Unterm Radar in Myanmar

Für die Durchquerung Myanmars im April planten wir lediglich drei Tage ein, denn das Treffen im ca. 9000 km entfernten Kirgistan rückte näher und näher. Die Einreise in den Militätstaat klappte mit elektronischem Visum problemlos und wir entschieden uns für die kürzeste Route von Ost nach West, vom indischen Moreh über Monywa nach Mandalay, Taunggyi, Keng Tung und Tachilek nach Thailand. Um die horrenden Hotelzimmerpreise zu umgehen, wollten wir unterwegs zelten und jeden Tag metern. Soweit die Theorie, der Militärstaat sollte mit uns jedoch andere Pläne haben.

Nach dem verwirrenden Umweg in das abgelegene Gebäude der indischen Ausreisebehörde überquerten wir eine schmale, wackelige Brücke nach Myanmar, lachten mit den Grenzbeamten während eines mächtigen Gewittersturms und wurden mit süßem quietschgelben Saft aus der Plastiktüte verpflegt. Beim Ride zur Stadt Tamu im Auto mit zwei Indern konnten wir die verbliebenen Rupien in Kyat tauschen. Nach ein paar Kilometern zu Fuß auf der Straße Richtung Süden, auf der lange nichts als vereinzelte Mopeds fuhren, hielt das erste Gefährt mit vier Rädern und wir hopsten auf die Ladefläche des Pickups. Klappt ja super mit der Tramperei hier, und wir genossen die Fahrt durch bedrohliche Gewitterstimmung mit herrlichen Farben in den Sonnenuntergang. Nach einer Nacht im Zelt neben einem schlammigen Fluss ahnten wir nichts von der Mühsamkeit des Weges, der vor uns liegen würde. Auf weiteren Ladeflächen schafften wir 20 km in heiß-feuchter Vormittagssonne bis zu einer Kreuzung, von der aus eine halbe Ewigkeit kein einziges Auto Richtung Monywa abbog. Der Weg auf unserer Karte war zwar als dicke Hauptstraße gekennzeichnet, viellecht hätten wir uns trotzdem über den dürftigen Verkehr wundern sollen. Schließlich kletterten wir in die Kabine eines LKWs und quälten uns mühsam über die sandige Huckelpiste mit maximal 10 km/h durch eine malerische Hügelkette. Die Straßenverhältnisse rechtfertigten keineswegs die orangene Linie, der wir auf der Karte folgten – diese Straße war gerade höchstens an den Rand des Radars der Infrastukturentwickler gerutscht. So eierten wir acht Stunden lang über 100 km. Doch die beiden LKW-Fahrer versüßten uns die Pausen mit leckeren Speisen, Instantkaffee und Keksen. Erschöpft fielen wir abends in unser Zelt.

Die zweite Hälfte des Weges am nächsten Tag nach Mandalay sorgte für Euphorie: aus der löchrigen Sandpiste wurde vor Monywa eine feste Dreckstraße, schließlich kam Schotter und die ersten Kilometer auf Asphalt kurz vor Mandalay ließen das Gemüt und unsere Bandscheiben aufatmen. Kurz hinter der Großstadt wurde aus der Straße eine breit ausgebaute Autobahn; ein Wunderwerk der Baukunst, das wir nach den ersten 250 km in diesem Land nie und nimmer vermutet hätten. Erst später erfuhren wir, dass uns ohne diese Route auf allen alternativen Wegen nördlich oder südlich die erste Polizeikontrolle überrascht und zurück nach Indien geschickt hätte. Alle anderen Straßen von der Grenze Tamu bis Mandalay erfordern eine Eskorte mit Guide sowie eine spezielle Erlaubnis. Wer die Straßenverhältnisse auf der von uns gewählten Route kennt, würde Dank gesunden Menschenverstands ein Passieren nicht in Erwägung ziehen. Doch der Militärstaat würde sein Unwesen mit uns an anderer Stelle treiben.

Zügig bewegten wir uns vorwärts bis hinter Taunggyi, verbrachten eine weitere idyllische Nacht im Wald. Doch ab dann wurde es zäh: kein Fahrer hielt trotz regem Verkehr, nach langer Wartezeit endlich ein Ride über weitere 30 km. Das Dorf Loilem durchquerten wir zu Fuß, und stiegen in ein neues Auto ein. Nach einem Gespräch mit einem Dorfbewohner jedoch wendete der Fahrer, erklärte etwas von „Police“ und „Permit“ und hielt am Polizeirevier an. Man führte uns ins Büro des Hauptmanns, wir zeigten die Pässe vor und mussten die Frage nach dem Erlaubnispapier für diese Gegend verneinen. „So you cannot pass through this part of Myanmar without the permit.“ Unsere Gegenfrage nach Alternativen für die Weiterreise Richtung Westen beantwortete der würdevolle Dorfhauptmann so: entweder ein Flugzeug von Taunggyi nach Tachilek besteigen oder die Erlaubnis in der Bezirkshauptstadt zu beantragen (…deren Erhalt ohne Chauffeur, Guide und gebuchte Tour unmöglich ist). Beide Wege schieden aus. Die Umkehr zu akzeptieren kostete uns einiges an Nerven und Willensstärke. Den Hauptmann überzeugten wir davon, uns das Taxi zurück nach Taunggyi zu spendieren, wo wir am späten Nachmittag ankamen und die restlichen hellen Stunden am Straßenrand vergeblich auf eine weitere Mitfahrgelegenheit warteten. Frustriert stapften wir in der Dämmerung übers Feld zur Zeltplatzsuche, als ein Dörfler uns zur Umkehr überredete: da draußen gäbe es Tiger, bitte geht nicht sondern kommt lieber mit zu mir nach Hause über Nacht. In der einfachen Holzhütte, die auf Holzpfälen aufgebockt vor Bodennässe und Insekten geschützt stand, umringte uns das ganze Dorf neugierig. Wir hatten bereits die Schlafplätze zugewiesen bekommen, als wir zum zweiten Mal an diesem Tag verpetzt wurden. So mussten wir die Registrierung beim Dorfsheriff über uns ergehen lassen. Zusammen mit einem Erlebnis aus Nepal über Luxushotels, ergibt sich ein schöner Kontrast der verschiedenen Länder in dieser Sequenz zum anhören:

Am nächsten Morgen stiefelten wir gestärkt vom Hotelfrühstück entlang der Hauptstraße und schon nach kurzer Zeit hielt ein Fahrer, der in ausgezeichnetem Englisch erklärte, dass er 50 km in die nächste Stadt fährt. Unterwegs verstanden wir uns prächtig mit Khun und erfuhren viel über Myanmar: dass Zelten nicht nur für Ausländer sondern sogar für Einheimische illegal wäre, dass der Straßenbau von Zwangsarbeitern vorangetrieben würde, dass Korruption und militärische Herrscher den Staat beuteln und touristische Projekte vorangetrieben würden, deren Erlöß hauptsächlich nur den Mächtigen zugute kommt. Khun überzeugte uns, für einen Snack im Restaurant zu halten, bestellte drei Bier und es bedurfte nicht viel Überzeugungskraft, noch ein Weilchen mit diesem coolen Burmesen zu verbringen. Aus einem Bier wurden sechs (oder acht?), verbunden mit einem Ausflug in die Berge. Mit der Kraft des Hopfens entschieden wir uns, im nächsten Nachtbus das Land schnellstmöglich zu verlassen. Am nächsten Morgen fanden wir uns wieder in Mae Sot, endlich angekommen im Tramperhimmel Thailands …

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