die verzehrfertig im Papptopf mit Klappgabel verkauft wird.

Trampen an sich ist in China unbekannt. Die Chinesen denken, dass diese Europäer am Straßenrand sich einfach verlaufen haben, weil sie sich in der Gegend nicht auskennen; hilflose Touristen, denen man den Weg zum Bahnhof erleichtern kann. Um unser Herumstehen an der Straße mit gerecktem Tramperdaumen den Chinesen verständlich zu machen, waren wir mit diesem Schild unterwegs: 搭便车 (Dabianche) = „Free Ride“. Wenn jemand stoppte, hielten wir ihm unseren chinesischen Zauberbrief unter die Nase:
„Hallo, wir sind Frank und Karoline aus Deutschland! Wir wollen euer schönes Land entdecken und reisen per Autostopp. Wir suchen nach einer Mitfahrgelegenheit, die uns ohne Bezahlung mitnimmt. Bitte bringt uns nicht zum Bahnhof oder zum Bus, wir mögen es so zu reisen. Wir möchten heute nach … Wenn ihr dorthin oder in diese Richtung unterwegs seid, könnt ihr uns bitte mitnehmen?“

Sobald man es einmal in ein Auto geschafft hat, ist die Fahrt sehr angenehm. Vorwiegend die chinesische Mittelklasse ist auf den Mautstraßen in modernen, geräumigen und klimatisierten Fahrzeugen unterwegs und eine Flasche Wasser ist meistens das erste, was den neuen Mitfahrern in die Hand gedrückt wird. Danach folgt ggf. eine Fütterung mit Snacks oder warmen Speisen. Die große Schwierigkeit besteht hauptsächlich darin, einen geeigneten Ort zum Aussteigen zu erwischen, an dem die Verkehrsströme in die richtige Richtung fahren.

Hinter Mianyian wollten wir nach Norden in die Hauptstadt der Provinz Shaanxi, nach Xi’an. An der nördlichen Auffahrt warteten wir lange darauf, dass überhaupt jemand auf die Autobahn in Richtung Norden fuhr. Nach einer Stunde hielt jemand an, um uns darüber aufzuklären, dass der Straßenabschnitt direkt hinter dieser Auffahrt wegen Bauarbeiten gesperrt war. Ernüchtert liefen wir zurück zu der Stadtstraße Richtung Zentrum, doch glücklicherweise hielt gleich ein Fahrer, der über Landstraßen die Baustelle der Autobahn umging. Mit ihm erreichten wir kurz vor der Großstadt Guanyang die „kleine“ historische Stadt Langzhong. Die Empfehlung des Fahrers stellte sich als chinesische Bilderbuchperle heraus: graue, verwitterte Ziegel deckten die Dächer des Altstadtviertels, an dessen Zinnen wedelten die klassischen roten Lampions im Wind. Ein kleines Gästezimmer war schnell gefunden, also begaben wir uns gleich auf eine Entdeckungstour. Auf der Suche nach einem Hochhaus für einen guten Ausblick schlenderten wir über die offenen Plätze und durch die schmalen Gassen, in denen sich sich Souvenirlädchen, Museen und Restaurants aneinanderreihten – und verrückte Spielhallen für Kinder mit quietschrosa Einrichtung und schrägen Motivationsansagen aus kratzigen Lautsprechern. Vorbei an spielenden Kindern im Hinterhof stiefelten wir zielstrebig in das Treppenhaus eines vermüllten Wohnhauses mit grauen, verspinnwebten Wänden und entdeckten eine offene Tür zur Dachterasse. Alle Chinareisenden behalten bitte im Gedächtnis, dass es viele offene Türen nach oben gibt!
In der Abenddämmerung gelangten wir schließlich auf dem Weg zum Fluss auf einen großen Platz, wo sich die Tänzerinnen der Breitensportgruppe synchron zu jaulender Fernostmusik wiegten, während die Pagoden auf der gegenüberliegenden Flussseite im warmen gelben Licht der Starkstromstrahler aufleuchteten.

Am nächsten Tag schaffen wir es in Langzhong zu Fuß auf die Zubringerstraße Richtung Guanyang, um von dortaus endlich auf die richtige Autobahn nach Norden zu kommen. Kurz vor der Großstadt jedoch bog unser Fahrer ab, runter von der Schnellstraße. Die Auffahrt war leider komplett leer. Wartete hier wieder das Schicksal einer langen zähen Warterei auf uns? Doch in dem Moment innerlicher Kapitulation fuhr ein weißes Auto an die Mautstelle. Dank den unmissverständlichen Gesten unseres Fahrers, der hier noch mit uns gewartet hatte, hielten die Leute an. Unser Ziel und unsere Mission wird erklärt und wir dürfen in das neue Auto mit den fünf jungen Männern einsteigen. Das war knapp! Wir waren sehr erleichtert und unterhielten uns mit Hilfe der WeChat-Übersetzer-App. Die Männer erzählen von ihrer Firma in Guanyang, einer hochklassigen Schreinerwerkstatt. Doch plötzlich bog das Auto in die falsche Richtung ab, zurück nach Südosten. WTF?! Was war denn nun schon wieder schiefgegangen? Nach einer Dreiviertelstunde stellt sich heraus, dass sich die Jungs im Auto in der Gegend überhaupt nicht auskennen. Sie sind unterwegs zu einer Besprechung bei der Feuerwehr in einer Kleinstadt, die zu versteigerndes Holz feilbietet. Und wollen danach zurück nach Guanyang, der nahegelegenen Großstadt, wo auch die Autobahn nach Xi’an vorbeiführt (das schon seit 48 h unser ausgemachtes Ziel ist!). Uns blieb nichts anderes übrig, als mitzufahren in die Kleinstadt, dort vor der Feuerwehrhauptwache auf das Ende der Besprechung der Holzleute zu warten und den gleichen Weg wieder zurückzufahren. Während wir noch den Gedanken verdrängten, ob zähe Warterei an einer leeren Auffahrt ohne Unterstützung eines Chinesen vielleicht doch weniger Sinnlosigkeit gehabt hätte als ein Ausflug zu einer Kleinstadtfeuerwehr, erklärten die Schreiner, dass sie für uns einen kleinen Umweg fahren würden, um uns ein Stück hinter Guanyang an der Autobahn abzusetzen. Damit hätten wir die missliche Großstadt, aus deren Fängen wir scheinbar nicht entkommen konnten, hinter uns gelassen. Wir willigten ein und verdrängen, dass wir an einer sehr kleinen Auffahrt direkt hinter der Großstadt stehen würden. In der Zwischenphase von Nachmittag und Abend erreichten wir die Mautstation und verabschieden uns von den herzlichen Holzjungs, als die Sonne schon fast untergeht. Nochmal probieren, den Daumen rauszuhalten. Und natürlich fahren aus dem Dorf alle nur in die nächstgelegene Großstadt, nach Guanyang. (Einzig die durchgeknallten Europäer mit ihrem rausgestreckten Daumen kommen auf die verrückte Idee, von hier aus ganze 400 km nach Xi’an zu fahren.) Guanyang wurde dort endgültig zum (W)Ort des Wahnsinns. Guanyang Guanyang Guanyang, alle fahren nur nach Guanyang.
Und so landeten wir bezeichnenderweise in Chaotian.

Auf der Suche nach einem offenen Hochhaus oder einer Zeltwiese in Chaotian endeten wir (als ob die Odyssee um Guanyang nicht schon genug war) in einem verlassenen Bahnhofsgebäude. Nur dort war eine Tür unverschlossen und führte uns sogar zu einem Zimmer mit Betten! Wenigstens hatten wir nun ein Dach über dem Kopf. Durch unsere Köpfe rasselten nachts ein paar Güterzüge, die am Bahnhof vorbeirauschten. Der Morgen danach hätte gerne aus Kafee und Croissants bestehen können, doch wir entdecken auf unserem Morgenspaziergang, dass die Gegend eigentlich einen längeren Besuch wert wäre. Eine Fahrt durch die malerische Gebirgslandschaft mit den tiefen Schluchten, Grotten und Höhlen mussten wir dennoch auf den nächsten Besuch Chinas verschieben, denn die 30 Tage Visumfrist für die Durchquerung dieses riesigen Landes sind für Trampende keine Einladung zum Vergnügungstourismus. Also Daumen raus und zurück zur Auffahrt. Doch der magere Verkehr führte auch diesmal nur Richtung nahegelegener Großstadt… Resigniert kapitulierten wir vor den einfallslosen Verkehrsströmen und schleuderten unser „Xi’an“ Schild in hohem Bogen über die Leitplanke, dem Wahnsinn angriffslustig ins Auge starrend. Und nach diesem Eingeständnis lief auf einmal alles am Schnürchen. Sofort hielt eine C-Klasse und brachte uns schnell und sicher nach Guanyang. Die Züge, die da nachts in Chaotian durch unsere Köpfe gefahren waren, wollten wir von innen sehen. Also ab zum Bahnhof, wo der nächste Zug nach Baoji zu unserer Couchsurferin nicht lange auf sich warten ließ. Schließlich verließen wir Guanyang, in einem Großraumabteil zwischen Instantnudelsuppenchinesen. Endlich.