Um uns eine Verschnaufpause vom Reisen zu gönnen, entschieden wir uns für ein Volontariat in einem Hostel in der georgischen Wüste, Kost und Logis inklusive. Udabno heißt das kleine Dorf auf dem Weg an die georgisch-aserbaidschanische Grenze. Direkt auf der Grenzlinie findet sich das alte Kloster David Gareja, dessen hunderte Jahre alte Freskenbildnisse in den Felsen im ganzen Land sind. Praktischerweise interessierte sich dafür auch ein belgisches Ehepaar, auf deren Rückbank wir mitgefahren. Die älteren Herrschaften bringen uns schnell und wortkarg zum Kloster, zusammen spazieren wir auf der Grenzlinie entlang und bestaunen die verblassten Fresken. Theoretisch befinden wir uns bereits in Aserbaidschan, aber die schwer bewaffneten Grenzbeamten passen auf, das wir auch wieder nach Georgien zurückkommen. Im Licht des Sonnenuntergangs düst das kleine Auto zurück nach Udabno.
Das Dorf ist ein soziales Experiment: Niemand wohnte in der Gegend, doch in den swanetischen Bergen (wir berichteten) gab in den 80ern einen schlimmen Erdrutsch, der ein ganzes Dorf auslöschte: die Überlebenden wurden von den Sowjets ca. 400 km nach Südwesten verfrachtet, um dort Schafzucht zu betreiben. Mittlerweile hat die Hälfte der damaligen Einwohner ihre Häuser verlassen, das Land ist karg und wenig fruchtbar, die Sommer irre heiß und die Winter eisigkalt, kaum Schnee, keine Berge, nur vertrocknete Hügel. Und Boden ist billig: das verschlug das polnische Pärchen Kinga und Xavier in die Gegend, um ein Hostel mit Restaurant zu eröffnen. Außerdem sind sie Arbeitgeber für das halbe Dorf und nach 7 Jahren hat sich eine neue soziale Struktur zwischen Polen und Georgien fest verwoben. Im Hostel Oasis kehren nachmittags nach er Besichtigung des Klosters die Touristen aus großen und kleinen Reisebussen zum Speisen ein und ab und zu verirren sich ein paar Backpacker oder Langzeitreisende.
Wir wollten bei der Festivalvorbereitung helfen: das Dach für die Bühne sollte erneuert werden, die Wände bemalt und der normale Betrieb am Laufen gehalten werden. Die ratlosen Augen kullerten beinahe aus dem Gesicht des Argentiniers Mossi, der sich um die Volontäre kümmert: wegen Kommunikationsschwierigkeiten mit der Chefin waren wir nicht eingeplant, andere Traveller haben sich angemeldet und zugesagt. Unser Plan am gleichen Fleck zu sein, zu arbeiten und mal wieder Konzerte beim Musikfestival zu hören, geriet ins Wanken. Zwei, maximal drei Tage sollten wir bleiben. Nunja, abwarten, denn Meinungen, Pläne und Wege ändern sich. Als am vierten Tag eine weitere Volontärin abreiste (viel zu durcheinander hier), und die anderen überhaupt nicht auftauchten, waren Fränki und Karoline schon fester Bestandteil des Teams: zwar taugte uns die Küchenarbeit nicht, und so pinselte Karoline eine Flasche mit Eichhörnchen an die Wand und Frank klinkte sich mit Bauingenieurskünsten in den Bau der Konzerthalle. (Zum ersten Mal ein riesiges Bild malen fühlte sich verrückt an, und dem Trubel hinter der Bar und in der Küche zu entgehen passte in das Konzept Entspannung.) Das Essen der georgischen Küchenfrauen schmeckte fantastisch und unser Zelt passte hervorragend auf den Balkon. Bei Bier- und Schnapsabenden schlossen wir Freundschaft mit den Argentinier-innen (Melli und Bellin, Gonzalo und Mossi), Anna aus CZ, Adam aus UK und den beiden Ungarn. Das Musikfestival sollte von der Hochzeitsfeier der beiden polnischen Hostelbesitzer eingeleitet werden. Denn wie lockt man seine Freunde aus Europa am besten in das kleine Land zwischen Schwarzem und Kaspischen Meer …
Also feierten wir nach einer Woche Durcheinanderarbeit polnische Hochzeit mit georgischen Trinksprüchen. Der georgische Trinkredner legte sich ins Zeug, Essen, Trinken, Tanzen zu live-gesungenem Georgien-Schlager vom Alleinunterhalter, Trinken, Tanzen zu polnischer Disko, Trinken, Tanzen, Essen, Tanzmädchen. Polnischer Abgang. Das Festival entpuppte sich als schöner Versuch, Popkultur aus Polen und georgische Volksmusik zusammenzubringen. Auch wenn die Organisation im polnischen Morast versank, tranken wir Bruderschaft und spürten die Welt zusammenrutschen. Hört selbst!

Als uns der Trubel zu viel wurde, bauten wir unser Zelt ab und nahmen die Beine in die Hand. Auf nach Armenien!