In einem gedanklichen Ausflug nach Nepal bewundert das geistige Auge Berge, Berge, Berge, durchzogen von tiefen Tälern mit eiskalten Gebirgsflüssen, und die schneebedeckten Gipfel säumen Tempel und Gebetsfahnen. Diese kantigen Hochgebirgsketten erstrecken sich knapp 800 Kilometer durchs ganze Land. Am südlichen Ende dieses langgestreckten Nepals zieht sich vom West- zum Ostende eine gut ausgebaute Schnellstraße entlang der Vorgebirgsebene. Auf dieser Straße wollten wir Nepal durchqueren und Ausblicke genießen. Logischerweise liegen die elf 8000er nicht direkt an der Hauptstraße, die Höhen verändern sich zwar schnell, doch aus der Ebene kann man nicht weiter als bis an die nächste Hügelwand blicken. Nach einem Tramptag entlang der Hauptstraße entdeckten wir auf der Landkarte eine kleine Straße durch die Berge, die uns etwa 400 km bis in die nächste Großstadt Pokhara ans Annapurnamassiv bringen würde. In der Hoffnung auf szenische Ausblicke und spannende Berglandschaften tuckerten wir mit einem LKW die Stichstraße in Kohalpur nach Norden. Die kurvige Straße wand sich immer höher in die Berge. Von Chinchu weiter nach Westen im Hochzeitsauto mit Braut und Bräutigam (Lift Nummer 400!). Doch das Verkehrsaufkommen ebbte im Lauf des Tages drastisch ab. Nach einer kurzen Fahrt im kleinen Lieferwagen zu viert auf den Vordersitzen war der Tramptag gelaufen und eine Stunde vor Sonnenuntergang kapitulierten wir ob des komplett ausbleibenden Verkehrs. Die erholsame Nacht am Flussstrand beschwichtigte den Trampergott: am nächsten Morgen überraschte uns gleich das erste Auto mit einem langen Ride nach Jajarkot. In Devsthal stiegen wir aus, um Richtung Muschikot zu fahren. Im Hinblick darauf, schnell vorankommen zu wollen, stellte sich die Route als Fehlentscheidung heraus. Während der Fahrt wurde uns klar, wieso die Strecke immer weniger befahren wurde: die schmale Straße bestand aus staubigem Schotter, durchzogen von Schlaglöchern jeder Größe. Selbst im gut gefederten Pick-Up-Jeep schütteln und lockern sich die tiefliegenden Körperschichten, die Bandscheiben sagen freundlich: „Hallo, wir sind noch da!“

Wir ahnten zu diesem Zeitpunkt nicht, dass die Qualität der Straße für die nächsten 250 km unverändert bleiben sollte. Das nächste Dorf durchquerten wir erhobenen Hitchhikerhauptes zu Fuß und warteten eine knappe Stunde auf das nächste Auto. Dessen Fahrer war als Ingenieur zu seinem Brückenbauprojekt unterwegs. Die Fundamente waren schon fertig, neben der alten Hängebrücke aus Stahl für Fußgänger durchquerten Fahrzeuge den Fluss noch direkt ein einer seichten Stelle. Und danach lernten wir, was es bedeutet, wenn Tramper sagen: Traffic exists, hitchhiking possible! Trampen war uns unmöglich, weil kein Gefährt mehr fuhr. Zwei Stunden lang kam nichts mehr. Nur ein Bus kam nach zwei Stunden vorbei, der sich den gesamten Nachmittag lang eine enge Bergstraße aus Sand und Staub auf 1500 m hinauf und hinabwand. Wenige Kilometer vorm Ziel bog der Fahrer nochmal in die falsche Richtung ab, fuhr durch das Flussbett zum gegenüberliegenden Hang und stieg mit Kind und Kegel aus. Etwas fassungslos warteten wir, was passieren würden, und tatsächlich: der Fahrkartenkontrolljunge übernahm das Steuer, wendete den Bus im Flussbett und quälte sich die enge Straße wieder zurück. Schließlich hielt er bei einer Gruppe Nepalesen, die gerade einen riesigen Topf ChauChau unter sich aufteilten (Instant-Nudelsuppe). Da das Ziel der Busreise in weite Ferne gerückt schien, half nur noch eins: Schnaps. Nachdem alle 20 Leute mit Sack und Pack den Bus geentert hatten, ging die fröhliche Fahrt weiter und unsere beschwipsten Gemüter freuten sich über die Absurdität der mittlerweile singenden, klatschenden und musizierenden Busgesellschaft. Nach sechs Stunden über gerade mal 25 Kilometer holprige Straßen erreichten wir in stockdunkler Nacht endlich Chawojahari.

Entlang der nächsten 100 km auf dieser Straße fuhren uns bezahle Jeeps als einzige verfügbare Verkehrsmittel und schüttelten uns über Schotter, Staub und Schlaglöcher. Unterwegs tauschte der Fahrer den kaputtgefahrenen Reifen und manövrierte neben tiefen Abhängen und an Straßenbauarbeiten vorbei. Auch unzählige Erdrutsche poröser Gesteinshänge hatten die Fahrbahn an vielen Stellen verschüttet. Eingezwängt zu viert auf der hinteren Sitzbank erhaschten wir kurze, flüchtige Blicke auf weit entfernte weiße Berggipfel, die hinter der nächsten Kurve wieder zerronnen. Im goldenen Licht der Abendsonne hielt der Jeep schließlich in Lukum, einem kleinen Bergdorf auf 2500 m Höhe. Wir stiefelten bergauf ins größte Haus des Dörfchens, wo wir fragten:
„Do you have a room?“
„Maybe!“
In erstaunlich gutem Englisch begrüßte uns der Herbergsvater und bat uns um Geduld. Während das Zimmer gefegt, Betten bezogen und Unrat beiseite geräumt wurde, genossen wir den Ausblick auf die umliegenden, mit winterlichen Schneeresten bedeckten Bergspitzen, hinter denen gerade die Sonne unterging. Und kurz darauf in den gemütlichen Bergbetten übermannte uns ein tiefer, ruckelfreier Schlaf mit diffusen Traumbildern von glatten Asphaltstraßen.
Im Lukum Homestay wurde überm Feuer für uns gekocht. Die Wahl zwischen dem nepalesichen Nationalgericht Bhatdaal (Reis mit Bohnen-Linsen-Brei, das wir bereits ununterbrochen vorgesetzt bekommen hatten) und einer Lokalspezial (Maisgrütze mit Trockenfleisch und Spinatgemüse aus den Wäldern) viel uns nicht schwer. Während des ersten Mittagessens erfragten wir bei unserem Herbergsvater, einem pensionierten Lehrer, die Möglichkeiten fürs Weiterkommen und wann das nächste Transportmittel Lukum verlassen würde.
„Der Pass nach Burtibang ist verschneit, derzeit fährt nichts Richtung Westen. Von hier sind es etwa 30 Kilometer, die ihr an einem Tag zu Fuß zurücklegen könnt.“ Das hatte gesessen.

Nepalesen laufen gerne und die Füße sind in dieser Gegend noch immer das einzig mögliche und zuverlässigste Fortbewegungsmittel. Stets mit einer Kiepe auf dem Rücken, die mit kiloweise Brennholz, Gras für die Tiere oder anderen Gütern vollgepackt ist, läuft Jung und Alt über steile Bergpfade, am liebsten ohne festes Schuhwerk in Schlappen oder Flip-Flops. Kein Wunder, dass sie riesige Teller mit Bhatdaal in Windeseile verdrücken können!
Während der nächsten Tage überlegten wir, wie wir die Tour mit all unserem Gepäck meistern könnten. Umdrehen kam jedenfalls nicht in Frage. Dazu mussten wir uns noch an die Höhe gewöhnen und kämpften mit Schwäche, Appetitlosigkeit und unruhigem Magen. Außerdem änderten sich die Ankündigungen für eventuell fahrende Vehikel mehrmals täglich. An den dunklen Abenden schenkte uns die Herbergsmutter einen trüben Trank aus gegorener Gerste (Chang, „Bier“) oder Unmengen eines hochprozentigen Gerstenweins fröhlich nach. Eines Nachmittags schulterten wir schließlich unsere Rucksäcke und brachen zu den ersten Kilometern auf, um im letzten Dorf vor dem Pass zu übernachten. Unsere Guide-in führte uns zu ihrer kleinen Hütte, in deren Erdgeschoss die Kühe und darüber im ersten Stock die Fünfköpfige Familie auf niedrigen 20 Quadratmetern hauste. Im Verlaufe des Abends passierten merkwürdige Dinge: ohne viel nepalesisch zu verstehen, klagte sie uns ihr Leid, servierte uns eine Schale „Wein“ mit Hanfsamen, auf dessen Oberfläche kleine Fetttröpfchen schwammen und rührte in singendem Selbstgespräch ewig in einem riesigen Kochtopf überm Feuer. Auf nüchternen Magen leicht alkoholisiert fühlten wir uns, als wären wir in die Fänge einer echten Hexe geraten. Als wir eine unruhige Nacht zu siebt neben der kleinen Feuerstelle hinter uns gebracht hatten, wurde das Frühstücksfeuer entzündet und erneut stundenlang im Maisgrützen-Kochtopf gerührt, ehe wir zum letzten Mal mit dem Lokalgericht gefüttert wurden. Danach konnten wir endlich zur nächsten Etappe aufbrechen. Der Mann der Schamanin führte uns zum Pass auf 3000 m Höhe und entließ uns in die Freiheit. (Dit kannstde nisch buchen.)

Einige Kilometer hinterm Pass überraschte uns etwas, das wir schon seit Tagen nicht mehr zu Gesicht bekommen hatten: ein Bus, der sich im Schnee festgefahren hatte. Unterm hinteren Fahrwerk werkelte ein Mann herum. Kurzentschlossen griffen wir zu den verbliebenen Schaufeln, schippten Schnee, Schotter und Eis beiseite und brachten Steine für Gripp unter den Rädern. Gespannt schauten wir zu, wie der vermeintliche Fahrer den ersten Versuch startete. Der Motor heulte auf, die Räder drehten gnadenlos durch. Also weiterschippen, die hintere Achse aufbocken und Steine unterschichten. Zweiter Versuch. Wieder nur durchdrehende Reifen. So ging es fünf Stunden bis kurz vor Sonnenuntergang weiter. Franks Motivation zur Busbefreiung war unermesslich, Karoline schulterte den Rucksack kurz vor Sonnenuntergang wieder … und lief so lange, bis schließlich das tiefe Röhren eines Motors im Nacken zu hören war… Yey!
Bis in die nächste Großstadt Burtibang durften wir im befreiten Bus umsonst mitfahren. Auf dieser Seite des Gebirges genossen wir die Zeichen von Zivilisation (Obst!) und makellose Infrastruktur. Traffic exists, hitchhiking possible! In sechs Autos überwältigten uns die sich eröffnenden Ausblicke und so schafften wir noch am selben Tag 150 weitere Kilometer bis Pokhara.
Auch wenn uns dort das Touristen-Wunderland nach einer Woche abgeschiedenen Dorflebens surreal erschien, zerging uns das Schokoladentörchen mit Milchkaffee wie flüssiges Gold im Mund.

Nepal ist, im Vergleich zu Indien, angenehm weniger: weniger Menschen, Gehupe und Aufgeregtheit – und die Tramperei in oder auf den zahlreichen Pick-Up-Jeeps ist flott und spaßig: wenn es denn Verkehr gibt. Besonders beeindruckt hat uns auch die Geschichte der Gurkha, auf deren Spuren man auch durch Lukum über den Guerilla-Trail wandern kann. (Zu den Gurkha-Einheiten rekrutierte die British Army ursprünglich Kämpfer aus nepalesischen Bergdörfern, da sie als zäh und genügsam galten, für diverse Kriege mit britischer Beteiligung. Mittlerweile besteht Großteil der Polizei in Singapur aus Nepalesen.) Im nepalesischen Bürgerkrieg spielten selbsternannte Gurkha-Guerillaeinheiten im Kampf der Maoisten gegen den König bis 2006 die entscheidende Rolle, um die Monarchie zu beenden. Seitdem hat sich die wirtschaftliche Lage Nepals deutlich verbessert, dennoch ist das Land immernoch auf finanzielle Hilfe aus dem Ausland angewiesen. Viele Nepalesen wanderten in den letzten Jahren aus, vor allem in die VAE, USA oder nach Qatar, um das Geld für ihre Familien zu verdienen (dazu Musik: Kathmandu Killers)

 

Auf dem Weg durch Nepal haben wir viel gelernt: über die Sysiphosaufgabe, ein bröseliges Gebirge befahrbar zu machen, dass sich der Besitz eines Automobils nur bei brauchbaren Straßen lohnt, und wie steinige Wege den Hunger nach Abenteuern stillen.
Dazu nochmal Musik von Nepathya