Trampen im Iran ist eine Wonne: längere Wartezeit kommt meistens nur deshalb zustande, um vermeintlichen Taxifahrern das Prinzip „Autostop“ zu erklären. Angehalten wird immer, manchmal nur aus Neugier. Auf dem Weg vom Meer in die iranische Hauptstadt mussten wir uns darüber hinaus von einem kletternden Fahrer und dessen Outdoor-Freund losreißen, deren Vorstellung vom harten Leben als Backpacker uns beinahe dazu gezwungen hätte, in einen Bus zu steigen: „No Problem, we pay! Please!“ Zum Glück musste keine Gewalt bei der Flucht angewendet werden. Mit dem nächsten Fahrer schlängelten wir uns durch Schneefall die Serpentinenstraße hinauf durch faszinierend farbenfrohes Gestein aus Rot- und Grüntönen. Unsere Mission für die Hauptstadt: Skifahren.

Wusstet ihr, dass die zusätzliche Silbe Teh-e-ran eine Erfindung der Franzosen ist?

Tehran ist der quirlige Mittelpunkt des Landes, ein riesiger Schmelztiegel aus Tradition und Moderne. Die Stadt liegt malerisch am Rande des Elburs-Gebirges, ist voller Smog, Verkehr und Menschen. Aufatmen kann man in den zahlreichen Parks und Grünflächen. In der U-Bahn, die zur Rush-Hour überquillt, sitzen Tschadori-Frauen neben kühnen Mädchen ohne Kopftuch: derzeit versuchen junge Frauen durch Solidarität untereinander das Hijab-Gebot zu umgehen, die Sittenpolizei kann schließlich nicht alle Mädchen der Stadt in Gewahrsam nehmen. Allerdings geht die Strategie nicht immer auf, unverschleierte Frauen werden verhaftet und ausgepeitscht. Allerlei ist hier verboten in Tehran, Partys, Tanz und Alkohol, Homosexualität, Sex ohne Ehe, öffentliches Singen für Frauen – scheinbar ist es „Spaß“ der den Mullahs nicht passt.
(Schön beschrieben ist all das in einzelnen Geschichten in folgendem Buch: Stadt der Lügen. Liebe, Sex und Tod in Tehran von Ramita Navai. Bei Interesse Verleih möglich, bitte melden!)

Über die Konsequenzen beim Vergehen gegen die Gesetze können wir keine Geschichten erzählen, Touristen gegenüber gelten andere Regeln. Der Iran ist uns sehr freundlich begegnet, Karoline konnte in Tehran ohne Kopftuch und im ganzen Iran ohne lange Hüftbedeckung durch die Straßen laufen und kein Hotel hat nach unserem Ehering gefragt. Untergrundpartys oder Konzerte konnten wir allerdings auch keine finden. Dafür durften wir bei zwei liebevollen Studenten Hamed und Vahid, einer alleinstehenden Lehrerin Safura und der kleinen Familie von Sara übernachten. Nicht nur beim Trampen, auch bei Couchsurfing reißen sich die Iraner um Kontakt mit Ausländern. Da die Währungskurse seit den Sanktionen jedes Jahr tiefer in den Keller fallen und die Inflation immer weiter anschwillt, ist es den meisten Leuten bis in die gut verdienende Mittelschicht oft unmöglich, auf Reisen zu gehen: die Wechselkurse würden sie im Ausland zu armen Menschen machen. Männer bekommen ohnehin erst nach 2 Jahren Militärdienst ihren Pass. Deshalb erzählen wir immer wieder von Russland, Georgien und Armenien, von Deutschland und versuchen die Vorstellung vom Gold auf der Straße in Europa abzumildern.

Im Norden Tehrans residieren seit jeher die Reichen und Schönen, der Besuch im alten Palast des Shahs Sad Abad vergegenwärtigt dessen Prunksucht anhand wertvoller Perserteppiche auf dem Boden und an den Wänden, französischen Möbeln aus dem 18. Jahrhundert, Goldverzierungen überall und Diamanten und Spiegeln an den Wänden. Die Revolution 1979 stürzte Reza Shah und machte den Weg frei für die islamischen Führer, die Ajatollahs, das Land zur Islamischen Republik umzukrempeln. Hierzu sei euch Comic bzw. Animationsfilm „Persepolis“ empfohlen, der die Fehden zwischen Kommunisten, die Gewalttätigkeit des Shahs und der Machthunger der Religionsführer auseinanderdröselt.

Der Sad-Abad-Komplex besteht aus einem Park mit zahlreichen Museumsgebäuden. Neben dem Wassermuseum, dem Royal Costumes Museum oder dem Museum für Royal Automobile findet sich das Museum der Brüder Omidvar. Die beiden Kaufmannssöhne begaben sich 1954 mit ihren Motorrädern, später mit einer Kastenente auf den Weg durch die ganze Welt bis in die Antarktis. Sehr schön nachzulesen bei Morten und Rochssare.

Die Tage in Tehran fühlen sich kurz an, denn man steckt für jede Strecke etwa 2 Stunden im Verkehr fest, egal wohin man fährt. Einmal erkunden wir den Trimm-Dich-Pfad im Taleghani Forest Park und lassen uns vom Fahrstuhl auf den Milad-Fernsehturm katapultieren. Und wir probieren eine Fahrradtour in dem Fahrradpark Chitgar: Mit U- und S-Bahn Richtung Osten, ein paar Minuten zur Entleihstation am Parkeingang und dort durchschnittlich gepflegte Mountainbikes entleihen für 1-2 €. Die 5-km lange Runde fordert moderat trainierte Beine an einigen Stellen und führt durch einen Kiefernwald im Osten der Stadt, weit weg vom Lärm der Schnellstraße. Im Speed-Parcours verausgaben wir uns und genießen den heißen Tee mit Safura und ihrer Lehrerinnen-Montags-Runde.

In der folgenden Nacht verhindert eine rastlose Aufregung meinen Schlaf: um 6 Uhr brechen wir auf, um uns 3 Stunden durch den morgendlichen Berufsverkehr des Verkehrsmolochs Tehran zu quälen. U-Bahn, Taxi, trampen. An der Talstation Tochal angekommen, besorgen wir uns an der Skiausleihe die Komplettmontur und schwingen uns in die Seilbahn, die uns nach einem Umstieg und 40 Minuten Fahrt auf knapp 4000 m Höhe bringt (2018/19 ca. 4 mio Rial für 2 Personen mit komplettem Skiset und Skipass). Es ist Mitte November, die Skisaison auf Tochal gerade erst eröffnet. Vor der Skihütte ist ein riesiges DJ-Pult aufgebaut, an dem sich ein Hipster mit Pudelmütze abarbeitet und den breiten, flachen Hang aus glitzerndem Weiß beschallt. Zwei Sessellifte bringen uns immer wieder hinauf, doch das letzte Stück auf 3964 m müssen wir einmal in Skistiefeln erklimmen, um in festem Tiefschnee Kurven zu schwingen. Die Tehraner aus dem Norden gelüstet es nach Technobeat statt Skivergnügen, sodass die Schlange in der Cafeteria länger ist als die am Lift. Voller Müdigkeit und Glück spüren wir den eiskalten Wind im Gesicht, bis uns die letzte Bahn nach unten in angenehme 18 °C bringt. Waren wir nicht gerade noch am Meer…? Und morgen fahren wir in die Wüste!