Zu viel Schnee im Winter und die fehlende Bewegungsfreiheit führen dazu, dass wir Pakistan verlassen und Land Nr. 11 betreten: Indien.

Mit einem Careem-Taxi fahren wir von Lahore bis zur Grenze, tauschen noch vor der Passkontrolle zu gutem Kurs alte Rupien in neue Rupien und stiefeln abgespempelt durch ein eisernes Tor hinüber auf die andere Seite. Dort empfängt uns halsbrecherische Halsabschneiderei als uns schlechtes Fast-Food und Willkommensbier zu überhöhten Preisen den Magen umdreht. Ohne Geld in der Tasche trotten wir gegen halb 4 zurück zum eisernen Tor, um die Wagah-Border-Zeremonie auf der indischen Seite zu sehen. Diese Zeremonie dient dem Enthissen der pakistanischen und indischen Flagge am Grenzzaun. Die adretten Soldaten beider Seiten (bei den Indern auch Soldatinnen) zeigen sich in stampfendem Stechschritt und aggressiven Gesten gegenseitig ihre Stärke. Das Publikum brüllt in lauten Sprechchören (je nach Seite): Hindustan, Hindustan! oder Pakistan, Pakistan! Dieser enorme indische Patriotismus schwappt uns in einem Moment entgegen, in dem wir eine ereignisreiche Reise durch wunderschöne Landschaften mit herzlichen Begegnungen in Pakistan erlebt haben. Und nachdem wir realisierten, dass in Pakistan vor allem einfache Leute mit bodenständigen Träumen und Bedürfnissen leben, von denen die meisten ihre indischen Brüder achten und anerkennen. Auf der anderen Seite in Indien werden wir noch oft auf Menschen treffen, deren Hass auf Pakistan unermessliche Dimensionen erreicht (ohne dass sie selbst jemals einen Fuß in dieses Land setzen konnten). Zum Glück wechseln wenigstens die Oberoffiziere am Ende der Wagah-Border-Zeremonie im Sonnenuntergang einen (vermutlich schmerzhaften) Handschlag. Danach wird der Grenzübergang geschlossen.
In die nächste Großstadt Amritsar im Bundesstaat Punjab bringen uns drei Jungs aus Kaschmir. Der ungelöste Kaschmirkonflikt brodelt seit Jahren: derzeit gehört der Bundesstaat zu indischem Gebiet, die Teilautonomie wird im §194 der indischen Verfassung geregelt. Doch Pakistans Wasserreserven entspringen dort, in Jammu und Kaschmir, und potentielle Bodenschätze könnten auch für deren Verbündete aus China von Bedeutung sein. Die hauptsächlich muslimisch geprägte Bevölkerung vor Ort bevorzugt einen eigenen, unabhängigen Staat. Für unsere kaschmirischen Fahrer hatte die Wagah-Border-Zeremonie also weit befremdlichere Wirkung als auf uns …

Zusammen erreichen wir Amritsar, die Hauptstadt der Sikh. Nach einer unruhigen Nacht im lauten Hotel, den Kopf noch voller Eindrücke aus vier endlosen Reisewochen in drei Ländern, entscheiden wir uns, die Hauptattraktion, den Goldenen Sikh-Tempel mit seinen Touristen, links liegen zu lassen und in die Berge Himachal-Pradeshs zu entfliehen. Grün soll es dort sein, ruhig und wenig Trubel. Zwei kurze Lifts im Bus und mit der Rikscha bringen uns zum Rand der Stadt, wo uns zwei Sikhs mit bunten Turbanen aufsammeln. Zufällig fahren sie direkt bis zu unserem Ziel Nahan, 300 km nach Osten. Während der Fahrt erfahren wir trotz Sprachbarriere alles über ihre Religion: Der Sikhismus entstand im 15. Jahrhundert durch den ersten Guru Nanak, danach folgten acht weitere Gurus, bis schließlich der zehnte, Gobindh Singh, 200 Jahre später das heilige Buch Khalsa (Adi Granth) zum nächsten und letzten Guru erklärt. Die Religion basiert zum Teil auf der Verteidigung gegen die Mughals, deshalb tragen Sikhs metallene Armreifen (Kara) und einen Dolch (Kirpan). Außerdem zählt das niemals geschnittene, weil von Gott gegebene Haar (Kangha) sowie der Turban (Kesh) und die weiße Buxe der Reinheit (Kachera) zu den fünf traditionellen Erkennungszeichen. Da Frauen und Männer von Gott in gleicher Weise geschaffen und behandelt werden, trägt auch die Dame des Hauses einen Dolch am Gürtel und rasiert und schneidet ihre Haare nie. Morgendliche Meditation vorm Sonnenaufgang ist explizit erwünscht, Fleisch, Tabak, Alkohol und andere Genussmittel hingegen sind strikt verboten. Der Besuch des Whiskyladens nach Sonnenuntergang, gemeinsames Trinken im Auto kurz vor der schmalen Bergstraße und die Platte mit gekochten Eiern aus der Straßenbude erscheinen uns deswegen wunderlich. Doch als Flexi-Sikh, erklären uns Bittu und Bindar, darf man ausnahmsweise mit seinen Gästen trinken, aus reiner Höflichkeit versteht sich. Und keine Widerrede!

Unterm Schutz der Gurus erreichen wir zwei Stunden vor Mitternacht endlich unser Ziel Nahan. Die Aussicht am nächsten Tag überzeugt uns, ein paar Tage zu bleiben, und wir nisten uns in einem gemütlichen kleinen Zimmer ein. Morgens Yoga neben den Affen auf der Dachterrasse, tagsüber das Labyrinth der schmalen, verschlungenen Gassen erkunden und ohne Wasser im Badezimmer klarkommen. Auf der Suche nach Mittagessen wandeln wir, nach stundenlanger Suche bereits völlig unterzuckert, durch ein Wohngebiet am Hang bergauf zurück zur Hauptstraße. Kurz bevor wir die letzten Stufen zur Straßenküche erklimmen, hält uns eine Frau auf: sie möchte Mittagessen für uns kochen! Wir folgen Reena in das verwinkelte grüne Haus zu ihrer riesigen Familie. Nach einer Weile tischt sie uns indische Köstlichkeiten auf: Gemüsecurry und von Ghee (geklärter Butter) überlaufenes Roti (flaches Fladenbrot als Besteckersatz), dazu scharfe, gesäuerte Mango-Chili-Paste und besten Milchtee. Die Einladung erstreckt sich auf unseren gesamten Aufenthalt in Nahan und unser Mittagessen ist für die nächsten Tage gesichert. Wir lauschen gespannt der Familiengeschichte, knipsen tausend Selfies, dürfen Premiumfernsehen und schauen uns das Hochzeitsvideo von Reenas Bruder an: Darin tanzen ausgelassene Inder drei Tage lang wild auf den Straßen und im Haus der Ehegatten, der Bräutigam muss einige verrückte Verkleidungszeremonien über sich ergehen lassen und wird in einer Kutsche durch die Stadt zu seiner Braut gefahren. Dort überreichen sie sich Blumen und Reis, werfen Kräuter ins Feuer und ziehen mit Geld und Geschenken unter Tränen der Braut in das neue Haus des Ehemanns. Ein buntes, lautes Erlebnis!
Obwohl unser Hindi zu wünschen übrig lässt, nimmt uns die ganze Familie offen und ohne Vorbehalt mit einer unbeschreiblichen Herzlichkeit auf. Jeden Nachmittag verlassen wir genudelt und glücklich Reenas Haus.

Eine Pause gönnen wir uns bei einem Ausflug in den Jungle nach Renuka Ji, ein See mit Wildgehege in 30 km Entfernung. Dort sehen wir lustige asiatische Rentiere, einen Pelzbären, riesige Fische und unzählige Vogelarten. Trampen klappt super in den Bergen, sogar auf dem Rückweg am Abend, als bereits Laternenlicht die Straße erhellt. Ein voll besetztes kleines Auto hält und weil die Jungs bis nach Nahan zurückfahren, quetschen wir uns zu viert auf die Rückbank. Ganz entspannt fahren wir mit den Chillerdudes durch kurvenreiche, schmale Straßen zurück auf den samtweichen Berg von Nahan.

Mittlerweile ist unser Besuch bei den Sikhs in Paontas Sahib fällig: Bittu hätte uns gern schon nach der Flexi-Sikhfahrt in sein Haus gebracht und will es sich jetzt trotz der Bedenken seiner Ehefrau nicht nehmen lassen, zur Geburtstagsfeier von Guru Gobind Singh seine Gäste wie Könige zu behandeln. Die Festivität in der Stadt anlässlich des Guru-Geburtstags gleicht einem Karnevalsumzug ohne Gesellschaftskritik. Es herrscht aufgeweckte Stimmung: bunte Fähnchen, Wimpel und Blumen schmücken die Straßen und Umzugswagen, die Leute sind verkleidet und tragen bunte Turbäner. Der Umzug wälzt sich vom Gurudwara-Tempel hinaus in die Straßen der Stadt. In Paontas Sahib lebte der Guru einige Jahre, sodass man dort diesen wunderschönen, weißen Tempel errichten ließ. Schuhe sind tabu, aber zwei Turbanträger an der Garderobe tauschen überflüssiges Schuhwerk gerne gegen eine Marke ein. Nach dem Händewaschen tritt man durch ein Wasserbasin auf die marmornen Stufen hinauf ins flauschige Innere. Der weiche, bunte Teppich schmiegt sich an die sauberen Füße während der Chor die letzte Gebetszeile nachsingt und trommelt. Dem heiligen Buch wedelt ein weicher Daunenwedel frische Luft zu. Wir verweilen kurz auf dem Teppich und lauschen dem heiligen Text, den das Oberhaupt des Tempels verliest. Danach entern wir die Mensa nebenan, denn ein wichtiger Teil des Sikhismus ist gemeinsames Essen nach dem Gebet, an dem jeder teilnehmen darf. Freiwillige servieren Dal, Reis, Roti und Curry. Wasser wird aus einem geschobenen Wagen automatisch in die Trinkschüssel dosiert. Die Sikh-Frau, die heute das Brot verteilt, rügt Karoline, als sie mit nur einer Hand zugreifen will: es gehört hier zur Etikette, Rotis mit beiden Händen und gesenktem Haupt zu empfangen, wie ein Geschenk. Schließlich kommen die letztendlich auch von Gott. Zum Abschied drückt uns Bittus Oma noch zwei Geldscheine in die Hand, denn wir schlafen heute im Tempel, der für seine Pilger auf Spendenbasis einfache, gemütliche Zimmer bereithält. Bittus Frau hat ihren betrunkenen Mann nach dessen Heimkehr aus Amritsar spätnachts sicherlich nicht mit Freudensprüngen aufgenommen und scheint deshalb unseren Einfluss zu fürchten. Und wir ihren Zorn, sodass uns die Tempelpilgerschaft mit Vollpension gelegen kommt.

Das nächste Ziel hat uns Bittus Freund Bindar ans Herz gelegt. Ein Stück weiter im Himalaya liegt auf knapp 2600 m Höhe ein Hindutempel in Haripurdhar. Die Strecke hat es in sich, wir quälen uns mit einem bunten LKW und einigen schrottreifen Autos den ganzen Tag durch endlose Serpentinen, den Abgrund stets zum Greifen nah und bombastische Aussichten hinter der Scheibe. Unser letzter Lift für die verbliebenen 800 Höhenmeter hält nach einer Stunde Warten mit einer Ziegenherde, und so erreichen wir spätabends den Tempel, erklimmen 136 Stufen und schaffen es auf den Gipfel des Berges. Am nächsten Tag kitzelt uns die aufgehende Sonne aus dem Bett und die Aussicht raubt unseren Atem. Über den grünen Ausläufern des Himalaya blitzen schneebedeckte Bergkuppen und wir erhaschen schon einen Blick auf eines unser nächsten Reiseziele: China. Mit unserem neuen Freund Keke, der in einem kleinen Bergdorf gegenüber wohnt, wandern wir über Stock und Stein und er zeigt uns seinen langen Weg zum Tempel, den er jeden Tag geht (oder rennt). Hier, so weit oben, auf einem Dach aus Wolken unter einer klaren blauen Luft, wo der goldene Schein der untergehenden Sonne jeden Stein in Schönheit taucht, bezaubert uns die Welt. Sobald die Sonne verschwunden ist, retten wir uns flink zurück ins Tempelzimmer unter die schwere Decke, um die eisigen Füße zu wärmen und mit Schlaf die Kälte der Nacht zu betäuben. Heizungen sind Luxus.

Jetzt freuen wir uns auf Wärme in tieferen Lagen. In einer Odyssee mit einem Dorfbus rattern wir über fünf Stunden knapp 50 km auf einspurigen Bergstraßen, die schmaler sind als der Bus, sehen neben den Reifen die steile Tiefe und quälen uns durch nichts als Kurven. Schließlich flüchten wir auf eine Monteursladefläche und landen im kleinen Dörfchen Anu. Im Zelt fühlen wir uns so frei wie auf der Höhe von Haripurdhar und wollen am nächsten Morgen zur Straße auf dem Berg gegenüber laufen, um die Yoga-Hauptstadt Rishikesh zu erreichen. Los geht es mit ein paar übrig gebliebenen Kekse zum Frühstück. Nach drei Kilometern stetigem Bergauf erklärt uns ein neunmalkluger Lehrer auf dem Weg in seine Schule, dass die Straße oberhalb direkt in ein militärisches Sperrgebiet führt. Pff. Wir lassen uns nicht beirren und stampfen mutig weiter den Berg hinauf. Als wir oben an der Hauptstraße ankommen, wundert es uns am meisten, dass kein Auto aus keiner Richtung vorbeifährt. Erst nachdem wir unseren Aufkleber an die Kreuzung geklebt haben, geben wir klein bei. Zu groß ist die Angst, nach dem Erlebnis Pakistan wieder von Leuten in Uniform zurechtgewiesen zu werden; ohne Erlaubnis kein Durchkommen usw. Wir kapitulieren und kehren um. Vor uns liegt eine Stunde Fußmarsch, fünf Kilometer zurück in die Richtung, aus der wir gekommen sind. Zum Glück geht es bergab. Ein kleiner Shop bietet den ersten Lichtblick: Erdnusskaramell. Damit schaffen wir den Weg zurück nach Anu und erreichen schweißgebadet eine Bude an der Hauptstraße. Speisekarte fehl am Platz, heute nur Maggi. Mit unbeschreiblichem Genuss schlingen wir in Glutamat gekochte Fertignudeln aus dem heißen Topf herunter: selten so lecker gegessen.

Hinter einer Hängebrücke gabelt uns ein Polizist auf. Der will erstmal unsere Pässe sehen. Aus Neugier. Dann dürfen wir einsteigen und bis nach Dehradun mitfahren, das nur 40 km von Rishikesh entfernt ist. Der Inspektor spricht nur wenig Englisch und bringt uns in einer ausnahmsweise wortkargen Fahrt bis in die Großstadt. Im Restaurant seines Sohnes speisen wir festlich westlich: ein in Indien unerwartet einwandfreier Burger, beste Pizza und Cappucino erfreut unsere Gaumen. Die Nacht verbracht in Inspektors Gästezimmer und am nächsten Morgen mit dem nächsten Lift in Rishikesh abgeliefert worden. Hello Hippies! Die kleine Stadt, in der Frank vor 13 Jahren schonmal war, sieht jährlich tausende Touristen, die aus religiösen Gründen zum Ganges pilgern oder Erleuchtung und Yogaschulen suchen. Die Spezies der Touristica Massa haben wir seit Wochen nicht mehr gesehen, deshalb wundern wir uns über die Funktionskleidung, das perfekte Englisch, die affektierten Konversationen auf Deutsch und die blasse Haut, die von billigen Hippieklamotten verdeckt wird. Hinzu kommen die Sadhus, die echten Hippies in Orange, die durch Spenden ihr asketisches Dasein leben, in den Ashrams oder am Flussufer ihre Zeit der Meditation unter dem Einfluss von Cannabis widmen. Vom Balkon unseres Gästehauses winken wir einem Mann mit weißem Gewand und langem Bart gegenüber zu. Unseren Guru Baba treffen wir beim Spaziergang durch die Stadt wieder, spazieren zusammen zum Flussufer des Ganges und hören seinen philosophischen Vortrag über die Welt:

– Life and Death are different sides of the same coin
– Let the knowledge drop out of the universe inside your brain
– Collect the sun and save the energy for Europe.

Sein weißes Gewand trägt dazu bei, dass er sich von Schmutz fernhält. Vor allem aber schmökert er eine Tüte nach der anderen und wartet gerade darauf, dass das Universum ihm eine Kommune in den Bergen baut.
Beim Yogi Surrinder in der Swasti-Yogaschule lernt Karoline die Langsamkeit entdecken, den Kopf entspannen und den Körper dazu. Er praktiziert mit Herz und Verstand, singt einige Anweisungen und erklärt seine bodenständige Yogi-Philosophie für ein glückliches Leben, glücklicherweise mit weit weniger Esoterik als Baba Guru.

In Rishikesh verbringen wir auch einen Regentag im Bett, spazieren später durch die dichten Wälder und Berge und gönnen uns eine kleine Bouldersession am Strand des Gangesufers. Mit dem Moped düsen wir zu einem Tempeldorf bergauf, schlagen uns neben den ausgetretenen Pfaden durchs Gestrüpp und finden eine kleine Festung mitten im Wald. Ein orangener Amerikaner begrüßt uns. Swami, der sich die kleine Burg in den Bergen gebaut hat, zeigt uns seine Höhle, in der zwei Inder bauen und lädt uns ein zum grünen Tee. Während wir schlürfen und die Keksdose plündern, macht er seine Yoga-Asanas, mit denen er heute wegen seines Rückflugs aus Südindien schon reichlich spät dran ist. Vor seiner Meditation greifen wir ein und verabschieden uns, nachdem er uns noch seinen Kontakt in die Hand drückt (Yogis haben schließlich keine Businesskarte).

Es wird Zeit, dass auch wir in den Süden aufbrechen. Bis nach Hampi liegen noch über 2500 stolze Kilometer durch sieben Bundesstaaten vor uns. Endspurt!