In Ermangelung einer Fähre durch den Persischen Golf führt unser Weg vom Iran weiter durch Pakistan. Die Terrorismusschublade Pakistan quillt über von Gedanken an Selbstmordattentäter, Talibankämpfer im Schutz arider Berglandschaften und der Ideologie des Islamischen Staat. Doch immer mehr Reiseberichte aus Pakistan von weltoffenen, herzlichen Begegnungen, faszinierenden Berglandschaften und offener islamischer Kultur erweitern dieses Bild. Unser neuer Aspekt: Freiheitsentzug.

Die Einreise nach Pakistan durch Balutschistan wird seit 5 Jahren für europäische Touristen durch eine Polizei-Eskorte geschützt. In diesem Teil des Landes kämpfen Balutschen für ihre Unabhängigkeit und versuchen durch Geiselnahmen finanzielle Mittel von der pakistanischen Regierung zu Erpressen. Hinzu kommen Stammeskämpfe zwischen kleinsten Dörfern, bei denen mittlerweile keiner mehr weiß, welche Lappalie vor Jahren der Grund für die Rivalitäten gewesen ist. Die Grenze in Taftan passieren wir als Fußgänger zügig, doch hinter dem letzten Grenzposten müssen wir warten. Kein Schritt ohne Polizeischutz. Die Eskorte steht schon bereit, drei Motorradfahrer aus Frankreich und Spanien kamen gestern Nachmittag über die Grenze. Die zwei Franzosen Max und Morgan kennen wir schon, seit wir in der Wüste Lut unsere Reisegeschichte ausgetauscht haben, Juan aus Spanien ist jetz auch dabei. Vor uns liegen 600 km von Taftan bis in die Provinzhauptstadt Quetta, zwei Tage nach dem Schema X: am Checkpoint halten, Pass vorzeigen, sich selbst in einer Liste eines dicken Buchs verewigen, Auto wechseln und nach einer Runde Fotos mit den Levis (Soldaten) vom Staubparkplatz zurück auf die Hauptstraße rollen. Nach Sonnenuntergang fahren wir noch auf einer staubigen Ladefläche eines alten Pick-Ups, unser Blick wandert zu den beiden vermummten Levis mit ihren Kalaschnikows hinter uns. (Währenddessen trifft man sich vielleicht zum Spieleabend in Wilhelmsburg oder schleppt sich vom Kiez aus der Kneipe nach Hause: „…muss morgen früh wieder Arbeiten…“ .) Diese Verrücktheit des Eskortiertwerdens ohne Schwierigkeiten in die Realität einzugliedern, gelingt uns nur mit dem gewonnenen Selbstbewusstsein für Belutschistan dank unserer Freunde in Zahedan.

Die erste Nacht verbringen wir in einem überteuerten und schmutzigen Hotel, doch die Gesichter lachen und die Köpfe schwirren uns von einem B-I-E-R! Am nächsten Tag wechseln wir 20 Mal Fahrzeuge, rauschen vorbei an Kamelen, verwitterten Bergen, fahren schnurgerade durch die heiße, staubige Trockenheit und schlängeln uns durch kleine Dörfer, wo Kinder winken und die Blicke der Bewohner neugierig auf uns ruhen. Der Spaß ist am größten, wenn keine Levis auf den halbabgedeckten Ladeflächen mitfahren, wir filmen unsere Motorradfreunde, genießen Sonne und frischen Fahrtwind. Andernfalls muss man schon Glück haben mit den Levis, Respekt für Frauen gleich null. Da hilft nur, sich nach Levi-Manier zu vermummen und Verwirrung zu stiften: Are you boy or girl?

Im Dunkeln erreichen endlich wir Balutschistans Hauptstadt Quetta. Alles voller Staub und Smog, ein Moloch mit wuselndem Verkehr. Als Moloch ohne Verkehr entpuppt sich das Hotel Bloomstar, in diese Melkmaschine für das Geld von ausländischen Touristen werden wir zwei Tage lang eingesperrt. Besonders nach der riesigen Gastfreundschaft im Iran fällt es uns schwer, sich an der Rezeption mit Arschlöchern auseinanderzusetzen. Unsere Lust auf Pakistan schwindet. Für die Flucht aus Quetta fährt uns eine Eskorte durch die Stadt, im Polizeirevier erhalten wir den NOC (Reiseerlaubnis als Wurstblatt für den Weg raus aus Balutschistan) und kaufen am Bahnhof ein Ticket für den folgenden Tag nach Sukkur. Der Drang nach Freiheit ist unermesslich und in freudiger Erwartung träumen wir von der Rückeroberung unserer Selbstständigkeit.

Im Zug nach Sukkur begleiten uns am 22. Dezember weiterhin wechselnde Polizisten. Unterwegs füttert uns die christliche Familie im Abteil, denn aus Diskussionsfaulheit gaben wir uns als ebenfalls Christen aus. Weihnachten steht vor der Tür, wir sollen unbedingt zur Feier bei unseren neuen Freunden vorbeikommen! Mit drei verspäteten Stunden rollt der Zug endlich in Sukkur ein, wo unsere erhoffte Freiheit von der örtlichen Polizeieskorte abtransportiert wird. Nur die Unterkunft dürfen wir frei wählen. Das Hindernis für schnelles Ankommen vor Mitternacht: alle 10 Polizisten im Pick-up kennen den Weg – bis auf den Fahrer. Als uns der private Guard des Hotels empfängt, wollen wir am liebsten sofort wieder die Flucht ergreifen. Nach einer Odyssee am nächsten Tag entlang der Fensterscheiben von Reiseveranstaltern ergattern wir ein Nachtbusticket nach Lahore. Die christliche Weihnachtsfeier fällt also aus, dafür erreichen wir nach einer Nacht mit Angry Birds die zweitgrößte Stadt Pakistans. Dichter Nebel und Stau empfängt uns, ein Verkehrsalbtraum, zusammengeklebt mit Schmutzstaub, Müll und Durcheinander. Einzig und allein die Leute entwirbeln das Chaos. Auf der Suche nach einem Weg zu unserem Couchsurfer hilft uns ein zuvorkommender Anwalt weiter und wir plaudern in seinem Wintergarten bei Tee und Wasser, bis das Taxi kommt. Damit fahren wir ins Luxuswohnviertel DHA am südlichen Rand der Stadt, wo uns Sher empfängt. Seine drei Diener kümmern sich um Sauberkeit und Wohlbefinden. Sher selbst hat mit Pakistan seit seiner Quantenphysikpromotion in Stockholm nicht mehr viel am Hut. Zusammen verschanzen wir uns in der luxuriösen Künstlerhöhle mit seinem Schäferhund Kaiser, tauschen Musik, Ideen und Popkultur. Abends feiern wir Weihnachten mit seinen Freunden, mit Miniweihnachtsmann, bei Whisky Soda und Bier im islamischen Pakistan.

Aber zurück zum Chaos: Für Sightseeing in der Innenstadt kämpft sich unser Ubertaxi 1,5 Stunden durch den Verkehr über 19 km. Bevor wir an sehenswerten Orten anlangen, müssen wir die gesamte Burgmauer ablaufen, vorbei an schlafenden LKW- und Rikscha-Fahrern, neben denen Hupen toben und Motoren röhren. Alles, Menschen, Häuser, Straßen und Geschäfte, erscheint grauschwarz, bedeckt von einer Staubschicht. Frittiertes Gemüse und ein Traum in Banane weist uns den Weg zum Rooftop mit einem atemberaubenden Blick auf Festung und Moschee. Beim Spaziergang durch den Park vom Minar-e-Pakistan fliehen wir vor den Selfie-Jägern, laufen weiter durchs Schuhverkäuferviertel und die Holzschreinereistraßen zu den bunten LKWs und Ziegen in Pullovern am Fluss Ravi. Lahore ist viel, wuselig, dreckig, laut. Die hupenden Fahrzeuge schlagen auf den Verstand und wir wollen raus aus der Großstadt.

Am Abreisetag ist die Autobahn wegen Smog und Nebel gesperrt, wir müssen zurück durch die verstopfte Stadt zur Umgehungsstraße. Nach 2 Stunden sitzen wir endlich in einem überfüllten Vorstadtbus und fahren weg aus dem Verkehrschaos. An der nächsten Kreuzung führt eine Verbindungsstraße zurück zur Autobahn. Hinter der Mautstelle hält ein Fahrer und wir klettern in den nagelneuen BMW des Modedesigners. Als er nach zurück nach Lahore abbiegt, platzt der innerliche Kragen, wir springen aus dem Auto und überqueren die Autobahn, um endlich in der richtigen Richtung an der Schnellstraße zu stehen. Quasi per Vollbremsung hält der nächste Wagen, in dem ein älterer Herr aus der Bekleidungsbranche hält. Vor der Raststätte überredet er uns zum Tee, nur um festzustellen, dass er diese Art von Tee auf gar keinen Fall trinken wird. Wir entschwinden seinen Fängen und ein UN-Mitarbeiter bringt uns bis Einbruch der Dunkelheit in die Nähe von Islamabad. In einem Bus erreichen wir Abbottabbad, die Stadt, in der Osama Bin Laden angeblich 2011 von amerikanischen Spezialeinheiten (wahrscheinlich) getötet wurde. Am Busbahnhof rettet uns Dr. Arshad, Couchsurfer und Pharmazeut, der in Innsbruck studiert hat. Zusammen mit seinen Freunden und Kollegen fahren wir am nächsten Tag zu einem überfüllten Wanderweg bei Nathia Gali und stampfen in herrlicher Landschaft mit Blick auf die verschneiten Berge Kashmirs durch bereits angetauten Schnee. Bei Einstieg zum Wanderweg werden überall Socken verkauft und mit „Breakshoes, Breakshoes“ beworben. Auf dem Schneeweg sehen wir, wie sich die pakistanischen Ausflügler diese Wintersocken über die Schuhe ziehen, gegen die Rutschigkeit. Am Ende des Wanderwegs liegen die löchrigen Socken achtlos hingeworfen im Dreck – eine schöne Abwechslung zu Süßigkeitenfolie und Plastikflaschen. Dr. Arshad und seine Breakshoeboys versüßen unsere Zeit mit Witz und Tollerei, wir spielen Tulla (pak. Dummkopf), Shithead (engl. Scheißkopf) und Durak (rus. Blödmann). Lachen ist die beste Droge überhaupt, mit den Pharmazeuten unerwartet ganz ohne Induktionssubstanzen. Dieser Abschied fällt uns schwer, nur die Fahrt durch die Berglandschaft kann das Gemüt aufhellen.

Der Weg führt uns zurück nach Süden zum Saltrange, ein schmaler Gebirgszug, zwischen Islamabad und Lahore, der sich bis nach Indien erstreckt. Die Temperaturen und der starke Schneefall mit Straßensperrungen im Dezember in den höheren Lagen, in Gilgit-Baltistan, im Hunza- und Swattal, locken uns nicht weiter in den Norden. Außerdem ist schon Silvester, in der Hauptstadt hoffen wir auf Partystimmung. Unterwegs treffen wir auf Ahmed, der uns Tee und Snacks in seinem Shop spendiert sowie eine Seilbahnfahrt über die Schlucht bei seinem Kumpel gegenüber. Später kümmert sich der Arzt Masoud um uns, läd uns zum Mittagessen ein, bringt uns zum richtigen Bus und setzt uns in Islamabad in die Metro.

Die Party-to-be finden wir beim zweiten Anlauf. Zusammen mit der Tramperin Myriam aus der Schweiz machen wir den Polnischen von der kalten und teuren Random-Pop-Feier im Freien und fahren mit ihrem Couchsurferkumpel eine Stunde durch die Nacht. Kurz vor Mitternacht erreichen wir den magischen Ort: eine Hochzeitshalle, in der ein kleiner Bereich abgetrennt und partytauglich eingerichtet wurde. Der Techno zieht gut an, aber niemand tanzt. Am Rand verstecken sich 20 Gäste auf den dunklen Ledersofas im Schatten. Der Gastgeber, ein kugelrunder Pakistani mit zurückgegeltem langen Haar in feinem Anzug, geleitet uns zur Bar: Wodka oder Whisky? Kurz darauf tauchen zwei verstrahlte Sprallos mit zwei fetten Tüten auf und wir entern die Tanzfläche. Fast verpassen alle 0 Uhr: eine vollbusige Frau in schwarzem Glitzerkleid will eine Ansage machen, runterzählen, doch die Technik versagt ihren Dienst und so beginnt das neue Jahr mit einem absurd-verunglückten Moderationsversuch und Feuerwerk um 10 nach 12. Danach trauen sich immer wieder neue Gestalten zum Tanzen. Sehr hübsche Frauen in eleganten Abendkleidern, coole Typen mit Designerklamotte, dazwischen wir drei Reisemenschen mit verlotterten Haaren in Wanderschuhen. Dass wir die Hauptgäste sind, merken wir erst bei der Abreise: nach uns tröpfeln kleine Grüppchen der Gäste ins Freie und die Party ist gelaufen.

Am zweiten Januar sind wir endlich unterwegs zur hinduistischen Pilgerstätte Katas Raj im Saltrange. Wir laufen vorbei an einem Polizeiposten, die wir nach einer kurzen Passkontrolle passieren dürfen. Unser letzter Ride mit zwei pakistanischen Männern über 30 km Dorfstraße bis zum Ziel öffnet abermals die Herzen. Wir entgehen nur knapp ihrem Adoptionswunsch trotzdem eine große Sprachbarriere zwischen uns aufragt und trinken Tee. Da das Hostel am Tempel keine Ausländer aufnimmt, Zelten wir auf dem Hügel nebenan. Der Hindutempel mit Shivas Tränenteich ist glücklicherweise erhalten geblieben, obwohl nach der Unabhängigkeit Pakistans Ende der 40er Jahre Millionen von Hindus dahingemetzelt wurden. Zusammen mit den Vergehen an den Muslimen durch Hindus auf der anderen Seite der Grenze übersteigt dieser gegenseitige Völkermord sogar die massive Zahl der Opfer des Holocaust. Beim Sonnenuntergang schweift unser Blick über die malerische Landschaft voller Berge und orangener Felsen, dazwischen schneiden sich kleine Täler mit steilen Wänden ein. Glücklich liegen wir mal wieder im Zelt und fühlen die Freiheit: besonders, als wir Schüsse hören und dann eine Explosion unsere Herzen zum Rasen bringt. Danach passiert nichts mehr. Auf der Suche nach Frühstück am nächsten Morgen gabelt uns die Polizei auf: da wir kein Erlaubnispapier aus Islamabad mitgebracht haben und ohne Eskorte unterwegs sind, dürfen wir uns in dieser angeblichen Militärzone nicht aufhalten. Man setzt uns in einen bunten Bus zurück zur Autobahn. Dort stehen wir dann am gleichen Checkpoint wie gestern. Heute ist es allerdings nicht mehr in Ordnung, dass wir da sind. Unsere Diskussionsversuche werden schlichtweg überhört, ein Reisebus wird anhalten und der Polizist ordnet dem Busfahrer an, uns ohne Ticket zurück nach Lahore zu bringen.

Auf der Fahrt in die Stinkestadt Lahore ist uns ohne Worte klar, dass unsere Zeit in Pakistan zu Ende geht. Wenn wir uns nicht außerhalb der Großstädte aufhalten dürfen, der Winter alles verschneit hat und man uns ständig unter Polizeischutz stellt, leidet unsere Idee des freien Reisens. Wir wollen das Land und die Leute erleben ohne Eskorte, ohne Soldaten mit Automatikwaffe im Rücken und ohne Sondergenehmigungen. In der kurzen Phase der Freiheit konnten wir außerordentlich herzliche, offene und ehrliche Menschen kennenlernen. wie überall leben auch in Pakistan normale Menschen mit einfachen und bodenständigen Bedürfnissen, Wünschen und Träumen, die die Terroristen vor allem deswegen fürchten, weil nur diese das Bild über Pakistan bestimmen…

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