Die Nächte in Teheran und der Exkurs in den Schnee ließen uns frösteln, sodass der Weg weiter in den Süden führte. Auf in die Wüste.

Drei Lifts brachten uns 470 km vom Teheraner Stadtrand bis nach Esfahan. Im Ghaeli Guesthouse nahm man uns mit offen Armen auf und dort lernten wir auch, dass ein Rabatt immer möglich ist (Hopplahopp wurden aus 25 schnell 10 € fürs Zimmer). Berühmt ist die Stadt für fein gemustertes, blaues Töpfereigut, den Imam-Platz mit Park, Springbrunnen und Basar sowie die 33 Bogen-Brücke Si-o-se Pol aus dem 17. Jahrhundert. Mit der U-Bahn quert man unterhalb der Brücke den Fluss Zayanderud, der während unseres Besuchs im November keinen Tropfen Wasser führte. Das kostbare Nass wird in weiten Teilen des Landes rationiert, und deshalb an Dämmen und Dörfern über zahlreiche Leitungen abgezapft. Südlich von Esfahan wacht der Berg Sofee-Kuh über die Hochebene.

Ein Stück weiter östlich, in der echten Sandwüste, luden uns Roohallah und sein Neffe in die kleine Stadt Varzaneh ein. Im ersten Wagen, einem weißen Peugeot 206, saß ein Ehepaar, das uns am liebsten adoptiert hätte. Der Einstieg war simpel, eine Einladung zum Mittagessen nach Hause, und das trotz vollgefrühstückten Mägen nach nur 15 km Fahrt. Fleisch (Kebap) und vegetarisches Fleisch (Murgi, Hühnchen) wurde gebracht mit Suppe, Reis und Salat sowie schwarzem Tee. Kekse, Obst und Minigurken reichte man bereits zuvor während der Wartezeit, denn an einer gemeinsamen Verbalsprache mangelte es beiden Parteien. Als wir das Angebot zu übernachten freundlich ablehnen konnten (immerhin warten unsere Freunde in Varzaneh auf uns), sahen wir uns schon auf der sicheren Seite für die Fortsetzung unseres Weges. Doch das nächste Ass rutschte aus dem Ärmel des netten älteren Herrn: in dem klapprigen Auto wollte er uns tatsächlich die restlichen 75 km zu unserem Ziel fahren. Ohne Geld, ohne Revange, ohne Widerrede. Unglaublich, was die Menschen im Iran auf sich nehmen! Frank musste diesem hilfsbereiten Menschen den Rucksack wahrhaft entreißen. Schließlich einigten wir uns auf den Mittelweg, zusammen bis zur Ecke der Hauptstraße zu fahren. Dort hielt nach kurzer Wartezeit schon der nächste Fahrer. Puh, da hätten wir doch gerne mal erklärt, wie wir uns das mit dem Trampen so vorstellen…

In Varzaneh gefiel uns die Idee, in der Wüste zu zelten. Sternenhimmel, Ruhe, und endlich mal wieder im Zelt schlafen. Roohallah widersprach wegen der Wettervorhersage, doch die Schaueraussichten ließen uns kalt; mit schwellender Brust erklärten wir, regenerprobte Hamburger zu sein, da macht so ein bisschen Tröpfelei in der Wüste nichts aus. Der Scheibenwischer stand schon auf zweiter Stufe, als wir hinter der nassen Sanddüne anhielten. Während wir im erstarkenden Nieselregen in Windeseile unser kleines Haus aufbauten, schwoll unsere Brust wieder auf Normalgröße ab. Und so snackten wir weißen Käse mit Brot vom Band, Tomaten und Gurke und kuschelten uns zu immer stärkerem Trommeln auf das Zeltdach in den Schlafsack. Die ganze Nacht hindurch plätscherte der Regen auf das Zelt. Am nächsten Morgen wachten wir neben einer riesigen Pfütze auf. Mitten in der Wüste. Das bewog uns dann doch, ins Gästehaus umzuziehen.
Als sich die Sonne schließlich wieder hervortraute, probierten wir uns im Sandboarden (Schlittenfahren im Sand auf dem Snowboard), tauchten unsere Füße in den nahegelegenen Salzsee und erklommen einen uralten Vulkan, den Schwarzen Berg. Roohallah brachte uns außerdem ein wenig Trampervokabular auf Farsi bei:

Kodschah mirih? – Wohin fahren Sie?
Tschandeh kilometer? – Wie viele Kilometer?
Mitunim bodschoma bijajim? – Dürfen wir mitfahren?
Madschani. – Ohne Geld bitte.

Dieses „Madschani“ war Gold wert. Stellt euch vor, ihr steht mitten in karger Landschaft voller zerklüfteter Berge in der iranischen Hochebene an der Hauptstraße nach Süden. Der Tramperdaumen reckt sich dem Wind trotzend gegen die vorbeirauschenden Autos. Dann zischt ein VIP-Reisebus vorbei, bremst mit quietschenden Reifen und hält 200 m weiter am Straßenrand, all das mit einem ohrenbetäubenden Hupen. Der Busmanager hüpft heraus und gestikuliert aufgeregt, LOS, einsteigen, Beeilung! Ihr klärt kurz die Richtung, erwähnt, dass ihr kein Geld für Transport ausgeben könnt und sprecht dieses sanfte kleine Wörtchen aus: Madschani. Dann wird der Busmanager euch mustern, wieder in den Bus steigen, um sich mit seinem Zweitfahrer zu besprechen. Er wird wieder hinaushüpfen und die Gepäckklappe öffnen: Jetzt aber los! Unterwegs gibts noch Wasser und Kekse geschenkt. V-I-P eben.

 

In Yazd beschäftigten wir uns mit der alten persischen Religion, dem Zoroastrismus. Der Religionsstifter Zarathustra („Besitzer wertvoller Kamele“) lehrte vor etwa 3000 Jahren die altiranische Sprache und wirkte als Politiker bzw. Schamane. Zoroastiker glauben an ihren Gott Ahura Mazda und erkennen einander an „Faravahar„, ihrem Symbol für die unvergängliche menschliche Seele. Diese Zeichnung versinnbildlicht die Grundsätze des Zoroastrismus: gute Gedanken, gute Rede, gutes Handeln. Die gute Kraft soll den Fortschritt lenken, die schlechte soll der Mensch hinter sich lassen.
In den zoroastrischen Feuertempeln, die trotz der vielen Zerstörungen nach der islamischen Eroberung Persiens noch erhalten sind, brennt ein ewiges Feuer, um das sich der Priester – oder die Priesterin – kümmert. Das Feuer in Yazd wurde aus Ardakan importiert, das seit 1500 Jahren nicht erloschen sein soll.
Yazd ist das Zentrum der iranischen Zoroastriker. Dort finden sich die Ruinen der Türme des Schweigens, die der Himmelsbestattung dienten. Leichname der Verstorbenen wurden in die Dachmen gelegt, wo sie von Vögeln gefressen wurden – zu dem abgeschlossenen Bau hat nur eine Person Zutritt, die sich um die Bestattungen kümmert, sodass Details dieser Zeremonie nicht nach außen sichtbar sind. Zoroastriker versuchten damit, ihr heiliges Feuer und die heilige Erde nicht mit toten Menschen zu verunreinigen. In den 70er Jahren wurde im Iran aus hygienischen Gründen ein Gesetz erlassen, dass die Himmelsbestattung verbietet.
Weiter südlich liegt Persepolis („Stadt der Perser“). Heute die älteste Ruine des Iran und Zeitzeichen der alten persischen bzw. zoroastrischen Zivilisation vor 2500 Jahren. Dareios I. gründete die Hauptstadt des antiken Perserreichs, nach 200 Jahren blühenden Regierens wurden die prächtigen Paläste von Alexander dem Großen zerstört.

Persepolis ist für jeden Reisenden ein Must-See im Iran. Diesem Druck des Sehen-Müssens haben wir nach 4 Monaten Herumreisens weitestgehend entledigt. Unser Couchsurfer in Marvdasht bei Persepolis hingegen ging darin auf. Mit dem Gesicht zur Wand und Händen hinter dem Kopf mussten wir erklären, wieso wir nicht auf dem Damavand, dem höchsten Berg des Iran gewesen sind? Wieso nicht im Jungle bei Tonekabon? Eine ganze Woche in Teheran? Und die Städte Ardabil, Rascht und Kashan habt ihr verpasst?!
Uns fiel es schwer, Medhi unsere Form des Reisens zu erklären. Dass wir uns gern in der Natur aufhalten, am liebsten an Orten, wo man keine Menschen trifft. Dass touristische Attraktionen uns eher abschrecken als anziehen. Dass der Reisende von seinen Begegnunen unterwegs lebt. Und dass wir beim Trampen auch mal eingeladen werden und Pläne sich ändern.
Sein Plan für uns stand fest wie Granit. Frank und Karoline leihen ein Auto und er fährt uns damit in das Dorf seiner Großeltern. Dort trinken wir Tee, laufen in eine Höhle, trinken dort Tee und gehen wieder zurück. Mittelweg ausgeschlossen. Unsere Idee sah eher aus wie: den ganzen Tag zu Fuß an den faszinierenden Felswänden der Gegend zu verbringen.
Vormittags tanzten wir nach Medhis Pfeife, doch am Nachmittag konnten wir uns losreißen, durch die Berge stiefeln und Traversen bouldern. Das großartige Gefühl von Freiheit und Selbstbestimmung nach unserer Befreiung haben wir konserviert für Momente, in denen wir vermeintlich schwierigen Entscheidungen gegenüberstehen.
Später verbrachten wir mit Medhis Familie einen wundervollen Abend. Ganz ohne Englisch. Manchmal verschafft es mehr Sympathie, wenn man Gedanken, Meinungen und Gefühle nicht genau formulieren kann, sondern sich auf elementare Dinge konzentriert. Die Situation löste sich versöhnlich auf. Die nächste Touristenstadt Shiraz übersprangen wir aus kindlichem Leichtsinn und machten uns stattdessen auf den Weg an die Küste zum persischen Golf. Denn im Iran ist es überall schön!