Wir schlagen uns in Nahverkehrsbussen eine Stunde durch Wolgograd bis über den Leninkanal, der Wolga und Don verbindet. Ein letzter Blick noch auf den mächtigen Fluss, und schließlich erreichen wir mit Hilfe einer letzten (natürlich überfüllten) Marschrutka den Stadtrand. Hier verlassen wir die fruchtbare Region der Wolga und stürzen uns in die Steppe Kalmückiens. Wir sind noch nicht ganz an der Trampstelle angelangt, als uns noch im Gehen ein Auto anhupt – aus mongolenfaltigen Augen grinst uns der Fahrer an. „Kommt, ich nehm euch mit!“ Läuft wie geschmiert und trotz nahendem Anbruch der Dunkelheit erreichen wir nach einigen Stunden Fahrt durch einen wunderbaren Sonnenuntergang in kargem, heißem Hügelland die kalmückische Hauptstadt Elista.
Die Region ist die einzge buddhistisch geprägte in den Grenzen Europas, die hier verschwischt werden. Orient und Okzident separieren sich kulturell und geografisch am Ural, übers Kapsische Meer entlang der Grenze zu Iran und Türkei. Aber hier in Südrussland verwischt diese Grenze. Aus der Mongolei stammen die Kalmücken und kamen unter Dschingis Khan im 13. Jahrhundert während des Mongol-Oriats. Ein gebeuteltes Volk: als Außenseiter in Russland und nach ihrer vermeintlichen Kollaboration mit den Deutschen im II.WK endete die Hälfte in den Gulags und Arbeitslagern Sibiriens. Während der sowjetischen Planwirtschaft mussten hier Merino-Schafe gezüchtet werden, die alles abfraßen und das Land zur Steppe werden ließen. Kalmückien zählt noch immer zu einer der ärmsten Gegenden Russlands und in Moskau interessiert man sich einen feuchten Dreck.

Einigermaßen skurill ist neben dem größten Buddhas in Europa in Elistas Goldenem Tempel die Begeisterung für Schach: neben der Pagode im Zentrum auf dem Leninplatz treffen sich Alte und Junge (Männer) am großen Schachbrett und in der Schule gehört es als Hauptfach zum Stundenplan. Kalmückischer Tee wird mit Milch und Salz getrunken und Chebureki, ein dünner Teig gefüllt mit Käse, Fleisch oder Pilzen (wahlweise frittiert) hat hier seinen Ursprung (nicht zu verwechseln mit: Tschburaschka).

Auf der gegenüberliegenden Seite des Leninplatzes verzeichnet unsere Karte drei Restaurants und wir machen uns hungrig auf den Weg zum Abendessen. Die Gegend ist am Tag belebte Einkaufszone an einer Staubstraße, aber nach Sonnenuntergang würde jeder Südamerika-Erprobte schleunigst das Weite suchen. Wir gehen trotzdem weiter, in buddhistischen Gegenden zeugen dunkle und unbevölkerte Ecken nicht zwangsläufig von Kriminalität. Die gesuchten Etablissements sind trotzdem unbeleuchtet und verschlossen, oder statt Restaurant eine „Automoika“. Neben dem Eingang in den Innenhof dieser Autowerkstatt steht mit blauer Farbe an der Wand gemalt „Schaschlik“. Mit knurrenden Mägen wagen wir uns vor in den fahl beleuchteten Hof, und tatsächlich stehen Plastikstühle auf gepflastertem Hof und ein Grill raucht. Die Karte umfasst 10 Seiten, aber eigentlich gibts nur Schaschlik – also her damit. Zwei Kalmücken laden uns ein an ihren Tisch, mit kaltem Fassbier setzen wir uns zu ihnen und belustigen uns gegenseitig in engrusslisch. Und endlich fantastisches Schaschlik! Wir erfahren von der Chess-City, dem hoch modernen Schach-Komplex und Vergnügungspark in Elista und lernen ein bisschen Kalmückisch. Zum Anstoßen sagt man „Uralan“, das bedeutet „Los geht’s“! Entsprechend wird vom Tetrapak-Rotwein einer der Kalmücken ziemlich schnell betrunken, nennt Karoline immer wieder Greta Garbo und will uns beide unbedingt mit zu sich nach Hause nehmen: das Hotelzimmer kann man doch stornieren! Das geht leider nicht, versuchen wir zu erklären (denn die Betten unseres Zimmers haben wir schon am Nachmittag zerwühlt). Nach einigem Hin und Her können wir uns befreien, verabschieden uns höflich. Einen 100-Rubel-Schein mit seiner Emailadresse wirft er uns noch hinterher und wir suchen über die Staubstraße das Weite.