4. Tag: Udaipur bis Godhra

Wir verlassen die Stadt Udaipur mit einem Eicher-LKW-Verkäufer, der uns nach fünf Minuten Fahrt in sein Geschäft zum Tee einlädt. (Die Firma Eicher stellte in den 40r Jahren Traktoren in Deutschland her, später wurde sie nach Indien verkauft und kooperiert heutzutage mit Volvo im Truckerbusiness.) Weil ihn unser Reiseprojekt so fasziniert, begleitet er uns nach dem Tee zur Straße, um das nächste Auto heranzuwinken. Dieser ältere Herr trägt einen feinen grauen Kaschmirpullover und handelt mit Marmor (Black Rajasthan, Lakha Red, Camel Brown und Grüner Marmor). Eine wichtige Frage, die ihm unter den Nägeln brennt, stellt er uns gleich: How do you recognize Mr. Hitler in your country?
Inder mögen Hilter, denn dessen begründetes Interesse, die Besatzer aus Groß-Britannien zu schwächen, verhalf nach indischer Meinung zur Unabhängigkeit 1948. Hitler ist in Indien kein Schwimpfwort, sondern prangt als Markenname über Eiscremewerbung und Bekleidungsgeschäften.
Außerdem nimmt uns der Marmormann im Kaschmirpullover ins Kreuzverhör über Deutschland: Hauptstadt, Regierungsform, welche Währung, Hauptwirtschaftszweige, Bevölkerungsdichte, Grundstückspreise, Klima usw.
Danach fahren wir wieder LKW (heute aus Gründen nur kurz) und wenig später steigen wir in ein Auto, das frisch aus der Werkstatt zur Testfahrt unterwegs ist. Die gleichen Monteure gabeln uns in einem anderen Auto erneut auf, bevor wir mit einem Traktor durch die nächste Großstadt tuckern. Ein Mitarbeiter aus der Immobilienbranche organisiert uns das nächste Auto. Unterwegs sehen wir einen tollen Platz fürs Zelt, zu dem wir mit dem allerletzten Lift 5 km zurückfahren. Das war ein langer Tag in 14 Fahrzeugen. Der Zeltplatz liegt idyllisch hinter einem kleinen Wald, wir sehen Nilgais mit reitenden Reihern, lauschen einem Pfauenkonzert und genießen den Sternenhimmel.

5. Tag: Godhra – Rajpipla (Neelkanth dham)

An der Straße werden wir, wie so oft in Indien, von einer Traube junger Männer mit und ohne Mopeds umzingelt, die nach dem Zweck unserer Reise fragen. Keiner scheint zu verstehen, dass Trampen ganz gut funktioniert, solange nicht 20 Leute die Sichtbarkeit und somit Weiterfahrt erschweren. Zunächst knipst jeder ein Selfie mit uns, zwischendurch drückt einer uns eine Tüte mit frisch frittierten Chilischoten in die Hand, aus der anderen Ecke der Traube wird ein halbes Kilo Bananen und drei Mandarinen verschenkt. Scheinbar glauben alle, dass wir wirklich dringend Hilfe benötigen, deshalb schlägt einer der Jungs vor, dass er uns an den Bypass um die nächste Großstadt bringt. Mit seinem roten Motorrad. Zwei große Rucksäcke und drei Personen, in Indien kein Problem! Zusammen düsen wir 5 km durch die frische Morgenluft.
Nach ein paar weiteren Lifts durchqueren wir schwitzend eine Stadt zu Fuß und manövrieren uns vorbei an einer langen Schlange vollbeladener Traktoren vor der Baumwollfabrik, bevor uns das aufgeregte Multitalent Bhups aufsammelt. Am Telefon erklärt er, dass seine Mutter noch eine Portion mehr kochen sol. Nach dem Mittagessen besuchen wir zusammen einen nahegelegenen Tempel und weil er heute so gut drauf ist, bringt er uns noch an unser Tagesziel: zur Statue der Einheit! Die derzeit größte Statue der Welt steht im indischen Bundesstaat Gujarat, misst 182 m und stellt Herrn Patel dar, der eine wichtige Figur im Kampf für die indische Unabhängigkeit 1948 gewesen ist. Der Bau der Statue war ein Politikum des derzeitigen (nationalistischen) indischen Präsidenten Modi und bescherte ihm harsche Kritik, eine politische Figur darzustellen und die Statue in einer der ärmsten Regionen des Landes zu bauen. Deswegen soll bis April 2019 eine 3 m höhere Shiva-Statue in der Nähe von Delhi fertiggebaut werden. Nachdem wir Herrn Patel mit unseren Ellenbogen an der Zehenspitze gekitzelt haben, stehen wir wieder an der Straße, um einen Zeltplatz für die Nacht zu suchen. Ein vollbesetzter Wagen mit sechs Personen stoppt mit quietschenden Reifen 100 Meter hinter uns. Die junge Frau vom Beifahrersitz steigt aus und fragt in perfektem British English nach unserem Ziel und dass wir einsteigen könnten, sobald sie sich auf der zweiten Rückbank neben ihrer Mutter und der Tante einquartiert hat. Es stellt sich heraus, dass sie und ihre Eltern in London leben und gerade zu Besuch in Indien sind. Ihr Verlobter (und Cousin) sitzt am Steuer und auch dessen Eltern sind beim Ausflug mit von der Partie. Glücklich über diese nette Begegnung fahren wir mit der Doppel-Familie, bis sie ihr Ziel erreicht haben: den neugebauten bunten Hindutempel Neelkanth dham, der nachts mit LEDs die Welt zum Leuchten bringt. Etwa 30 Götterstatuen haben ihren Platz rund um ein helles Brunnenbasin, im Hauptgebäude davor sitzen Shiva, Ganesha und Krischna. Die beiden jungen Leute erzählen uns, dass sie sich unabhängig von dem Vorhaben ihrer Eltern zu ihrer arrangierten Hochzeit verliebt hätten. Nächstes Jahr heiraten sie in Indien.
Durch die intelligente Verhandlungskunst des Brautvaters erhascht er zwei Zimmer in der Tempelherberge, wo wir uns alle (Frauen und Männer getrennt) zu erholsamen Schlaf betten können.

6. Tag: Rajpipla (Neelkanth dham) – Vapi

Ohne Blinklichter offenbart der Tempel Neelkanth bei Tag seine ganze Schönheit. Die Londoner Gujaraties bringen uns nach dem Frühstück im Tempel (mit Buttermilchbrunnen) noch einige Kilometer in die richtige Richtung und verabschieden sich. Mit auf den Weg geben sie uns eine Tüte voll mit besten Dattel-Nuss-Bällchen, gewälzt in Kokosraspeln.
Im nächsten Auto chauffiert uns wieder ein Polizist, der einen Tee spendiert. Dann quälen wir uns mit viel Warterei und mehreren Fahrzeugen über kurze Strecken zwei Stunden lang vorbei an der Großstadt Surat, der Stadt der Diamanten: z.B. ein Immobilienverwalter, der uns nach 5 km direkt in sein Büro zum Teetrinken fährt. Wir besichtigen dessen Gebäudekomplex aus Ein- bis Drei-Zimmerwohnungen für 1 – 3 Lakh und warten ewig auf das Heißgetränk. Sein Laufbursche bringt uns nach einer Stunde endlich zurück zur Straße.
Und dann taucht Moshin auf. Sein Englisch verstehen wir nur mäßig, aber er will uns bis in die nächste Stadt bringen. Wie sich herausstellt mit einem Umweg von 40 km über verschiedene Dörfer und Besuch einer Pilgerstadt der Jain. Zwischendurch trinken wir mehrmals Tee und besorgen Bananen, um die restliche Strecke durchzustehen. Eigentlich wollen wir in der Dämmerung aussteigen und Zelten, aber Moshin hält uns zurück, weil er Platz in seinem Haus zum Schlafen hat. Die zusätzlichen Kilometer überzeugen uns und Moshin freut sich auf den gemeinsamen Abend. Sein Haus liegt in Vapi im Bundesstaat Gujarat, wo Alkohol streng verboten ist. Folgt man der Straße ein paar Kilometer weiter Richtung Küste, überschreitet man die Grenze in den benachbarten Bundesstaat Daman. Einst von den Portugiesen besetzt und verwaltet, herrschen in dem kleinen Daman noch immer liberale Gesetze im Bezug auf Genussmittel. Kurz hinter der Grenze sehen wir eine lange Schlange Mopeds vor dem Spirituosengeschäft. Moshin lädt uns ein zu Hühnchen vom Grill, außerdem bestellt er eine komplette Flasche Whisky, in deren Angesicht wir nach der Hälfte kapitulieren. Bei dem mitternächtlichen Ausflug ans Meer nach dem Essen wollen wir unser Zelt doch noch am Strand aufstellen. Moshin ist deshalb furchtbar unruhig, und wenige Minuten nachdem wir auf den Isomatten liegen, leuchten uns Polizeitaschenlampen wieder in die Senkrechte. Nix mit Camping, hier gibt es angeblich Mörder und Diebe, wir sollen ins Hotel oder zum Bahnhof. Moshin hat zufällig in der Nähe gewartet und bietet der Polizei an, sich um uns zu kümmern. So finden wir, umzingelt von Mücken, um 2 Uhr auf seiner Couch Platz, aber aufgewühlt von den Erlebnissen keinen Schlaf.

Tag 7: Vapi – Panval

Um 7 Uhr verlassen wir gemeinsam mit Moshin das Haus und stehen endlich wieder in Freiheit an der Hauptstraße. Ein Mann in einem geräumigen, modernen Auto hält an: Hanesh fährt direkt bis Mumbai. Mehr als 200 km! Nach der ewigen Fahrt über zu kurze Strecke am vorigen Abend können wir unser Glück kaum fassen. An der nächsten Raststätte spendiert er uns erstmal Frühstück. Er bietet uns an, diesen Sonntag mit ihm und seiner Familie in Mumbai zu verbringen. Nach Goa könnten wir mit dem nächsten Nachtzug für einen schmalen Taler, in dem auf jeden Fall noch Plätze frei sein werden. Ursprünglich wollten wir die Riesenstadt Mumbai mit ihren 17 mio. Menschen meiden, da solche Ballungsgebiete den Tramperdaumen schwarz färben mit ihren tausend Wegen und Möglichkeiten. Die Vorstellung, entspannt in einem Schlafwagen 600 km an uns vorbeirauschen zu lassen, überzeugt uns von der Gönnung. Wir entern Mumbai und in Haneshs Wohnung lernen wir seine Frau und seine Tochter Kruti kennen, dürfen duschen, schlafen und uns satt essen. Das kleine Mädchen interessiert sich mit ihren 10 Jahren schon brennend für die Weltpolitik. Wir versuchen, ihr die Größe und Differenziertheit der Welt durch unsere Reise zu erklären. Leider ist sie wie ihr Vater ganz verrückt nach Präsident Modi und hasst Pakistan wie die Pest und rückt davon kein Jota zurück. I hate Pakistan!
Auf dem Weg zum Bahnhof verbringen wir drei Stunden im entspannten Sonntagsverkehr, fahren zusammen bis an die südlichste Spitze Mumbais ins Viertel der Reichen und Schönen, essen Eis und spazieren im Park. Am Bahnhof angelangt, tauschen wir gute Wünsche und schlagen uns allein ins Getümmel, um den Ticketschalter zu suchen. Das Ticket für die General Class kostet nur 260 Rupien (3,10 Euro). Hanesh hat uns versichert, dass dort ein freies Bett wartet, wenn wir rechtzeitig in der Schlange stehen. Einer Stunde vor Abfahrt schlendern wir zum Bahnsteig. Eine Schlange sehen wir nicht; scheint tatsächlich ganz entspannt zu sein. Als der Zug eintrifft, wollen wir in den einzigen Wagen der General Class steigen, aber ein Schaffner hält uns zurück und deutet auf das Ende einer ewigen Schlange. In der stehen natürlich schon 200 Inder für einen Wagon. Am anderen Ende des Zuges vermuten wir ein weiteres Abteil wie dieses und nehmen die Beine in die Hand. Außer Puste erreichen wir den bereits völlig überfüllten Wagon. Plan B1: eine Stunde später fährt ein weiterer Zug nach Süden, deshalb spurten wir zurück über den gesamten Bahnhof zum Ticketschalter. Um zu erfahren, dass alle Tickets restlos ausverkauft sind. Also rennen wir wieder zurück zum Zug, um wenigstens ein paar Kilometer mitzufahren und das Moloch Mumbai zu verlassen. Nach einer Stunde Fahrt ohne Schaffner, um 23.30 Uhr, erreichen wir Panvel, 40 km hinter Mumbai.
Die Suche nach einem freien Zimmer führt uns zum Hotel Shiva: der Laufbursche an der Rezeption hat schon einen Schlüssel vom Brett genommen, als sein Chef auftaucht und behauptet, dass er komplett ausgebucht sei. No free rooms. Das Problem scheint unsere Herkunft zu sein, denn einige Hotels sind zur Unterbringung von Ausländern nicht berechtigt. Auf eine Diskussion lässt er sich nicht ein. Wir müssen unser Glück woanders versuchen. Vielleicht gelingt es mit einer Reservierungsbestätigung aus dem Internet. Im nächsten Hotel, Shri Samrat Inn, empfängt man uns mit geschlossenen Armen. Ein „Polizist“ zeigt uns seinen Ausweis und verlangt, unsere Rucksäcke zu durchsuchen: Do you carry parashoots?
Er ist auf der Jagd nach einer Beförderung, denn letzte Nacht seien in der Nähe zwei Touristen mit Fallschirmen illegal von einem Dach gesprungen. Wir enttäuschen ihn mit unserem kleinteiligen Rucksackinhalt, knallen die Buchungsbestätigung auf den Tresen und verlangen endlich einen Zimmerschlüssel.. Das Flair des Zimmers mit seinem grellen Licht aus der Leuchtstoffröhre, dem Straßenlärm, den schmuddeligen Laken und dem keimigen Badezimmer entspricht dem eines Stundenhotels. Nach einer glücklichen Kippe und guter Musik finden wir um 2 Uhr nachts endlich den lang ersehnten Schlaf.