Leinen los in Laos

An der Grenze Thailand-Laos empfing uns der Grenzbeamte, der unser Visum ausstellen sollte, mit sehr genauen Vorstellungen von unversehrten Dollarscheinen. Da einer der Zwanziger einen Ein-Millimeter-Riss aufwies und auf dem anderen ein kleiner roter Filzstiftstrich der strengen Qualitätskontrolle nicht standhält, musste ich an der Wechselstube nebenan zu schlechtem Kurs neue Scheine erwerben. Das hatten wir uns anders vorgestellt, dieses mysthische Laos: ein Land voller Sonne, grünbewachsener Urwaldberge und mit sehr entspannten Locals (LAO P.D.R. People don’t rush) – das sind wohl die klassischen Attribute, die diesen Landstrich beschreiben. Unsere Erkenntnisse werden dieses Bild etwas erweitern…

Der enorm heiße Sonnenschein erhitzte tatsächlich im südostasiatischen Hochsommermonat Kopf und Beine, die Abhilfe davon heißt: Songkran. Das Neujahrsfest findet Mitte April statt, wenn die Sonne brennt, und gefeiert wird mit viel Wasser und Bier. Der fabelhafte Hauptteil der „Wasserfestes“ besteht darin, alle Mitfeiernden mit möglichst viel Wasser aus Schläuchen und Eimern zu begießen oder sich gegenseitig, vollständig bekleidet, in den Pool zu werfen. Dazu gibt es Bier mit Eiswürfeln und Buffet aus Nudelsuppe, Frühlingsröllchen und KlebReis mit Gemüse-Fleisch-Salat. Egal, welche Feier man um Abkühlung durch Wasser bittet, man ist unter Laoten sofort Teil der großen Familie.

Unseren ersten Auftritt als Partycrasher hatten wir beim GiZ, der Deutschen Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit. Eigentlich waren wir ängstlich und bangend unterwegs, um bei der chinesischen Botschaft nebenan ein Visum zu beantragen. Die hatte Donnerstag Nachmittag bereits geschlossen, doch vom Nachbargrundstück tönte lautstarke Musik und Feiereigeschrei. Was da wohl los ist? Mit unseren Pässen und irgendweiner Ausrede stahlen wir uns am Portier vorbei und setzen uns zu den in Stimmung geratenen Feiernden, einer soliden Mischung aus Laoten und Deutschen. Zwei deutsche Mitarbeiterinnen sprachen uns bald an, welches Projekt wir denn bearbeiteten, und erzählten uns von ihrer Arbeit zu nachhaltiger Entwicklungshilfe und Bauprojekten. Wir nahmen uns ein Bier, doch dann kam „Peter“: „Wer seid ihr denn? Und woher kommt ihr?!“
Statt Rauswurf schlug er uns einen Deal vor: „Wenn ihr noch ein bisschen Mitfeiern möchtet, besorgt ihr einen Kasten Bier.“
Mit diesem Angebot im Nacken versteckten wir uns vor „Peter“ im hinteren Teil der Party hinter den beiden Palmen. Auf dem Plastikgartenmöbiliar saßen und standen bereits betrunkene Laoten, die uns unmittelbar zu sich heranzogen, uns Gläser brachten und mit Eiswürfeln und Bier befüllten. Wir stießen an und lachten: „Sabai di pi mai!“ (Happy New Year), „…und jetzt auf Ex!“ Das Glas war schnell wieder voll und dazu brachte man volle Teller vom Buffet. Schließlich wurden wir mit einem Eimer Wasser benetzt, mit Lippenstift bemalt und mutierten so zu unsichtbaren Mitfeierern. Der Wasserschlauch sorgte rund um die Uhr für eine frische Abkühlung und verwandelte den Rasen immer mehr zu schlamm. Die Eiswürfel klirrten in den Biergläsern, laotischer Pop dröhnte aus den Boxen und die Polonese zog über die Tanzfläche. Nach und nach lichteten sich die Reihen, einige Betrunkene hielten sich wacker. Die Betriebsfeier dauerte bis 17 Uhr und wir waren unter den letzten Gästen, schließlich kehrte uns der Portier vom Gelände und wir torkelten mit mehreren tollen Bekanntschaften im Gepäck zurück in die Innenstadt Vientianes. Das gesamte Neujahrs-Wochenende verbrachten wir dann als Partycrasher in der laotischen Hauptstadt, gerne auch mit Melone als Türöffner.
(Die chinesische Botschaft haben wir einen Tag später nochmal besucht, das Visum beantragt und am gleichen Nachmittag erhalten für 60 € pro Nase per Express.)

Die nächste große Erkenntnis offenbarte sich uns auf der Straße: Trampen in Laos liegt nahe an „unmöglich“. Der Weg von Vientiane nach Norden zur chinesischen Grenze zog sich zäh dahin: hauptsächlich ewiges Warten in einer Affenhitze und falls doch mal jemand stoppte, endeten wir hauptsächlich auf brennend heißen und sonnendurchfluteten Ladeflächen für wenige Kilometer. Der ohnehin dünne Verkehr auf den Hauptstraßen versiegt auf den Nebenstraßen nahezu gänzlich.

Auf dem Weg von Vientiane nach Vang Vieng unterbrachen wir das mühselige Dahinrollen nach vier verschiedenen Lifts über 100 km. Noch war das Songkran-Fest nicht vorbei: Von Ladeflächen wurde mit Wasser gespritzt und Kinder am Straßenrand schlugen zurück mit Eimern und Wasserpistolen. Als die Mittagssonne uns zu verbrennen drohte, sprangen wir in den erstbesten Pastikpool der Ortschaft, dazu gab es nochmal Bier und Essen und Lao-Pop. Nach zwei Stunden versuchten wir angeheitert und erfrischt die Weiterfahrt und landeten auf einem Pick-Up mit Direktverbindung über die letzten 100 km. Von laotischen Autos sollte das der einzige lange Lift bleiben. Nur chinesische Autos auf dem Weg nach Norden nahmen uns in Laos über längere Strecken mit. Letztendlich haben wir öfter mal einen Bus genommen oder uns auf die Sammeltaxis (Song Tä) eingelassen und sind am Ende tatsächlich bis nach China gekommen. Unsere Alternativstrategie war dieses universele Trampschild, oder mal ein Besuch in der Kneipe unterwegs.

Vang Vieng haben wir sehr genossen in einem französischen Restaurant mit -lang vermisstem- Rotwein. Die Gegend ist aufregend bergig, steile Felsen ragen aus der ebenen Landschaft heraus und der Jungle verschlingt alles was ihm im Wege steht. Die Lagunen im Osten sind einen Besuch wert, wenn man mal ins Spaßbad will (Blue Lagoon 3), wer ein wenig mehr Ruhe sucht, ist in der Lagune Nr. 5 gut aufgehoben. darüber hinaus gibt es zahlreiche Höhlen, zwischen Lusi und Khan östlich der Stadt kann man auch auf einen Panoramapunkt hochlaufen (falls geschlossen: der Schlüssel für das Gitter liegt in einem Plastikkasten hinter der Theke.) Mit den günstig leihbaren Mopeds weht der Wind ganz toll durchs Haar.

Ein Stückchen weiter Richtung Kasi und kurz vorher in Phon Beng nach links abgebogen, befindet sich das „Tao Guesthouse“. Dort stehen alle Häuser auf Stelzen in einem wunderschönen Urwaldgarten direkt am Fluss. Mikele aus Italien und Tao aus Laos rocken die Bude und kümmern sich nebenbei um die Jungs aus dem Dorf. Gekocht wird lokal und günstig, organic und jedes Mal lecker. Mehr Naturkost findet man bei einer schweißtreibenden Jungletour oder man lässt sich in den Schwimmreifen den Fluss runtertreiben (Free Tubing). Wer mal eine Pause braucht von all dem Touristentrubel ist hier bestens aufgehoben. Auch wir haben die Beine über die Hängematte baumeln lassen und sind gleich fünf Tage geblieben. Bei einem Ausflug zu einem Tempel um die Ecke, traf Frank auf diesen Zeitgenossen: https://www.youtube.com/watch?v=16aGSx9gFO4

Den weiteren Weg nach Norden bestreiten wir zunächst zügig und ohne viel Konversation mit zwei chinesichen Autos, nach dem Abbiegen in Muang Namtha ist allerdings Sense. Wir enden nach ewiger Warterei in einer Bezahlkarre und verschwinden dann, mit weiteren 4 km Hitzemarsch in den Beinen, in der nächsten Kneipe. Wieder an der Straße, betrunkene Verzweiflung. Nicht mal der Bus will für uns anhalten. Schließlich bitten wir einen Laoten um Hilfe für den nächsten Bus. Angekommen in Nong Kiauw hüpfen wir von hoch oben in den Fluss für ein Bad. Ach, endlich trampfrei. Beim Ausflug auf die angrenztenden Aussichtsberge schwitzen wir zwei Vormittage (mehr als man denkt!) auf die Junglewanderwege und lassen die zahlreichen, verrückt großen und bunten Schmetterlinge das Gefühl von Leichtigkeit in den Bauch tragen. Im kleinen Wasserfall, weiter östlich auf der Straße, erfrischen wir uns zusammen mit den Badekindern – hin und zuück auf der gleichen Ladefläche, die auf dem Rückweg kreischend eine Ladung Stahlstäbe über den Asphalt zieht. Das steigert die Tramplaune für den nächsten Tag, auf nach China!

Die 220 km dehnen sich allerdings bereits beim Start ins Unendliche. Zwei Stunden warten wir, und erneut hielt nicht mal der Bus für uns. Kurz vor Sonnenuntergang hatten wir doch noch 170 km im Kasten, leicht ernüchtert kurz vor der chinesischen Grenze. Zur Belohnung entdeckten wir das beste Gericht der Welt: Hot Pot. Eine Schale mit heißer Suppe wird gefüllt mit selbstgewählten Spießen, darunter alles erdenkliche von Grünzeug, Möhrchen, Würstel, Tofu, Pilzen, Fisch, Kartoffel, verrücktes Unbekanntes. Unser neues Lieblingsessen werden wir in China noch besser kennenlernen.
Am nächsten Tag schafften wir es dann über die Grenze, die so modern war, dass selbst der Grenzbeamte beim Einlesen der Daten sich (schier unendlich lange) mit der neuen Technik vertraut machen musste. Zum Glück bewog Frank unsere Mitfahrgelegenheit, auf Karoline zu warten. Kein Wunder, die Fahrer hatten shcon Hunger auf chinesische Kochkunst und luden uns kurzerhand ins Grenzbistro zum ersten chinesischen Essen in China ein. Jej China, wir kommen!

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