Tabris, Nordiran
Um 07:30 weckt uns der Motorenlärm und das unerbittliche Hupen unterm Fenster endgültig auf. Nach vergeblichem Herumwälzen versuchen wir uns anzuziehen – ohne den schmutzigen Boden zu berühren – schmeißen dann unsere Sachen zurück in den Rucksack und verlassen ohne Zähneputzen dieses Drecksloch. Das nächste Hotel in einer ruhigen Nebenstraße mit eigenem, sauberen Bad wartet auf uns.
Gefrühstückt wird im alten Basar, Jogurt mit Honig, Brot und heiße Milch – das lässt uns noch Wochen später das Wasser im Mund zusammenlaufen. Zwischendurch werden wir in ungefähr 100 Kleingespräche und Nachfragen nach unserer Herkunft und unserem Wohlergehen verwickelt: „Hello my friend, how are you? Where are you from? How long are you in Iran? Have a nice day, Good bye!“ Dies ist eine weitere Neuheit auf unserer Reise, die ab sofort zur Normalität werden soll. Einer der Fragenden ist der Betreiber des Tourismusbüros, er grinst und lädt uns ein: „Kommt später vorbei auf einen Tee, ist hier gleich um die Ecke!“
Der Tee ist schön heiß, und der ältere Kollege erklärt uns auf deutsch, wie die Dinge im Iran so laufen. Und dass wir unbedingt in das nahegelegene Dorf Kandovan fahren sollen: dort leben die Menschen seit Jahrhunderten in Steinhöhlen, heutzutage mit Elektrizität und Internetanschluss. Der Preis für die Tour ist unschlagbar, 10 € für 120 km: je eine Stunde Fahrt hin und zurück und 2 Stunden Zeit vor Ort. Ein Schäppchen, wie alles im Iran.
In Vorfreude auf den Ausflug am nächsten Morgen schlendern wir durch die Stadt, durch den verwinkelten Basar und dessen geschäftiges Treiben, fahren kostenlos mit der nagelneuen U-Bahn, finden ein geschlossenes Museum und landen kurz darauf in einem Einkaufszentrum für Outdoorsportler. Frank will in einem der Geschäfte nach einem Kletterführer für die Gegend fragen, denn der Iran scheint überall recht bergig zu sein. Der Verkäufer Samad versteht kein Englisch und hat auch keine Guidebooks zum Klettern im Sortiment, aber er hat uns aber sofort ins Herz geschlossen und will am liebsten gleich mit uns zum Standesamt, um die Adoptionsurkunde anfertigen zu lassen: Ach, Kletterer seid ihr. Mountaineers? Paragliders? Wie wäre es gleich morgen mit einer Tour auf den nächstgelegenen 4000er inkl. Übernachtung im Zelt (… ähm. auch im Iran ist bereis Winter)? Oder ein Tandemsprung von ebendiesem? Vielleicht eine Mehrtagestour zum Damavand, dem höchsten Berg des Irans (… wir wollten doch nur ein bisschen klettern)?
Samad lässt uns nicht gehen, bevor wir einwilligen, als Gäste bei ihm zu Hause zu wohnen. Seine tiefschwarzen Augen blitzen auf, als wir ihm unser Versprechen für den nächsten Tag geben, und bedeutet: dieses Versprechen brecht ihr besser nicht!

Hopplahopp, nach unserem Ausflug in das Höhlendorf Kandovan sitzen wir in Samads Wohnung. Nach dem Tee gehts auch gleich per Velo auf dem Tandem auf den nächstgelegenen Berg Aynali, an dem für den kommenden Tag ein bisschen Seilklettern und Bouldern auf dem Programm steht. Samads Söhne, fünf an der Zahl, sind allesamt Mountaineers, und (bis auf den kleinsten) iranische Kletterchampions. Seine Frau Masoud füttert uns, und wir fühlen uns auf goldenen Tabletts getragen: Der Gast isst das beste Essen, schläft im besten Bett und bestimmt alle Aktivitäten. Im Iran betrachtet man Gäste wie Heilige, denn sie bringen der Familie Glück. Jeder Rial, den man für den Gast investiert hat, kommt dem Glauben nach an anderer Stelle in reichhaltigerer Form zurück.
Mit der Islamischen Republik hat er wenig am Hut, versteckt sich lieber in der Natur, beim Erklimmen hoher Berge, beim Basejump oder Gleitschirmfliegen. Vor 20 Jahren radelte er selbst durch die ganze Welt. Samad versteht sich darauf, dass wir uns wohlfühlen, selbst wenn er und seine Familie kaum Englisch sprechen und wir weder Farsi noch türkisch. Google translate hilft. Dieser hagere Türke und seine Familie wohnt jetzt in unserem Herz und der Abschied nach zwei Tagen Hagigi-Familie ist einer der schwersten auf der Reise.

Trotzdem geht es weiter: wir wollen ans Kaspische Meer. Nach der Ostsee unser zweites Binnenmeer auf der Tour, in das wir unsere Zehen stecken wollen. Die Vorstellung von Meer glitzert in unserem Kopf, besonders weil wir uns nach dem kalten, regenerischen Tabris milderer Meeresluft versprechen. Der schöne Plan endete beinahe nach zwei Lifts und 20 km fast wieder in einem Picknick mit Hamam und Übernachtung, aber wir reißen uns energisch von dieser Einladung los. Mit einer Teheraner Familie fahren wir 1000 Höhenmeter bergab durch starken Nebel auf 28m unter Meeresspiegelniveau, als wir in der Stadt Astara (wieder einmal an der aserbaidschanischen Grenze) ankommen. Voller Meeresfreude spazieren wir zur Strandprommenade, doch der Anblick erschreckt: wir stehen vor einer Müllkippe, die von einer Seite von Meerwasser abgegrenzt wird. Der Strand ist voller Picknickabfall, Plastik in allen erdenklichen Formen, altes Obst und Papier. Doch die Iraner scheint das nicht zu stören, sie sitzen im Müll und machen Selfies. Uns verstört das enorm, die Vorfreude ist zerstört. Im Straßenimbiss baut uns ein warmes Dizi-Stampf-Gericht mit Brühe, Kartoffel und Ziegenfleisch wieder auf.
Wir versuchen es 200 km weiter südlich, in der Stadt Tonekabon: doch auch hier ist der Küstenstreifen nicht sauberer. Resigniert suchen wir etwas warmes für den Magen und treffen Aria. Mit seiner gewellten Matte, Dreitagebart und Kapuzenpullover könnte er in einem deutschen Punkerschuppen tanzen. Er zeigt uns einen Trick, den Müll zu ignorieren: wir sitzen im Dunkeln am Steinufer, und rauchen, erzählen über Musik und vom Leben im Iran und Deutschland. Tagsdarauf flanieren wir über eine Mole zum Leuchtturm, wundern uns über die Sauberkeit dieses Küstenstreifens – das zischen und rascheln im Gebüsch verrät uns weshalb: hier traut sich keiner ein Picknick zu veranstalten. Tausende Schlangen, die sich auf den Steinen sonnen!
Am Abend werden wir noch von einem Pärchen zum Essen in einem Restaurant am Strand eingeladen. Zusammen mit ihren Freunden rauchen wir noch Shisha bis uns schwindelig wird.
Der Abschied vom Kaspischen Meer fällt trotzdem nicht schwer. Nächste Station: Teheran.