Nach der Durchquerung Nepals von Ost nach West im März trug uns die Trampreise erneut nach Indien, dieses Mal in den Nordosten durch Sikkhim, Assam, Nagaland und Manipur. Um unseren Termin mit Kristian, Monika und Nicole in Kirgistan Ende Mai halten zu können, mussten wir in den kommenden 10 Wochen die gesamte Strecke durch Südostasien und China zurücklegen, mehr als 10000 km. Ein sportliches Unterfangen.

Im Nordosten Indiens wächst der gute Tee, der in weitreichenden Qualitätsstufen angebaut wird. In den hügligen Höhen Darjeelings gedeiht das feinste Blatt für die betuchten Teegourmets. Assam liegt im flacheren Tal, die Aromen des Tees sind kräftiger und unbestimmter, sodass dieser Tee in den meisten indischen Haushalten zu finden ist. Wir rauschten vorbei an den Teebergen, bis uns kurz hinter Siliguri eine Truckerbande aufsammelte. Zunächst protestierten wir, denn das Fahrerhäuschen war schon gefüllt mit sieben Leuten. Doch in Indien ist immer noch ein Platz frei. Gemeinsam ging die wilde Fahrt los, zusammen lachten wir, tranken Tee und aßen süßes, in Sirup eingelegtes Gebäck (Röschgulla). Einer der Trucker bestand darauf, dass wir mit zu ihm nach Hause kommen. Nachdem die Jungs sich noch mit einem Röhrchen Crack gestärkt hatten, überquerten wir zwei Eisenbahnschienen und tunnelten unter Waggons hindurch in das Arbeiterviertel von Birpara. Herzlichst empfing man uns, zunächst im Haus des anderen Truckers, wo man uns Cola, Tee und Bier überhalf und mit Essen vollstopfte. Dabei kam das halbe Viertel in Form der engeren und weiteren Verwandtschaft vorbei, um uns die Hand zu schütteln. Schließlich befreiten wir uns und Atul brachte uns zurück zu seinem Haus zum Schlafen nach einem langen Tag auf der Straße. Das kleine Gästezimmer in dem kleinen Haus mit Wellblechdach war gemütlich und unterm Mückennetz träumten uns blitzschnelle Tramperfolge voraus.

Weiter Richtung Osten durchkreuzten die Straßenverhältnisse den Plan vom schnellen Vorankommen: die südliche Route hinter Guwahati nach Kohima ist nicht zu empfehlen. Im Geländewagen holperten wir über eine von Schlaglöchern durchzogene Schotterstraße. Trotz einem ganzen Tag auf der Straße war unser Tagespensum weit unterschritten, sodass wir kurz vor Sonnenuntergang hinter der nächsten Stadt noch einmal den Autos unseren Daumen entgegenreckten. Und tatsächlich, ein paar Minuten später stoppte ein klimatisierter Volkswagen mit einem Direktlift in die nächste Großstadt: nach Kohima, in die Hauptstadt des Bundesstaates Nagaland. Die Menschen dieser Gegend sehen sich selten als Indier, denn sie sind die Erben uralter Urwaldvölker. Ehemalige Kopfjäger, die sich den Repressionen des Hindustan-Nationalismus von Präsident Modi entgegenstellen. Herr Chuzho, ein Architekt, erzählte uns von seiner Stadt und von den 14 Hauptstämmen der Nagas, von dem verrückten Festival, das jedes Jahr im Dezember stattfindet und lud uns in sein Haus zum Übernachten ein. Dieses Haus, eine riesige Villa am Berg, beherbergte seine Freu und zwei Söhne, einer davon mit eigener Familie. Der andere Sohn, Leiter des städtischen Krankenhauses und Forschergeist der Neurologie, erklärte sich bereit, uns bei einem Gläschen Rotwein seinen Plan für unsere Stadtführung am nächsten Tag zu offenbaren. Tagsüber besichtigten wir den Soldatenfriedhof des Zweiten Weltkriegs: die Japaner hatten erfolglos versucht, das ostindische Gebiet der Briten einzunehmen. Vorbei an der riesigen Baptistenkirche fuhren wir auf das Gelände des Hornbill-Kulturfestivals, wo als Freilichtmuseum die nachgebauten Häuser der verschiedenen Stämme ihre prächtigen Holzfassaden in die milde Wärme der Frühlingssonne reckten (dazu noch dieses Video). Nach dem Abendbrot lockte uns ebenjener Sohn nochmals ins Freie, um mit seinem ebenfalls noch unverheirateten Kumpel auf nächtliche Erkundungstour übers Festivalgelände zu stiefeln. Ein kleines Lagerfeuer entzündete er, wie ein richtiger Stammeshauptmann, mit altem Plastikabfall vom Straßenrand. Zusammen genossen wir das kühle Bier, das zuvor heimlich aus einem Keller hinter einer halbhohen Holztür zu horrenden Preise herangeschafft worden war und die Betelnuss-Kautabak-Päckchen sorgten für einen lustig-beschwingten Abend im Nagaland.

Auch der nächste Abend endete, 300 km weiter kurz vor der burmesischen Grenze, bei einem Festival, dieses Mal in Manipur. Im goldenen Licht der indischen Abenddämmerung sammelte uns erneut ein Fahrer auf, der sich zum neuen Vater auf Zeit erklärte. In seinem Haus lernten wir seine Familie kennen und besuchten gemeinsam das Dorffest, das uns den ersten Eindruck südostasiatischer Kultur näher brachte. Zwei Reihen tanzender Frauen, jung bis alt kostümiert mit langen, breitgestreiften Röcken und Blumenketten, ließen ihre Arme und Körper wellenartig, dem Klang des Gesanges nach, an den Zuschauern vorbeigleiten. Daneben die Männertanzschlange, weite Hosen und Blumenschmuck wippten bei ihren energetischen Tanzsprüngen zum Schlag der Trommeln. So zog die Tanzgesellschaft Runde für Runde in dem Festzelt, wir aßen Eis und Süßigkeiten und amüsierten uns über die Vielschichtigkeit Indiens. Den letzten Hindutempel im Rücken, überquerten wir am nächsten Tag mit einem lauten Wolkenbruch die Grenze ins Land Nummer 13, nach Myanmar.

–Nachtrag–

Nocheinmal schnell zurück nach Indien und Nepal: hier seht ihr die Route, auf der wir gefahren sind:


rot: getrampt
blau: Bus oder Zug
Sternchen: im Zelt geschlafen
Häuschen: unterm Dach geschlafen