China ist China ist China – Teil 1

Vor dem Grenzübertritt von Laos (Boten) nach China (Mohan) klopfte mal wieder das Herz bis zum Hals. Der kritische Blick Europas auf das Reich der Mitte erzeugt eine übertrieben wachsame Habachtstellung bei einer Reise in dieses Land. Der Überwachungsstaat China beute aus, überschwemme auf der neuen Seidenstraße alle Märkte mit billiger Ware und wird in ein paar Jahren den Einfluss auf den Westen bis zur feindlichen Übernahme ausdehnen, so der Tenor aus den Berichten. Auch der Visaprozess ist lächerlich kompliziert: eine detaillierte Reiseroute inkl. Unternehmungen wird verlangt, Hotelbuchungen für den gesamten Aufenthalt sowie Hin und- Rückflugtickets. Für alternativen Individualtourismus ist keine Nische vorgesehen, und somit schreit das Prozedere nach Fake, stornierbaren Reservierungen und gefälschten Flugbestätigungen, denn niemand wird die Echtheit überprüfen, auch die Einreise über Land hätte damit keine Existenzberechtigung. Hinzu kommt die nahezu unvorhandene Möglichkeit zur Kommunikation in einer gemeinsamen Sprache mit den Chinesen: was wir nicht kennen und verstehen, bleibt fremd.
Auf unserer Reise durch Yunnan, Sichuan, Gansu, Qinghai und Xinjiang sollte ein spannender Monat mit vielfältigen Eindrücken vor uns liegen.

Also, dieses Herzklopfen direkt an der Grenze gipfelte während der Befragung durch den Grenzpolizisten: der hat erstmal selbst enorme Probleme mit der hochmodernen Elektronik und dem neuen Computerprogramm, aus dem Schlamassel boxt ihn aber sein Kollege raus. Draußen wartet unsere Mitfahrgelegenheit. Ich stehe ziemlich verschwitzt vor dem riesigen Glaskasten und werde dann gründlich ausgefragt: ob ich Chinesisch sprechen könne, wie lange mein Aufenthalt dauern wird, wohin die Reise geht, wer mir „Ni Hao“ (Hallo) und „SchiäSchiä“ (Danke) beigebracht hätte usw. Nach 20 Minuten Konsultation wird mir endlich mein Pass ausgehändigt, hinter dem X-Ray-Gerät schnappe ich meinen Rucksack und hechte zum Ausgang. Frank winkt hektisch, und die Fahrer packen seinen Rucksack wieder zurück in den Kofferraum. Das hat denen wohl zu lange gedauert, sie selbst sind zu viert innerhalb weniger Minuten durch die Grenzkontrolle gekommen. Ich bin erleichtert, das Herzklopfen legt sich langsam und auf den Schreck laden sie uns erstmal zum Essen ein. Sechs Teller mit verschiedensten Speisen stehen in der drehbaren Tischmitte, eine Kanne Grüntee, Kimchisalat, Wachteleier in roter Soße, Erdnüsse mit Fleisch und lustigem grünen Kürbis (?), Schweinefleisch mit unbekanntem Grünzeug, geraspelte Kartoffelsteifen, eine große Schüssel Reis, und zuletzt ein riesiger Topf Suppe. Die köstlichen chinesischen Speisen sind die Strapazen einer Reise definitiv wert.

Noch kurz zur Technologie in China: Für den uneingeschränkten Zugang ins Internet ist es ratsam, vor der Reise einen VPN-Dient zu installieren (ThunderVPN, NordVPN oder VyprVPN), denn die chinesische Regierung hat scheinbar wenig Interesse an zu hohem Informationsaustausch. Zugleich bietet das chinesiche Unternehmen Baidu etwa die gleichen Dienste an wie Google, dessen Nutzung ist allerdings nur mit Kenntnissen der chinesischen Sprache möglich. Darüberhinaus nutzen alle Chinesen ausnahmslos die App „WeChat“, funktioniert vorwiegend als Kommunikationsapp ähnlich Whatsapp, und bietet viele Zusatzfunktionen, z.B. die bargeldlose Bezahlung über QR-Codes, die sogar von kleinsten Gemüseständen auf der Straße bereitgestellt werden. Die Daten aus WeChat werden übrigens der Regierung vollständig zur Verfügung gestellt.

Während unserer Lifts wurden wir oft gefragt: „Wieschi? Wieschi?“, doch wir blickten nur fragend zurück und die Chinesen wackelten mit der WeChat-App auf dem Handybildschirm vor unserer Nase. Glücklicherweise hielt für uns lange die Ausrede stand, diese App überhaupt nicht benutzen zu können, weil unsere Telefone zu alt bzw. mit zu wenig Speicher für diesen Brocken ausgestattet sind.
…Doch die erste wichtigste Frage in jedem Auto wurde mit einer frischen Packung Zigaretten gestellt. Was die Leute in China wegquarzen ist unglaublich. Besonders beeindruckend beobachteten wir dieses Phänomen in Yunnan, wo in Restaurants und Ecklädchen riesige Metallbongs zur Verfügung gestellt werden, um sich mal richtig schön eine durchzuziehen.

In den ersten Tramptagen erfuhren wir auch gleich, dass in diesem Land niemand Englisch spricht oder versteht. Ein wichtiger Satz ist deshalb: „Wo bu mingbei zhongouwen.“ (Ich verstehe kein Chinesisch.) Ein praktischer Helfer unterwegs ist Baidu Fanyi oder Google Translate. Die Konversation fand hauptsächlich mit Hilfe des Smartphones statt, so auch während des zweiten Tages in China:

Endlich ist es nicht mehr so heiß wie in Laos, in der grünen Berglandschaft Yunnans auf 1200 m Höhe mit frischer Brise. Wir sind auf dem Weg von Mengyang Richtung Kunming, 530 km auf beeindruckend ausgebauter Autobahn. Drei Lifts haben wir heute schon gehabt, ein bisschen durcheinander, viel gewartet hinter einer Großstadt an einer Mautstelle, an der alle Autos in die falsche Richtung unterwegs waren. Nichtmal die Hälfte der Strecke liegt hinter uns, obwohl das letzte Auto sogar einen riesigen Umweg für uns gefahren ist. Es ist schon fast Sonnenuntergangsfarbe am Himmel, doch einmal stellen wir uns noch an die Autobahnauffahrt. Wir kommen mit einer Frau ins Gespräch, deren Baby unseren Sticker verspeist. Sie hält das nächste Auto für uns an: ein lässiger Typ im VW Santana. Jackpot: er fährt 220 km in die nächste Großstadt, nach Yuxi. Unterwegs reden wir nur wenig, er fragt, ob wir Bier trinken. Wir mögen seine Playlist im Auto. Er uns heute Nacht nochmal seine Stadt zeigen. Es ist schon längst dunkel, als wir ankommen in dem Hotel, dass er unterwegs für uns gebucht hat. Und dann gehts auch gleich weiter, in den besten Club der City. Von drinnen tönt gedämpft Technopop nach draußen, Ping geleitet uns an den ernsthaft aussehnden Türstehern vorbei, seine Freunde schmeißen hier den Laden. Ich bin froh über das Hemd, das ich angezogen habe und hoffe, dass im Schummerlicht niemand meine Trekkingschuhe sieht. Hinter der Tür zerfetzt der ohrenbetäubende Sound unser Trommelfell, wir folgen Ping in die Sofaecke und kurze Zeit später ist der kleine Couchtisch gedeckt mit mehreren Flaschen Wodka, Bier, einem Eimer Eiswürfel und einem überdimensionierten Telegebäckständer voller Obst. Die DJs legen sich zu der blinkenden Lichtshow ins Zeug, hier und da wird Hiphop eingestreut und ich rette mich aufs Klo, um mir mit Cellulose die Ohren zu verstopfen. Zum Glück läuft unsere Unterhaltung vollständig per Smartphoneübersetzer. Ping ist Innenarchitekt und zeigt uns stolz hundert strahlende Bilder, die einen Einrichtungsstil aus dem nächsten Jahrhundert zeigen: Tieckholzmöbel, viel Glas und Prunk dezent in Szene gesetzt. Der Bass donnert weiter durch den Saal. Eine Gruppe Jugendlicher am Nebentisch zündet mit einem unhörbaren Plopp eine Konfettikanone und labt sich an mehreren Sektflaschen. Frank ist bereits von ihnen vereinnahmt worden, überschwänglich werden neue Sektflaschen für uns geöffnet, der sich als RobbieBubble Brombeere herausstellt. Hier ist purer Exzess am Laufen, unglaublich wie die Chinesen feiern. Die Bestellungen von unbezwingbaren Massen an Getränken werden nur so rausgefeuert. Auch Ping bekommt noch eine Flasche Robbie Bubble in die Hand gedrückt. Unser Tisch nebenan ist bleibt reich gedeckt, doch inzwischen sind wir betrunken und überwältigt von Müdigkeit und all der Absurdität. Wir retten uns nach draußen, verabschieden uns von dem unglaublichen Ping, und torkeln ins Hotelzimmer.

Nach diesem Partyschreck flüchten wir übers Land in die Natur, in den Steinwald Shilin hinter Kunming. Die Fahrt über die Dörfer ist zäh, mit einem gelben Tuktuk und vielen Kurzstrecken, bis uns ein Mercedesfahrer aufsammelt, der uns direkt zum Ziel bringt. In Shilins Downtown werden wir am ersten Hotel abgewiesen, weil Ausländer dort nicht aufgenommen werden. Hinter der Rezeption des nächsten Hotels sitzen vier rauchende Chinesen neben Kunstblumen um einen runden Tisch im Neonlicht und spielen Karten. Die einzige Frau der Runde drückt ihre Zigarette auf und bemüht sich hinter die Rezeption, um beim Anblick unerer Pässe nur erneut gelangweilt mit dem Kopf zu schütteln. Ausländer nehmen sie nicht, dafür ist ihr das Computer-Programm zu kompliziert: „Versucht es doch selber mal!“, übersetzt unser Fahrer, der uns immernoch tapfer begleitet. Frank setzt sich hinter den Bildschirm und ich schaue dem neuen Hotelier erwartungsvoll zu. Die dicke Hotelfrau hat sich eine neue Kippe angesteckt und ist längst wieder am Kartenspiel beteiligt. Der Versuch bleibt erfolglos und ernüchtert verlassen wir drei das Etablissement. Im Mercedes rauschen wir schließlich zehn Kilometer weiter in Shilins Altstadt, dort dürfen wir im Hostel schlafen und man nimmt uns mit offenen Armen auf. Sogar unser Besuch im Steinwaldpark können wir noch mitten in der Nacht organisieren. Wir verabreden uns mit den beiden chinesischen Gästen für den nächsten Morgen, um zusammen die horrenden Eintrittspreise durch den Hintereingang zu umgehen.
Früh um 6 verlassen wir mit einer Nudelsuppe im Bauch das Haus zu viert. Die Sonne traut sich gerade aus dem Bett über die Hügel und taucht den Himmel in zartes Rot. Wir schlagen uns über Felder durchs Gestrüpp, verstecken uns vor Gärtnern in orangenen Westen und warten im Gebüsch auf die offizielle Öffnungszeit. Von hinten fehlen Zaun oder Kontrolleure, um den Park zu bewachen, außerdem ist das Gelände eingentlich ein kleines Mittelgebirge, in dem nur ein Teil mit befestigten Wegen bebaut wurde. Betritt man den Steinwald über den Ticketschalter, wälzt man sich mit massenweise chinesischen Touristen hinter einem Guide durch die verrückten Felsformationen, und ist pro Person 20 Euro los. Um 8 sind wir ohne Guide und Masse im Kletterhimmel, bestaunen Phoenix, Elefant und Kamel in den Felsformen, und wandern auf den verschlungenen Wegen. Chinesische Touristen verlassen niemals eingetretene Pfade und halten sich stets in der Gruppe auf: Entdecken nicht erwünscht. Wir hingegen entdecken alles Abseitige und wandern glücklich durch den Kalksteinkarst.

Unser nächstes Ziel: Chengdu. Kurz hinter Kunming ist an einer Raststätte aber erstmal Feierabend. Alle wollen nur noch 50 km weiter nach Panzihua, also kapitulieren wir. In dieser tropisch warmen Stadt zwischen Bergen in einem beeindruckenden Flusstal stellen wir unser Zelt im Stadtpark unter einen Strommast, eine erholsame Nische in der Großstadt. Am nächsten Tag schaffen wir es bis Chengdu, genießen die weiche Berglandschaft unterwegs und entspanntes Reisen auf einer gut (aus)gebauten Autobahn. Wir stellen fest, dass ein chinesischer Feiertag Besucherzahl und Preise in die Höhe treibt, doch wir entdecken Hochhausdächer für uns und unser Zelt. Die Pandastadt verwöhnt uns mit unserem neuen Lieblingsessen „Hot Pot“, wir stromern vorbei an hochmodernen Glashochhäusern, razigen Eckkneipen und 1000 Jahre alten Brücken. Endlich regnet es mal wieder und wir verlieben uns in die offenen Türen chinesischer Häuser, um die Riesenstädte von hoch oben zu bestaunen.
Danach, in Mianyian besuchen wir die Couchsurferqueen LinLin, und hängen ab, denn es regent in Strömen. Noch mehr HotPot. Wir albern rum, reden endlich wieder englisch und schließen sie ins Herz. Sie kommt hoffentlich bald mit dem Fahrrad nach Europa.
Also, gar nicht so schlimm, dieses China! Teil 2 folgt demnächst.

Ein Gedanke zu “China ist China ist China – Teil 1

  1. Haha, ich kann es mir so gut vorstellen! Auch wie ihr den Steinwald durch die Hintertüre ausgetrickst habt – gut gemacht! Macht Spaß von euch in China zu lesen – inzwischen ist es über ein Jahr her dass ich da war, verrückt oder?

    Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s