Endspurt. In den letzten Tagen wandert in unregelmäßigen Abständen wilde Aufregung durch die Brust, denn bald erreichen wir unser Ziel, zu dem wir vor 7 Monaten aufgebrochen sind.

12. Tag: Kanakona – Ankola

Der Tag beginnt mit einem indischen Tramper, der heute mit seinen Kumpels in Papas Auto zu einem Wildgehege fährt. Er erzählt uns, dass er für die Verbreitung der Idee vom Trampen in Indien kämpft und schon oft per Daumen unterwegs gewesen ist. Vorm Wildgehege stoppt später ein LKW-Direktlift nach Ankola, wo wir uns in der Mittagshitze zum Frühstück mit Eier-Biryani in ein Restaurant retten und mit der Rikscha an den Strand von Belabandar fahren. Das Meerwasser ist wie in Goa ziemlich trüb, feine Schwebstoffe dämpfen das Gefühl vom Paradies. Da die Leute in diesem kleinen Fischerdorf selten Ausländer sehen, sind wir schnell umzingelt von einer Traube Mensch: man holt uns Kokosnüsse vom Baum und bringt Essen zum Strand. Die acht Jungs, die uns das Essen von ihrem Kumpelkoch gebracht haben, versuchen ein Geschäft mit uns zu machen. Ganz leise flüstert mir einer von ihnen zu, dass es 2000 Rupien kosten soll (25 Euro). Fisch sei teuer hier. Als wir einen realistischen Preis von 300 INR anbieten, geben sie klein bei, können aber kein Wechselgeld organisieren. Vielleicht ja morgen. Erstmal steht das Zelt im flauschigen Gras am steinigen Teil der Küste.

13. Tag: Ankola – Honey Beach

Wir schwimmen früh und wollen bald das Wechselgeld abholen. Die Jungs warten schon auf uns, binden uns aber auf die Nase, dass sie nichts haben. Was, welches Wechselgeld? Nach einigem Hin und Her (wir wollen kein Geld, nehmt das Geld, nein kein Geld, nehmt unsere Kekse und Bananen, nein!) rettet einer der Dorfbewohner uns alle und drückt uns zwei Scheine in die Hand.
Bereit zur Abfahrt! Wir laufen drei Kilometer zurück in die Stadt, essen Eis, fahren auf einer Ladefläche mit, laufen zwei Kilometer weiter, verweilen im Schatten, und werden von der Familie im Garten nebenan zum Mittagessen eingeladen. Es gibt Dosa (Crepe aus Reismehl) mit Hühnchenknochencurry. Bei den Nachbarn gibt es Nachtisch.
Wir ziehen von dannen mit einem kurzen Lift, laufen nochmal zwei Kilometer und erwischen auf der einsamen Dorfstraße zum Strand noch ein Auto mit zwei jungen Großstädtern, die gerade von einer Hochzeit entspannen wollen. Welcome to Honey Beach! Der Strand ist perfekt. Ein Restaurant am Sandrand, feinkörniger Strand, daneben Felsblöcke am Wasser und nur wenige Besucher. Das Zelt freut sich über den Sand zwischen den riesigen Steinen und wir uns über den Sternenhimmel.

14. Tag: Honey Beach – Haveri

Wir beobachten, wie die Sonne über den Felsen aufgeht. Im Frühstücks-Restaurant wird das rostige Russisch reaktiviert, als uns drei Russen gegenüber sitzen, die seit 20 Jahren unweit von Würzburg wohnen. Jeden Winter verbringen sie in Gokarna, das nur wenige Kilometer südlich vom Honey Beach liegt und als entspannter Hippiestrand empfohlen wird.
Wir machen uns auf den Weg zurück zur Hauptstraße. Den Bus erwischen wir nicht mehr, einen kleinen Sammeltransporter schon und zurück in Ankola stehen wir an der Straße nach Osten ins Landesinnere. Nur noch 300 Kilometer bis Hampi, dafür planen wir zwei Tagen ein.
Ravi und Raju halten an, die die Hälfte der Strecke fahren. Beim Tee am Straßenrand fragt Raju, ob wir mitfahren wollen zu einem Tempel, nicht weit entfernt in den Bergen. Gespannt, was uns da wohl wieder erwartet, willigen wir ein. Aber wir sind hier in Indien: das Manöver stellt sich heraus als endloses Gekurve bergauf über kleine Schotterstraßen, zwischendurch fahren wir über eine frisch asphaltiere Straße, auf der die Arbeiter uns verfluchen. Später führt ein unebener Sandweg abenteuerlich weiter durch den dichter werdenden Jungle. In Deutschland hätte die Breite der Straße Einbahncharakter, dennoch muss Ravi einem großen Tourbus und unzähligen Mopeds ausweichen. Den Eingang in den Nationalpark erreichen wir verschwitzt und erwartungsvoll. Nach einer kleinen Wanderung durch den Wald tauchen sie auf wie Raumschiffe aus dem All: riesige schwarze Felsen erheben sich wie Teufel zwischen den Bäumen. Am Fuße einer dieser Felskomplexe steht seit mehreren hundert Jahren der Yanatempel zu Ehren Shivas. Diese Kulisse ist seit dem Film Nammoora Mandara Hoove bekannter, doch vielen Touristen bleibt diese Attraktion im Nirgendwo verborgen. Neben den für Indien untypisch wenigen anderen Besuchern erkunden wir ungestört die Gegend. Toll, dieses Trampen: immer wieder kommen Erlebnisse um die Ecke, die unerwarteter nicht kommen könnten. Es dämmert bereits, als wir mit Ravi und Raju in der nächsten Stadt Haverie ankommen. Abendbrot im Hotel (Restaurant in Indien), dessen Kellner uns zu seiner Lodge bringt. Direkt am Busbahnhof liegt das (richtige) Hotel, in dem uns die Mücken derartig traktieren, dass wir unser Zelt im Zimmer aufbauen. Mit einem warmen Bier am Anschlag fühlen wir sie: die Festivalstimmung.

15. Tag: Havarie – Hampi

Nur noch 160 km. Erstmal laufen bis hinter den Bahnhof, Klempner-Lift, laufen durch ein Dorf, Kinder treffen, eine Traube Neugieriger beschwichtigen. Die Polizei hält an. Im Polizeiauto einen Kilometer mitfahren, gefolgt von einem organisierten Apothekerlift (durch unsere Polizeifreunde). Nachdem wir durch das nächste Dorf gelaufen sind, entwickelt sich eine neue neugierige Traube. Wegen Aussichtslosigkeit und leerer Straße steigen wir auf eine bezahlte Ladefläche und landen im folgenden Dorf an der einsamen Hauptstraße. Kein Auto. Nichts.

Karoline verschwindet im Busch und kurz darauf hält endlich ein Wagen, der in die nächste Stadt fahren will. Als uns der Beifahrer seine Visitenkarte überreicht, beginnt die Ohnmacht mit kribbelnden Fingern und dem seltsamen Gefühl von Schwamm im Zentralhirn. Das Auto stoppt, Karoline schleppt sich zum Straßenrand und bricht zusammen. Der Schmerz im Bauch betäubt die Sinne, dehydriert über ein dorniges Feld in den Schatten einer Blechhütte gerobbt. Nach einer halben Stunde fahren wir im Krankenwagen in die nächste Stadt, mit Infusion, Spritze und zwei Stunden Ruhe behandelt man die Gastroenteritis im Krankenhaus, dazu verschreibt die Ärztin Antibiotika und Schmerzmittel. Huiuiui.

Und nun? Der Uhrzeiger steht schon auf der Vier, 100 km bis Hampi. Fahren wir weiter? Oder sollten wir lieber irgendwo weiter ausruhen?
Da die Suche nach einem Hotel vergeblich bleibt, rasen wir auf einem Motorrad zu dritt mit Gepäck in den Sonnenuntergang und erwischen noch einen LKW, der uns bis kurz vor Hampi über schlechte Straßen schüttelt. Inzwischen ist es dunkel. Die nächste Traube Mensch erzählt uns von Leoparden in der Steinwüste. Zelten scheint nur möglich vor dem kleinen Tempel, der direkt hinter uns leuchtet. Doch dann durchbrechen Scheinwerfer die Dunkelheit der Nacht. Auf der Ladefläche dieses Jeeps düsen wir zehn Kilometer durch die Nacht. Die letzten Drei streben wir im Laufschritt an, als zwei Mopeds halten und bis Hampi bringen.
Geschafft! Die erste Nacht verbringen wir ohne Zelt im Tempel, auf dem Vorplatz unter Scheinwerferlicht neben einigen indischen Pilgern, zwei Kühen und ein paar Hunden. Der nächste Morgen offenbart die unglaubliche Landschaft aus Felsbrocken. Als ob sie von Göttern hierher gebracht und aufgestapelt wurden. Jetzt bleiben wir und genießen Natur, Fluss und Seen, Sonne und Boulderglück in Hampi.