Odyssee in China: Teil 2

Trampen in China ist eine Sache für sich. Wer eine Daumenreise wagt, wird beglückt durch die unglaublich guten Autobahnen: eine echte Wohltat insbesondere nach den maroden Straßen in Laos. China ist Konstruktionsweltmeister, das merkt man in den hügeligen Gebieten von Yunnan und Sichuan, kein Berg kann die Schnellstraße aufhalten: gigantische Brücken reihen sich an zahlreiche Tunnel und man durchquert das Gebirge mühelos bei einer konstanten Geschwindigkeit von 120 km/h. Für den Tramper hilfreich erweisen sich die Mautstationen sowohl an den Autobahnauffahrten als auch auf direkter Strecke. Die modernen Raststätten unterwegs sind aufgeräumt, die Toiletten haben (meistens) Türen und es gibt heißes Wasser zum Auffüllen der Thermoskannen (die Chinesen lieben warmes Wasser ohne Tee) oder für die Instant-Nudelsuppe, die verzehrfertig im Papptopf mit Klappgabel verkauft wird.

Trampen an sich ist in China unbekannt. Um unser Herumstehen an der Straße mit gerecktem Tramperdaumen den Chinesen verständlich zu machen, waren wir mit diesem Schild unterwegs: 搭便车 (Dabianche) = „Free Ride“. Wenn jemand stoppte, hielten wir ihm unseren chinesischen Zauberbrief unter die Nase:
„Hallo, wir sind Frank und Karoline aus Deutschland! Wir wollen euer schönes Land entdecken und reisen per Autostopp. Wir suchen nach einer Mitfahrgelegenheit, die uns ohne Bezahlung mitnimmt. Bitte bringt uns nicht zum Bahnhof oder zum Bus, wir mögen es so zu reisen. Wir möchten heute nach … Wenn ihr dorthin oder in diese Richtung unterwegs seid, könnt ihr uns bitte mitnehmen?“

Sobald man es einmal in ein Auto geschafft hat, ist die Fahrt sehr angenehm. Vorwiegend die chinesische Mittelklasse ist auf den Mautstraßen in modernen, geräumigen und klimatisierten Fahrzeugen unterwegs und eine Flasche Wasser ist meistens das erste, was den neuen Mitfahrern in die Hand gedrückt wird. Danach folgt ggf. eine Fütterung mit Snacks oder warmen Speisen. Die große Schwierigkeit besteht hauptsächlich darin, einen geeigneten Ort zu erwischen, an dem die Verkehrsströme in die richtige Richtung unterwegs sind.

Hinter Mianyian versuchten wir es nach Norden in die Hauptstadt der Provinz Shaanxi, nach Xi’an. An der nördlichen Auffahrt warteten wir lange, dass jemand auf die Autobahn in Richtung Norden fuhr. Nach einer Stunde hielt jemand an, um uns darüber aufzuklären, dass der Straßenabschnitt direkt hinter dieser Auffahrt wegen Bauarbeiten gesperrt war. Ernüchtert liefen wir zurück zu der Stadtstraße Richtung Zentrum, doch glücklicherweise hielt gleich ein Fahrer, der über Landstraßen die Baustelle der Autobahn umging. Kurz vor der Großstadt Guanyang landeten wir in der „kleinen“ historischen Stadt Langzhong. Die Empfehlung des Fahrers stellte sich als chinesische Bilderbuchperle heraus: graue, verwitterte Ziegel deckten die Dächer des Altstadtviertels, an dessen Zinnen wedelten die klassischen roten Lampions im Wind. Auf der Suche nach einem Hochhaus mit offener Eingangstür schlenderten wir über die offenen Plätze und durch die schmalen Gassen, in denen sich sich Souvenirlädchen, Museen und Restaurants aneinanderreihten – und verrückte Spielhallen für Kinder mit quietschrosa Einrichtung und schrägen Motivationsansagen aus kratzigen Lautsprechern. Vorbei an spielenden Kindern im Hinterhof stiefelten wir zielstrebig in das Treppenhaus eines vermüllten Wohnhauses mit grauen, verspinnwebten Wänden und entdeckten eine offene Tür zur Dachterasse. Alle Chinareisenden behalten bitte im Gedächtnis, dass es viele offene Türen nach oben gibt!
In der Abenddämmerung gelangten wir auf dem Weg zum Fluss auf einen großen Platz, wo sich die Tänzerinnen der Breitensportgruppe synchron zu jaulender Fernostmusik wiegten, während die Pagoden auf der gegenüberliegenden Flussseite leuchteten in warmen Licht aufleuchteten.

Am nächsten Tag schaffen wir es auf die Zubringerstraße Richtung Guanyang, von dortaus wollen wir endlich auf die richtige Autobahn nach Norden. Kurz vor der Großstadt jedoch bog unser Fahrer ab, runter von der Schnellstraße. Die Auffahrt war komplett leer und wir hatten uns schon mit dem Schicksal einer langen zähen Warterei hingegeben. In dem Moment fährt ein weißes Auto vorbei an die Mautstelle. Unser Fahrer bewegt die Leute zum Anhalten, erklärt unser Ziel und wir dürfen in das neue Auto mit den fünf jungen Männern einsteigen. Puh, das war knapp! Wir sind erleichtert und unterhalten uns per Übersetzer. Sie erzählen von ihrer Firma in Guanyang, eine hochklassige Schreinerwerkstatt. Dann biegt das Auto in die falsche Richtung ab, zurück nach Südosten. Was ist denn nun schon wieder schiefgegangen? Nach einer Dreiviertelstunde stellt sich heraus, dass sich die Jungs im Auto in der Gegend überhaupt nicht auskennen. Sie sind unterwegs zu einer Besprechung bei der Feuerwehr in einer Kleinstadt, die zu versteigerndes Holz feilbietet. Und wollen danach zurück nach Guanyang, der nahegelegenen Großstadt, an der auch die Autobahn vorbeiführt nach Xi’an (das schon seit 48 h unser ausgemachtes Ziel ist!). Wir warten auf das Ende der Besprechung der Holzleute bei der Feuerwehr und fahren den gleichen Weg wieder zurück. Während wir den Gedanken verdrängen, ob die zähe Warterei an einer leeren Auffahrt weniger Sinnlosigkeit gehabt hätte, bieten uns die Schreiner an, uns ein Stück hinter Guanyang an der Autobahn abzusetzen. Klingt nicht schlecht, wir willigen ein, verdrängen gleichzeitig, dass wir an einer sehr kleinen Auffahrt direkt hinter der Großstadt stehen werden. Wir verabschieden uns von den herzlichen Holzjungs, als die Sonne schon fast untergeht. Guanyang wird zu dem (W)Ort des Wahnsinns. Guanyang Guanyang Guanyang. Natürlich wollen aus dem Dorf alle nur nach Guanyang, nur die seltsamen Europäer mit ihrem rausgestreckten Daumen kommen auf diese abwegige Idee, 400 km, nach Norden. Pff.
Und so landen wir bezeichnenderweise in Chaotian.

Auf der Suche nach einem offenen Hochhaus oder einer Zeltwiese landen wir in einem verlassenen Bahnhofsgebäude und finden eine unverschlossene Tür zu einem Zimmer mit Betten. Nachts rasseln ein paar Güterzüge durch unsere Köpfe. Die Gegend ist einen Besuch und eine Fahrt durch die malerische Gebirgslandschaft mit den tiefen Schluchten, Grotten und Höhlen durchaus wert. Am nächsten Tag versuchen wir nocheinmal unser Glück an der Auffahrt. Doch der magere Verkehr führt auch diesmal nur Richtung nahegelegener Großstadt… Resigniert kapitulieren wir vor den einfallslosen Verkehrsströmen und werfen unser „Xi’an“ Schild über die Leitplanke. Wir schauen dem Wahnsinn ins Auge. Eine C-Klasse hält und bringt uns schnell und sicher nach Guanyang. Die Züge, die da nachts in unseren Köpfen vorbeigefahren sind, wollen wir mal von innen sehen und in einem Großraumabteil zwischen Instantnudelsuppenchinesen verlassen wir Guanyang. Endlich.

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