Mit dem gelben Schulbus verlassen wir Rishikesh: unser Lift Nr. 300. Bis nach Hampi im Süden von Indien rauschen wir in 78 Fahrzeugen über etwa 2‘500 km, die wirklich verrückt werden. Stellt euch vor, diese Strecke in Europa zu trampen: von Berlin nach Istanbul zum Beispiel könnte man eine hypothetische Trampzeit von 3 – 4 Tagen einplanen. Auf dem indischen Subkontinent hingegen nimmt sich der Lauf der Dinge für alles seine Zeit …

Tag 1: Rishikesh – Delhi
Fahrer Nummer 3 organisiert uns den finalen Lift, mit dem wir 300 km bis nach Neu Delhi fahren. Das junge Pärchen im Auto heißt Aman und Raman. Bei deren Freundin Sawita speisen wir köstlich und witzeln herum, bevor uns die Nacht und die Hauptstadt verschlingen. Bei Raman ist kein Platz zum Übernachten, deswegen bringt er uns noch ein Stück weiter zu seinem DJ-Freund Ajay, wo kurz vor Mitternacht aufkreuzen und in ein weiches Bett gelegt werden.

2. Tag: Delhi – Ajmer
Wir sind früh aufgestanden, um mit Ajay auf das fantastische Frühstück seiner Mutter zu warten. Es ist Sonntag, die kleine Nebenstraße vor seinem Haus unbefahren. Trotzdem beobachten wir zusammen allerlei unerhörte Begebenheiten: Karoline wird am Sai-Baba-Wagen gesegnet, vom Balkon im dritten Stock gegenüber dient ein Eimer am Seil zum Transport des kleinen Einkaufs nach oben und verschiedene Tiere (Kühe, Hunde, Katzen) erheitern unsere Gemüter.
Raus aus Delhi befördern uns drei Autos, der folgende LKW schleicht mit 40 km/h über die Landstraße. Schließlich hält ein kleiner weißer Suzuki Maruti mit drei Jungs aus Kaschmir (mal wieder), die bis nach Ajmer fahren. Doch 120 km nördlich, in Jaipur, müssen wir aussteigen, weil noch ein Familientreffen in Rajasthans Hauptstadt ansteht. Es dämmert bereits, als ein LKW mit dem Ziel Ajmer anhält. Ein brennendes Glücksgefühl erfüllt uns. Und löst sich langsam auf wie ein Bonbon, denn wir eiern damit fast sechs Stunden durch die Nacht. Währenddessen wechseln die Fahrer mehrmals, außerdem stoppen wir für Tee und Abendbrot in die Fahrerkabine und einige Pinkelpausen. Kurz vor Mitternacht erreichen wir unser Ziel, entspringen dem LKW und lassen trotz später Stunde eine Diskussion mit einem touristenversechten Rikschafahrer und diversen Rezeptionisten in zu teuren Hotels nicht aus. Der Schlaf auf dem schmutzigen Laken kommt spät und mehr als verdient über uns.

3. Tag: Ajmer – Udaipur
Um 7 Uhr klopft der Teeverkäufer an die Tür und drückt uns laut CHAI! Chai! Chai! in die Gehörgänge. Nach kurzem Dösen düsen wir in einer Sammelrikscha zur Autobahn. Ein Schuhmacher hat Franks kaputte Treter ins Visier genommen und ist uns gefolgt. Auf der Straße repariert er notdürftig mit einem Flicken und diversen Nähten die alten Latschen. Fast wie neu! Danach trampen wir endlich los mit zwei Minenunternehmern, in deren niegelnagelneuem Auto unsere Wasserflasche einen Liter Nässe verliert. Keiner hat’s gemerkt, während wir auf das nächste Fahrzeug warten, bangen wir um deren aufgebrachte Rückkehr. Wir fliehen rechtzeitig im Wagen eines Schuldirektors. Auch er interessiert sich brennend für unseren Pass, aber stellt kurz darauf die Frage: You don’t mind if I drink a beer? Ein Kingfisher in der Mittagshitze wird uns ans Bein gebunden, um sein Alkoholproblem kleinzureden. Über seinen schleichenden Fahrstiel verspüren wir gemischte Gefühle und steigen nach einer knappen Stunde und 35 km erleichtert aus der Karre. Nach kurzer Wartezeit halten die Helden des Tages: drei Männer aus Bikaner fahren bis nach Udaipur zu einer Hochzeit! Im Gepäck haben sie Süßigkeiten aus ihrer Bäckerei und Namkeen (salzige Knabberei als Extrudat) aus eigener Produktion. Ungefähr 50 km vor Udaipur erkennen wir in der Ferne einen seltsam schmal geformten Berg, der sich nach 30 weiteren Kilometern Fahrt als riesige Shiva-Statue herausstellt. Im Dunkeln erreichen wir Udaipur. Hier verweilen wir zwei Tage, gucken James Bonds Octopussy (der hier in den 70ern gedreht wurde), lassen uns ayurvedisch massieren, schlürfen Bananenshakes und Melonensaft, spazieren auf einen Hügel zu einem Tempel und bewundern den Sonnenuntergang. Außerdem versuchen wir, hinauf zum Monsunpalast zu wandern. Den Eintritt von 300 Rupien pro Nase wollen wir lieber in indische Köstlichkeiten investieren, deshalb laufen wir zum nächsten Berg, bekommen im Gestrüpp Einblick in die Lederproduktion und finden einen Wanderweg. Oben angelangt genießen wir die alternative Aussicht über den kleinen See und beobachten Geckos und zahlreiche Vogelarten.