Georgien ist wunderschön, und zwar in jeder Ecke des Landes. Diese Information hilft dem Reisenden ungemein dem Druck zu entgehen, wohin die Reise führt. Und dennoch, alle Georgier hatten nur eine Frage: wart ihr schon in Svaneti? Was? Nein? Ooooch! Da müsst ihr unbedingt hin!
Klar, vor allem die Berge im Kaukasus überragen die Schönheit alles bisher Gesehenen – Panoramen ohne Ende. So düsen wir mit Judith einen Tag lang durch halb Georgien nach Svanetien in die Bezirkshauptstadt Mestia. Empfangen wurden wir zunächst von einer klassischen Touristenfalle: Busfahrer. Never trust your (taxi) driver. Der im Tal verhandelte Preis war nach der Ankunft auf 1500 m null und nichtig wogegen auch keine Drohungen mit der Polizei oder der deutschen Botschaft halfen. Die Swaneten haben, wie unser Hostelvater Juri später erzählte, einen unglaublichen Geldhunger und lecken sich die Finger nach jedem guten Geschäft…

Zu deren Verteidigung bleibt zu erwähnen, dass der Boden nicht besonders fruchtbar und die langen Winter ungemütlich kalt sind. Früher interessierte sich niemand für die Region, viele Menschen zog es fort aus den Bergen in größere Städte und wärmere Gegenden. Doch dann, vor gut 10 Jahren, witterte der Präsident Sakasvhili das Geschäft mit dem Tourismus, und beschloss, dass Svaneti die neue Schweiz von Georgien werden sollte. Die Voraussetzungen sind perfekt: Berge Berge Berge, mit steilen Wänden und seichten Hügeln, perfekt für naturliebende Wandervögel und reiche Wintersportler. Die kaukasischen Gebirgszüge gleichen tatsächlich den europäischen Hochgebirgen. In Georgien ist Europa immer noch das große Ziel, welchem nachgejagt und hinterhergeträumt wird. Für uns Mitteleuropäer klingt es hingegen absurd, eine neue Schweiz zu bauen: schließlich fahren wir zu fernen Orten, um dem immer gleichen Bild zu Hause zu entfliehen.
Die Stadt Mestia ist ohne Zweifel malerisch gelegen. Als die dünn besiedelte Region zur neuen Touristenattraktion erkoren wurde, kamen viele Swaneten zurück, um vom Investment in neue Infrastruktur und von der angekurbelten Werbetrommel zu profitieren. Überall in Mestia blinken Restaurants und Shops, Gästehäuser, Hotels und andere Unterkünfte für Outdoor-Touristen, die die Abgeschiedenheit und Idylle suchen. Mehrere Wanderoptionen führen zu Gebirgsseen, Kirchen oder über einen Grat zu drei kleinen Steinhäufchen. Sehr beliebt ist eine Vier-Tages-Tour zu dem urigen Bergdorf Uschguli mit wunderschönen Ausblicken auf unberührte Natur. Dort offenbaren sich die Folgen, die der Boom mit der Natur haben kann: in den entlegensten Ecken des Gebirges findet man plötzlich Plastiktüten, -flaschen und anderen Müll neben dem Wanderweg. Im Kiosk wird jeder Artikel einzeln in Plastik verpackt und zum Transport nochmals eine größere Tüte unterm Ladentisch herausgezogen… Zum Bau der Infrastruktur gehörten nicht nur Straßen, sondern auch ein neuer Flughafen. Von dort starten Maschinen nach Tbilisi für 35 € pro Nase. Auch wundern wir uns über die riesige Bauruine neben dem Flughafen und über das unbewohnte Hotel im Zentrum, das fix und fertig gebaut, aber ohne Inneneinrichtung seit mehreren Jahren dasteht. Wo bitte bleiben die Anreize zum Umweltschutz?

Diese Entwicklung könnte die Realität überholen und sich überschlagen, wenn die Georgier weiterhin unpfleglich mit ihrem größten Schatz umspringen. Gerne dürfte auch in dieser Sache Europa nachgeeifert werden. (Judith: „Wir haben den Müll getrennt und biologisch abbaubares separiert. Wo ist euer Kompost?“ Irakli: „Nett. Aber wir trennen nicht. Wir sind hier nicht in Europa!“)
Wo also bleiben die Öko-Hippies, die sich Gedanken um die Umwelt machen?

Es gibt sie bereits! In unserem swanetischen Hostel kommen wir mit Rosindo ins Gespräch, der gerade eine Gruppe Niederländer durch die Berge führt. Er selbst wurde auf einer karibischen Inselgruppe geboren und wuchs auf in Holland. Mittlerweile betreibt er mit seiner ukrainischen Frau Inna und seiner Familie seit drei Jahren das erste „grüne Hostel“ des Landes in der georgischen Hauptstadt Tbilisi. Das Hostel „Why Me Hostel and Rooms“ glänzt mit niedrigem Wasserverbrauch und niedrigem Energieverbrauch. Den sparsamen Umgang mit Wasser realisierte Rosindo durch selbstschließende Drückeramaturen mit Autostop an Waschbecken und in der Dusche, das Toilettenspülwasser kommt aus riesigen Tanks unter dem Dach, in denen sich das Regenwasser sammelt. Etwa 3000 l Wasser rieseln vom Himmel in die bisher aufgestellten drei Tanks und bis Ende des Monats wird ein Vierter dazukommen, der bei Starkregen die trockenen Füße im Hostel bewahrt. Denn vor dem Regen in Tbilisi sollte man sich in Acht nehmen: 2015 zum Beispiel entkamen aus dem von Wassermassenzerstörten Zoo diverse wilde Tiere und prägten einige Tage das überschwemmte Stadtbild. Durch die ständige Versiegliung des Bodens mit dem Bau von Straßen und Häusern, ergießt sich Regenwasser schwallartig in die Kanalisation, die von starken Regenfällen völlig überfordert wird.
Gereinigt wird das Regenwasser vorm Gebrauch mit Hilfe zweier Filter. Das gesamte Wasserspeichersystem war mit 500 € ein Schnäppchen. Energie spart das Hostel mit Bewegungsmeldern, Energiesparlampen und durch die grundlegende Isolierung des Gebäudes mit 40 cm dicken Wänden aus Vulkangestein und PUR-Schaum unterm Dach. Besonders aufgeregt ist Rosindo, als er uns von seinem selbstgebauten Solarpanel erzählt: über ein ausgeklügeltes System aus alten Blechdosen kann die Sonnenwärme weitergeleitet und gespeichert werden und das Nutzwasser erhitzen. Wenn der neue Balkon gebaut ist, wird ihm die Stadt erlauben, das Panel auf seinem Haus der georgischen Sonne auszusetzen.
Endlich hat sich mal jemand Gedanken gemacht. Why Me ist eine schöne Verbindung aus der Ökoidee und georgischer Wuselei. An der U-Bahn-Station Varketili taucht man ein buntes georgisches Leben. Allerlei geschäftiges Treiben, alte Männer spielen Backgammon, in der Unterführung werden Klamotten, Schuhe, Obst und Gemüse verkauft (oder einmal auf die Waage stellen) und Haare und Bärte geschnitten. Rosindo plant außerdem eine Kooperation mit dem Tourismusministerium für mehr Bewusstsein über den Umgang mit Ressourcen und den Aufbau eines Bildungsprogramms in Schulen, bei dem die Schüler den Bau der Solarpanel lernen: zum Energiesparen im Schulgebäude oder zu Hause. Uns gefällt vor allem der Ansatz an der Bildungsschraube, denn Wissen zu teilen bringt uns alle nach vorn.

hostelwhyme