Jede Grenze, die wir übertreten, birgt neue Orte, Gerüche und Geräusche, Geheimnisse, neue Gesichter und Umgangsformen, mindestens eine neue Sprache, viele Leckereien und neue Einblicke in die Welt.
In dieser federleichten Aufregung lassen wir bei jedem Grenzübertritt auch etwas „Altes“ zurück. In Georgien ist es hoffentlich der Magen-Darm-Infekt aus Udabno, aber auch die beeindruckenden Höhen des nördlichen Kaukasus, vielfältige Landschaften, Wein und Khachapuri, Khinkali, ZchuZchreli.

Hinter der armenischen Grenze erwartet uns ein neues kleines Bergvolk. Der Geologieprofessor Mikhael sammelt uns ein und erklärt uns auf dem Weg nach Dilijan alles, was wir im Reiseführer nicht gelesen haben. Derzeit arbeitet er an einem internationalen Projekt über die Datensammlung zur Erdbebenvorhersage. Glücklicherweise ruht der brennende Konflikt zwischen Armeniern und Aserbaidschanern im Hinblick auf diese Forschung.
Kurz nachdem er uns von der samtenen Revolution erzählt, bei der im April 2018 alle Armenier in der Hauptstadt Yerevan für Nikol Pashinyan die Straßen blockierten, geraten wir in eine Straßensperre: Der Bürgermeister des kleinen Bergdorfes muss weg, seit einem halben Tag kommt hier keiner mehr durch, erzählen die Blockierenden. Nach einem kurzen Plausch über die schlimme Korruption im Land und die Hoffnung auf eine politische Wende erklärt man Mikhail auch die Ortsumfahrung über die unbefestigte Holperstraße. Ein klappriger UAZ-469 mit loser Hintertür schleppt einen VW über diesen einspurigen Feldweg ab, ganz unbeeindruckt vom chaotischen Gegenverkehr und den Furchen des Weges. Als wir noch über die verrückte Umkehr deutscher und russischer Autoqualität in den armenischen Bergen nachdenken, fahren wir bereits wieder auf der Hauptstraße. In Armenien erweist sich das wirkliche Können der Autofahrer, gleichzeitig befinden wir uns hier im Autoschrottland, denn wir sind bereits an zwei Unfällen und zahlreichen Autowracks vorbeigefahren.
Ganz besonders aber ist in Armenien alles alt. Das älteste Land, das älteste Volk, die älteste Kultur, die älteste Schrift. Das finden die Armenier gut; wir werden noch oft davon hören. Besonders stolz ist man auf den alten Berg Ararat, an dem Noah mit der Arche gelandet sein soll. Deshalb heißt in Armenien jede zweite Marke „Ararat“: Wasser, Zigaretten, Bier, der berühmte Kognak, die Nationalbank und ein Fußballverein. An dessen Namen FC Ararat störte sich in den 70er Jahren die türkische Regierung und wies Armenien in einem Brief darauf hin, dass der Berg nichts mit Armenien zu tun habe. Schließlich befinde er sich auf türkischem Staatsgebiet. Der Ararat ist türkisch. Man möge sich gern einen anderen Namen für den Fußballclub überlegen. Alter macht weise, so überlegten die Armenier und fanden die passende Antwort: Liebe Türken, wieso habt ihr dann den Mond in eurer Flagge?

Mikhail setzt uns in der Hügellandschaft Dilijans ab, wo wir uns in einem schnuckeligen Gästehaus einmieten, um wieder gesund zu werden. Bei einer kleinen Wanderung genießen wir herbstliche Laubfärbung und stiefeln über üppiges Weideland. Als wir aus dem Wald auf die Lichtung des Gipfels treten, landen wir auf einer Wiese mit Schießständen. Kein Zaun zu sehen. Hinter einer Wegbiegung stehen einige Gebäude und sechs Panzer aufgereiht in ihren Unterschlüpfen. In der Ferne hören wir Motorengeräusche, die wild durcheinander fahren, sich aber nicht in unsere Richtung bewegen. Vielleicht Übungspanzer. Schließlich finden wir das Ende des Geländes bzw. dessen Anfang. Im Wärterhäuschen springen drei verdutzte Soldaten von ihrem Kartenspiel auf und glotzen uns mit gerunzelter Stirn an: Guten Tag, was macht ihr hier? Äh, wandern. … Fragende Blicke … Wie seid ihr hierhergekommen? Über den Weg dahinten, da ist kein Zaun. Ja, Tschuldigung, machen wir nicht nochmal. Wiedersehn! Bergab nimmt uns ein Lada mit, am Rückspiegel hängt ein Kreuz und eine Mariä-Ikone klebt über dem Handschuhfach. Aus den Lautsprechern schmettert Chris Rea: We are on the road to hell. ..

Trampen ist kinderleicht und vor allem gefallen uns die freundlichen Gesichter in Armenien, wenn man Schnorrhakalutsjun sagt (Danke) oder Barheev (Guten Tag): trotz des Genozids vor 100 Jahren, als die Türken die Armenier aus ihrem Land vertrieben. Seither leben nur noch 2 Millionen im immer kleiner werdenden Land, 20 weitere Millionen sind über die ganze Welt verstreut, und immer noch zieht es viele junge Leute für ein besseres Leben nach Europa oder Nordamerika. Die Diaspora sorgt mithilfe starker Familienbande dafür, dass die Armut nur selten sichtbar wird: ohne die Hilfe der gutverdienenden Armenier im Ausland wäre vieles anders.

Als wir in Yerevan ankommen, ist wieder alles sehr alt: man empfängt uns mit Feuerwerk und Brimborium zur 2800 Jahrfeier der Stadt. Über Freundesbeziehungen landen wir bei Louise, einer schwedischen UN-Mitarbeiterin, die seit ein paar Monaten in Yerevan lebt. In dieser grandiosen Wohnung bleiben wir hängen, verdüdeln regnerische Tage in der quirligen Weltstadt, schnabulieren Thüringer Bratwurst, trinken Wein, gehen aus, kochen, youtuben und fühlen uns WG. Der gemeinsame samstägliche Ausflug muss wegen der durchtanzten Nacht abwarten, dass der Kater verschwindet: das geht am besten mit Rührei und Ruhe. Als wir endlich im Bus nach Ashtarak sitzen, steht die Sonne schon hoch über den Köpfen. Der Reiseführer beschreibt die Route mit zwei Stunden Wanderzeit, von einer Kirche zur nächsten durch eine tiefe Schlucht. Der Bus hält 5 km vor der ersten Kirche und wir suchen uns selbst den Weg zum Fluss, der sich in die Felsen eingeschnitten hat. Wir kommen zu einer Schranke, hinter der uns ein Armenier freundlich aber bestimmt darauf hinweist, dass es hier nicht weiterginge. Wie? Was? Klar, da ist doch ein Weg auf der Karte, zwar nicht durchgehend eingezeichnet, aber da findet man schon eine Möglichkeit. Also weiter, vorbei an Restaurants, die nur in warmen Sommermonaten öffnen, und eine frische herbstliche Brise um die Nase. Als wir feststellen, dass der Weg tatsächlich endet, kommt umkehren keineswegs in Frage: also balancieren über ein dickes Wasserrohr, hüpfen über Stock und Stein, durchforsten dorniges Gestrüpp, springen nochmal über den Fluss, vorbei an einem kaputten Zaun und gelangen nach einigem Herumirren schließlich an ein verschlossenes Tor: noch bevor das entfernte Motorengeräusch sich weiter nährt, klettern wir und haben wieder Schotterstraße unter den Füßen. Geschafft. Oben auf dem Berg steht auch schon die erste Kirche, die von der niedrigen Sonne in wunderschöne Farben getaucht wird. Auf dem Wanderweg kommen uns Kühe entgegen. Der Hirte begrüßt uns auf Russisch, fragt wohin die Reise geht. Als ich ihm klarmache, dass wir unterwegs zum Ende der Schlucht sind, erklärt er aufgeregt, dass das um diese Uhrzeit nicht mehr geht:
„Kommt lieber mit mir mit, ich zeig euch was! Meine Kühe gehen schon mal nach Hause. Wollt ihr Schnaps? Ich hab heute schon eine Flasche getrunken und schön geschlafen. So, setzt euch mal hier an den Fluss. Hier, das Wasser trinke ich immer. Wartet mal, jetzt zeig ich euch was Tolles!“
[Geht über die Brücke, kontrolliert sein Fischernetz am anderen Ufer und wirft es wieder in den Fluss]
„FischeFische! Wenn man Glück hat. So und jetzt gehen wir zusammen zu der kleinen Kapelle, in der ich manchmal bete…“
Die Wanderung aus dem Reiseführer wandelt sich zur Hirtenführung. Das Licht der Abendsonne taucht die Landschaft in unbeschreibliches Rot-Orange und unser Kumpel lacht und erzählt.
Als wir endlich im Dorf oberhalb der Schlucht ankommen, sind die Kühe längst in ihren Stall getrottet. Im Dunkeln trampen wir zurück nach Yerevan, werden sogar noch bis vor die Haustür gefahren (was dem Sohn der wartenden Mutter sicherlich Zorn und Schläge eingebracht hat). Endlich zu Hause in der warmen WG. Der letzte Abend mit Louise. Ein weiterer Abschied, der uns schwergefallen ist. Auf zum Klettern nach Norawank!

Auf dem Weg in die nächste Schlucht mit Kirche bekamen wir die armenische Gastfreundschaft zu spüren: zum ersten Mal auf der Reise lädt uns ein Fahrer zum Tee nach Hause ein. Der darauffolgende Autofahrer, Chirurg, erklärt uns auf Deutsch seine Lebensgeschichte und schenkt uns zum Abschied eine Flasche seines hausgemachten Wodkas (Huhuhuhaa! den wir haben bis an die Grenze zu Pakistan mitgenommen). Es ist schon stockdunkel, als wir in der Schlucht Norawank ankommen, der kleine Zeltplatz auf der anderen Flussseite liegt versteckt im Schatten der riesigen Felswand, die sich unterm Mondlicht auftürmt. Dort brennt schon ein Feuer und zwei Kletterer erwarten uns, die beiden kennen sich bestens aus und mit ihrem Seil tigern wir am darauffolgenden Nachmittag die Wand hoch. Tolle Routen, kompakter Fels. Nach Sonnenuntergang spazieren wir ins nächstgelegene Dorf, erfragen an den Straßenverkaufsständen Abendbrot und verspeisen im warmen Hinterstübchen eine Teigrolle mit eingelegtem Fleisch und Gemüse und Herzlichkeit. Der Bruder des Kochs will uns zum Zeltplatz zurückfahren. Zuvor wollen wir leckeres Kompott am Nebenstand erwerben, leider verlangt man dort unverhandelbare Touristenpreise. Nix dawir und der Bruder rein ins Auto und zurück ins Dorf zu Großmutters Haus gedüst. Der Bruder steigt aus, schleicht in den Keller und kommt mit einem riesigen Glas voll eingelegter Früchte zurück! Nichts wie weg, bevor die Oma uns den Pantoffel hinterherwirft! Auf dem Zeltplatz teilen wir mit den Kletterern und einem Radler aus Russland süßen Pfirsich, Himbeeren, Fruchtsaft und Schnaps, der uns durch die kalte Nacht bringt.

Wir sind jetzt auf dem Weg nach Berg-Karabach. Bei einem Abstecher nach Tatev rauschen wir mit der längsten Seilbahn der Welt über zwei Täler zu einer Kirche auf dem Berg. Das Fleischfrühstück von Mutti schlagen wir aus, spazieren ein bisschen herum und wollen wieder zur hauptstraße, doch dieser Versuch gestaltet sich zäh und langwierig. Viel zu lange warten wir auf einen Ride zurück, steigen nochmal um und es ist schon fast dunkel, als wir im letzten Dorf vor der Grenze, in Tegh, ankommen. Und da sitzen wir auch schon im Haus des Fahrers, neben Oma und Opa am Ofen. Die Tochter zeigt uns im Sonnenuntergang das Dorf, die Mutter kocht, der Vater holt seine Trinkkumpane ran: die Schnapsflasche mit der Tänzerin wird zweimal geleert, bevor wir in einem kleinen Bett neben dem hustenden Opa bis zum Morgengrauen ausharren. Ohne Frühstück brechen wir auf ins nächste Land, das eigentlich keins ist. Berg-Karabach heißt jetzt Artsakh. Dort haben sich Aserbaidschaner und Armenier aufs Härteste bekriegt: mit einer Durchmischung der Völker durch Umsiedlung sollte nach Meinung der russischen Besatzer in den 60ern für einen kulturellen Austausch und Integration gesorgt werden, um Stabilität unter den Völkern zu schaffen. In der Grenzregion zogen also ein paar Armenier nach Aserbaidschan, ein paar Aserbaidschaner nach Armenien. Bereits während dem Zerfall der Sowjetunion begann die Serie von Anschlägen und Vergeltungen, und zog sich bis in die 2000er Jahre, ähnlich wie im Balkan. Wie du mir, so ich dir. Messer, Blut und Munition, damit werden Städte, Moscheen, Kirchen und Häuser angezündet, blutige Versteckspiele gespielt in den waldigen Bergen. Schließlich fiel dieses kleine Gebiet unter armenische Kontrolle. Offiziell gehört Artsakh noch zu Aserbaidschan. Doch Berg-Karabach will unabhängig sein, deshalb müssen wir in der Hauptstadt Stepanankert im Ministerium ein Visum für 4 € kaufen. Um später mit dem gleichen Pass in Aserbaidschan einreisen zu dürfen, wird kein Stempel in den Pass gedrückt.
Diese Stadt fühlt sich kaum anders an als Armenien, doch beim Anblick der Einschusslöcher in den Häusern schaudert mir die Vorstellung, dass hier vor ein paar Jahren noch erbitterte Kämpfe herrschten, über den Rücken. Das neue Denkmal Papik Tatik (Oma und Opa) für armenische Kultur und einfaches Leben wäre wohl das erste, was von Aserbaidanischen Soldaten bei einem neuerlichen Angriff wieder zerstört würde. Also verziehen wir uns lieber wieder in die Natur in den kleinen Bergort Shushi. Dort suchen wir den Pilzwasserfall in der nächsten Schlucht und erklimmen im eisigen Nebel die Felswand, die uns zurückführt in die Hotelbadewanne. (und den Bauch voller Zhingyalov, DER Spezialität Karabachs: frisch gebackener Fladen gefüllt mit dem Grünzeug von 7 Kräutern)

Und damit genug von den zornigen Bergvölkern. Persien steht vor der Tür, wir wollen in den Iran! Neue Grenze, auf zu neuen Orten, neuer Sprache und Schrift, neuen Leckereien und Einblicken in die Welt.

An der einsamen und nebligen Straße inmitten einer felsigen Hügellandschaft zischen die wenigen Autos eine Stunde lang an uns vorbei. Endlich hält ein Sportwagen. Ich lasse aus Angst, dass zu viel Gerede unsere Mitfahrt gefährden könnte unser Ziel offen und frage nur: „Fahrt ihr geradeaus?“
„Ja klar, kommt mit.“ Also rein in die warme Stube. Nach einiger Zeit fragt der Fahrer, was geradeaus denn genau hieße, er führe bis in den Iran. Um für sein Modegeschäft einzukaufen. 😀
Mit ca. zehn Songs in Schleife erreichen wir Land Nr. 9.