die10te Etappe bis Pakistan

Im Süden des Iran schwappt das Wasser des persischen Golf an die Küste. Dort unten am 27. Breitengrad schnupperten wir den besonderen Duft der freien Weltmeere in der Hafenstadt Bandar Abbas. Unter einer heißen, feuchten Dunstglocke mischen sich allerlei Kulturen, Kleidungsstile und Gesichter zu einem bunten Eintopf. Auf den Märkten werden exotische Früchte verkauft, Eiscreme erfrischt die Gemüter und wenn sich der Tag in laue Abendluft abkühlt, lädt die Kaimauer zum Flanieren und einer Schlemmerei mit Tuchi (hauchdünner Crepe mit Ei und Frischkäse) nebst Milchtee ein. In Bandar Abbas lernen wir Razi und Milad kennen, die wir sofort ins Herz schließen. Diese beiden kämpferischen und reiselustigen Schätze schwimmen auf der gleichen Wellenlänge und sparen gerade für eine eigene große Reise in die Ferne. In ihrer gemütlichen Höhle treffen wir auch ein anderes Tramperpärchen aus Frankreich und zwei quirlige Spanierinnen. Die Hauptattraktionen in der Gegend sind die nahegelegenen Inseln Hormuz (Mondlandschaft), Qeshm (Natur und Leisuretime) und Kish (Shopping).

Die Fähre schippert uns mit Zelt im Gepäck nach Hormuz. Feinkörnige Sandstrände, klares Salzwasser und farbiges Gestein in surrealen Formen zeichnen die Insel aus. Bei der Hitze hat zwischen dem faszinierenden Gebirge, Geröll und Sand nur karge Vegetation eine Chance zum Überleben. Trotz Winter klettert die Temperatur auf 35 °C, Wandern über die Mittagszeit ist unmöglich. Also entspannen wir uns, genießen Sonnenuntergänge, bestaunen Felsen und beobachten die Fliegen. Denn die finden uns in jeder Felsspalte, in jeder Höhle und lecken am liebsten am Blau von Karolines Rucksack. Brot, Käse und Tomaten, Kekse und Bananen, kein cm unserer Verpflegung bleibt von den aufgeregten Piloten mit den riesigen bunten Augen unangetastet. Innerhalb von 4 Tagen ziehen wir einmal um die etwa 10 km breite, fast kreisrunde Mondinsel und campen neben dem Ozean am Spanischen Strand, und wandern durchs Sculpture-Valley zum Roten Strand. Der bunte Sand fasziniert uns und knistert noch einige Tage später in den Schuhen und Stoffbeuteln. Hormuz ❤

Unser nächstes Ziel ist der 300 km entfernte Wasserfall bei Dalfard. Unterwegs schenkt uns ein Fahrer Orangen von seiner Plantage und nach einem langen Tag in 6 Autos erreichen wir das kleine Bergdorf nach Anbruch der Dunkelheit. Diese Empfehlung von Razi entpuppt sich im Sonnenlicht des nächsten Tages als verlassene Schönheit: wir wandern durch ein tief eingeschnittenes Flussbett, neben dem die Felswände steil in den Himmel ragen und finden neben kleinen Wasserfällen tolle Boulder. Die kleinen Sprünge über Stock und Steine stacheln unsere Lust auf Alpinistik an und uns reizt die Aussicht auf dem Gipfel. Beim Erklimmen der Wand bröselt zwischen den Händen und unter den Füßen allerlei Geröll ins Tal. Ohne Brenzlichkeit oben angekommen, fehlt der erhoffte Wanderweg – aber die Plastikflasche im Gebüsch gibt uns Hoffnung. Die schwindende Sonne des Nachmittags treibt die Beine an, während wir die beiden weiteren Täler durchqueren, geröllige Abhänge hinauf und hinab, uns durch gestrüppige Vegetation kämpfen und schließlich einem Bergfluss nach unten folgen, dessen Lauf hoffentlich nicht über tiefe Wasserfälle führt. Die Sonne verschwindet schon hinter den Bergen, als wir endlich die Dächer des Dörfchens in greifbarer Nähe erkennen. Abendbrotzeit! So erschöpft schmeckt selbst Vegetariern der iranische Kuh-Kebab.

Die nächste Großstadt Kerman erreichen wir mit einem Direktlift. Auf der Suche nach einem Taxi zu unserer Gastgeberin Rahele hält ein breiter junger Mann auf der gegenüberliegenden Straßenseite und fragt auf Farsi, wie er uns helfen könnte. Einer von diesen Polizisten sei er, mit dieser Uniform in Khaki – Sittenwächter. Huch. Scheinbar mag er uns trotzdem, unterwegs essen wir zusammen riesiges Softeis und er gibt uns beim Abschied zu verstehen, dass wir uns unbedingt am nächsten Tag wiedertreffen müssen. Bloß kein Wort vom Couchsurfing, denn die Community ist im Iran illegal. Mit Rahele tauschen wir uns über alternative Musik aus, sprechen über Auslandsreisen, Rebellion und den Verzicht auf Hijab und Manteau. Und irgendwie landen wir am nächsten Tag im Auto mit „The Man“, dem Polizisten. Der Ausflug führt in die Wüste Dasht-e Lut, einer der heißesten Orte der Erdoberfläche, wo das Quecksilber eine Sandtemperatur von 70 °C im Sommer misst. Unterwegs wird ebenso heiß diskutiert, auf Farsi über Gesellschaft und Politik. Wir haben es geschafft, zwei Menschen und Weltbilder in einem Fahrzeug zu vereinen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Wir bemerken, dass die Diskussion ohne Aggression gegeneinander verläuft. Und der Ausblick ist bombastisch: Der einst verdichtete Wüstensand türmt sich in verwitterten Tafelbergen auf und zerbröselt zu verrückten Felsformen. Schließlich sitzen wir alle zusammen bei Kebab, Joghurt und Salat. Rahele und „The Man“ tauschen Telefonnummern aus und werden sich bald wiedersehen. Come Together! (In unseren deutschen Köpfen spinnt sich eine Liebesgeschichte zwischen den beiden in Kanada zusammen.)

In der Abenddämmerung erwischen wir gerade noch einen Direktlift mit einer Familie in die Wüstenstadt Bam. Dort steht seit 2000 Jahren eine riesige Sandburg, Arg-e-Bam. Da ein Komplex mit dem Namen auf der Karte zweimal existiert, wären wir im Dunkeln beinahe zur falschen Burg gefahren, im Licht des Tages ist der Unterschied zwischen dem Plastikvergnügungspark und der historischen Burg besser zu sehen. Im Hostel Teachers Home, wo wir nächtigen, erklärt man uns, dass hier die besten Datteln wachsen und drückt uns zum Abschied ein Pfund aus von der letzten Ernte aus dem eigenen Garten in die Hand (Mmh, genau die, mit der zarten Schale und dem süßen inneren Schmelz).

Die Abfahrt stellt uns vor ein großes Erklärungsproblem: wie schon so oft im Iran halten diverse Fahrer an, um zu erklären, wo der Bus abfährt. In Bam waren es gleichzeitig 4 Autos, keiner will uns mitnehmen, aber alle wollen wissen, wohin die Reise geht: nach Zahedan, in die Hauptstadt der Provinz Sistan und Belutschistan. Daraufhin schlagen alle die Hände über dem Kopf zusammen und suchen das Weite, denn die Region wird immer wieder von blutigen Anschlägen heimgesucht.
Der Hintergrund ist folgender: Balutschistan selbst ist eigentlich viel größer als der kleine Teil im Iran und verteilt sich auf die Grenzregion zwischen dem Iran, Afghanistan und Pakistan. Trotz religiöser Differenzen werden Belutschen von diesen drei Ländern nicht als unabhängiges Volk anerkannt sondern müssen sich den Regeln beugen, die nicht ihrer Kultur entsprechen. Der Staat Iran folgt der schiitischen Glaubensrichtung, Belutschen hingegen sind Sunniten. Wegen des Kriegs in Afghanistan flüchteten Tausende in die Provinz im Iran und suchten Schutz, doch sie bekommen weder Asyl noch Identität. Selbst iranische Belutschen werden in ärmeren Bevölkerungsschichten nicht vom Staat anerkannt. Ohne Identität gibt es kein Ausweis, keine Arbeit, kein Schulbesuch, kein legales Einkommen, kein normales Leben.
Auch in uns keimt ein Gefühl von Furcht, vor Entführung oder einem Attentäter. Wir trampen trotzdem und werden unter Aufsicht der Polizei in einen VIP-Bus gesetzt. Das Zauberwort „Matschani“ funktioniert wieder und ohne Ticket dürfen wir einsteigen. Verwunderlich nur, dass keine weiteren Reisenden im Bus sitzen. Und der Busmanager zwinkert und schnalzt Karoline hinterher, was dieses mülmige Unwohlsein anstachelt. Die Fahrt führt durch wüstige Steppe und geröllige Berge, die wir wachsam nach vermummten Freiheitskämpfern mit Kalaschnikows absuchen. Wieder wird gezwinkert und geschnalzt. Das Herz klopft schließlich so hoch in der Brust, dass wir beschließen auszusteigen. In einem kleinen Dorf. Im Nirgendwo der trockenen Steppe.
Endlich draußen atmen wir auf. Die Jungs im Dorf machen nichts ungewöhnliches, cruisen mit ihren Mopeds herum und hängen am Straßenshop herum. Nur die Kleindung ist anders: hier sind eckige Muslim-Käppies und weite Hosen mit langen Hemden Mode. Nach kurzer Zeit steigt so ein Belutschi in Hellblau aus einem Auto, das in die Nebenstraße einbiegt. Er schultert seine staubige Kraxe und läuft auf unsere Rucksäcke zu. So lernen wir Naser kennen, der gerade aus der Chrom-Miene seines Vaters kommt, vor 20 Jahren aus dem Iran über Pakistan und Indien abgehauen ist, von Thailand mit einem gefälschten Pass in den Niederlanden einreiste und mit seiner kanadischen Frau einige Jahre in Amerika ein Kind großzog. Naser entpuppt sich als perfekter Guide und schwups erreichen wir das Haus unseres Couchsurfers – bei Mahmoud und Naser (B). Weil dort alle ihre Zeit auf dem Smartphone verdüdeln, entschließen wir uns zu einem Ausflug zu einer heißen Quelle unter der Leitung von Naser (A). Diese entpuppt sich als eine Pfütze im kleinen Chrom-Tagebau des Bruders, doch die kleine Wanderung durch die kargen Geröllberge mit Barbeque stimmt uns glücklich und füllt den Magen. Einer der Chromium-Arbeiter am Grill wird noch am gleichen Abend einige 100 l Benzin über die Grenze nach Pakistan schmuggeln, im Konvoi mit 15 weiteren Autos durch die Schotterberge, ohne Straßen, im Schutz der Dunkelheit werden sie mit Hochgeschwindigkeit durch die Nacht brettern. Ob er lebendig zurückkommt, weiß keiner. Im allgemeinen ist Öl im Iran spottbillig, ein Liter Diesel kostet 6 Cent. In Pakistan spendiert man der Tankstelle für einen Liter 75 ct. Das Geschäft lohnt sich, und dem Tod gegenüber steht ein guter Monatslohn für die ganze Familie (von denen keiner die iransiche Staatsbürgerschaft hat). Der iranische Staat versucht dem Schmuggel durch Rantionierung auf 120 l pro Kopf entgegenzutreten, doch die langen Schlangen von Tanklastern, die an uns auf dem Rückweg in die Stadt vorbeirasen, sprechen eine andere Sprache.

Zahedan entpuppt sich als neuer Schritt in östliche Kulturen: staubig sind die Straßen und Fußwege, verkauft wird aus Schuppen und Büdchen und geschlachtet wird auf der Straße. Eine gute Einführung für Pakistan. Naser setzt uns mit Proviant in ein Taxi zur Grenze – die Begegnung mit ihm vergessen wir so schnell nicht. Und zum ersten Mal windet sich in meinem Gehirn der Gedanke an die Irrelevanz westlicher Alltagsprobleme. An der Grenze wartet schon unsere Eskorte, die uns durch den pakistanischen Teil Balutschistan geleiten wird.