Auszüge aus Franks Tagebuch

4.9. 10 Uhr: Nach dem Besuch des Tempels aller Religionen in Kazan Fährfahrt über 2 km breite Wolga. Trampen direkt vom Boot mit einem Rentnerpaar, die zur Datsche fahren. Nach 10 km im LKW und schließlich mit Schirinowski-Anhänger bis zur Steilküste vor Tenishevo.
12.30 Uhr: Ankunft am Wanderweg, sehr steil, vorbei an Höhlen zum Ufer, Felsen, Zeltplatz. Bouldern geht nicht, viel zu bröselig und blöde Touri-Russen pinkeln alles voll.
15.00 Uhr: Zelt aufstellen, Karoline rein und weggeratzt, ich nochmal los und Holz sowie Pilze gesammelt. Vorlesen, Pilze mit Senf verspeist, Tag vorbei.

5.9. Aufgewacht um 7 Uhr oberhalb der Steilküste. Karoline holt Wasser von der Quelle, in der Zwischenzeit schäle ich nichtverspeiste Kartoffeln vom Vorabend und bereite Salat. Frühstück. Abwasch.
Zurück an der Straße: 8 km zur Partnerstadt von Ludwigslust (Kamskoye Ustye) gefahren. Autobus NET! Bus- und Taxifahrer schicken wir hochmütig weg. Nach zäher Wartezeit weitere 8 km bis ins nächste Dorf. Hier scheint die Welt zu Ende. Nach erneut zäher Wartezeit hält ein schräger, halssteifer Fahrer: weil wir verzweifelt sind (ca. 2000 km Russland liegen noch vor uns), steigen wir ein. Der Fahrer schlängelt die Straße entlang, wir bemerken die Alkoholfahne. Zum Glück kaum Gegenverkehr. Immer wieder fragt er: Hä? Uljanowsk? Kuda? Wohin wollt ihr? Ich versteh euch nicht. Nachdem wir die Aussichtslosigkeit dieser Schleife begreifen, zwingen wir ihn zum Anhalten und steigen aus. Fazit: 3 h für 20 km. In der Mittagshitze knacken wir Haselnüsse am Straßenrand, während dieser 1 Stunde fahren insgesamt fünf Autos vorbei. Ohne anzuhalten. Laufen schließlich; bis ein Usbeke mit seinem Auto voller Kissen anhält. Die sind schnell zusammengestopft und Platz für uns bis in die nächste Stadt Tetjuschi.
Ab ins Magasin: dort Sahneteilchen, Eis, Kekse gekauft. Viele Kekse. Alte Frau überhilft uns Tomaten, die wir nicht wollten. Dann folgen uns drei Schuljungs: Iz Germani? Peng, Ratttatttatttatt! Finden doch noch einen Bus, dieser bringt uns zur Hauptstraße nach Buinsk (je 100 Rubel, Abfahrt in 5 min). Heute geht nix geht mehr. Kopfschmerzen. Sonnenuntergang. Stolovaja hat geschlossen. Also Zeltplatz suchen im Wald und Feuer anzünden. Pute aus der Dose, Fisch, Tomatensalat. Einschlafen.

6.9. Um 7.00 aufgewacht. Sahneteilchen gefrühstückt. Kaffee, Tee, Krisengespräch. SUV fährt uns 40 km bis kurz vor Uljanowsk. Beim Aussteigen klebt Karoline am Rücksitz fest: mit Kaugummi an der neuen Hose (der wohl lag auf dem Boden, wo wir saßen). Davon merkt der Fahrer zum Glück nichts, verdunkelte Scheiben. Bevor er ggf. wütend zu uns zurückgefahren kann, sammelt uns Ruslan mit seinem Truck auf. Im LKW mit Melonen 400 km nach Süden Richtung Saratow. Zwischenstopp im Truckertreff bei Sysran: dort Doppelhockklo mit Hanf vor der Tür. Die liebenswürdige, rundliche Köchin serviert Tomatensalat und Bulette mit Kartoffelbrei, Tee mit Keksen. Tomate und Kekse geschenkt bekommen für die Fahrt.
Dann ist der LKW kaputt! WD40 repariert alles, nach Scheibenputz geht’s weiter. Ruslan spricht ins Mikrofon. Erschöpft vor Saratow am Kreisverkehr der Umgehungsstraße ausgestiegen. 16 km vorm Zentrum, nachts, rundherum nur Straßen. Orientierungsversuch, Foto, Blick auf Karte: da hupt es laut. Ruslan ist zurück und fährt uns doch noch ein Stück in die Stadt, wo es Infrastruktur gibt!
Fehlt nur noch Bier für die Nacht. An der PIVO-Bar freundlich-frisch gezapft zum Mitnehmen. Bardame: Ich bin nicht fotogen!
Karoline: Dochdoch.
Bardame: Ok 🙂
Zeltplatz suchen, durch Garagenkomplex zu vermeintlicher Grünfläche am See. Im Dunkeln mit Taschenlampe über schmalen Bretterpfad durchs Schilf. Glücklich im Zelt eingeschlafen.

7.9. Um 6.30 aufgewacht. Am Stadtrand in Schilf und Schutt. Feuchtes Zelt abgebaut. Kein Frückstück, da Stalovaja noch geschlossen. Wir warten. Schließlich Zugang zur Mensa durch Sanitärfachhandel: wir sind die ersten und einzigen Gäste. Bestelle Hühnchen, mit Pilzen und Käse überbacken. Zuschließen geht nicht, deshalb kommt die Außenklinke mit ins Klo.
Danach werden Schuhe gekauft. Ein Mitarbeiter im Sportfachhandel hält Karoline mit passendem Outdoorschuh für Männer von einem Verzweiflungskauf von Turnschuhen ab. Nehmen wir.
Im Bus 45 min ins Zentrum zum Hostel. Mit Kletterschuhen in die City und zum Fluss: vorher Schawarma und Espresso (= Minikaffee) und Eis. Punks in der Fußgängerzone. Juri-Gagarin-Denkmal. Strand. Am Pier folgen wir Margaritha zum Aussichtspunkt. Klettern im Sonnenuntergang aufs Pumpgerät. Bier vergessen.

8.9. Umzug ins sehr russische Hotel ABC. Bisschen zu viel Gold und Muster. Rote Samtsitzmöbel. Bisschen viele Fernseher an den Wänden. Im Schaschlikgarten nichts bestellt, lieber Brot und Kefir gekauft und mit den Sprotten von gestern auf dem Zimmer zu Abend gespeist. Heute Abend keine Wolga: Wolga net.

9.9. Zum Frühstück wollten wir Haferflocken im Hotel kochen. Von Rezeptionistin in freundlicher Bestimmung daraufhin gewiesen worden, dass das kein Hostel hier sei. Schließlich durften wir doch…
2-stündige Odyssee in Straßenbahn und Bus zur doofen Trampstelle. Nach 30 min bringt uns jemand zur Hauptverkehrsstraße. Von dort flüssig mit Muckimann im Tarnshirt und Radio-Reparateuren bis zum Boulderglück „Uschi“ (bei Kamychin). Durch die Schlucht vorbei am Schießstand und den Berg hoch. Kein Problem für Alpinistas! Stulle und Probeklettern. Karoline ist kaputt und will direkt hier zelten, ich lieber noch weiter zu den richtigen Boulderhügeln. Zelt steht also nach 2 km Fußmarsch zwischen den zwei Hügeln.

10.9. Ich bin um 7 wach und gehe Wasser holen bei einer Quelle, 3 km Luftlinie entfernt. Die Hälfte des Weges ist südrussiche Hungersteppe. Zwischen den ersten Birken treffe ich auf einen Ziegenhirten: Woher, Wohin, Welcher Beruf? Hinterher ruft er noch: Privet Deutschland! Nach seiner Beschreibung finde ich eine geringfügig tröpfelnde Quelle. Nichts zum Befüllen des Wassersacks. Ich folge einem mit Ziegenkacke gesprenkelten, ausgetrockneten Flussbett durch ein Wäldchen und unter Eisenbahnschienen hindurch. Und weiter durch ein kleines, verschlafenes Dörfchen. Auf der anderen Straßenseite gibt es die auf der Karte verzeichneten Häuser und den Weg zur zweiten Quelle nicht. Ich krauche durch dorniges Gestrüpp und stehe plötzlich auf einem Hof. Dort erfrage ich den Weg zur Quelle: die Frau meint, wenn ich Wasser bräuchte, könnte ich ihren Brunnen benutzen. Per Schlauch wird der Wassersack gefüllt. Melone darf ich auf meine Nachfrage nicht mitnehmen, die brauchen sie selber. Zum Glück: Zurück sind es wieder 4 km durch die Steppe. Beim Zelt wird gesoffen. Dann wird gebouldert. Und geknipst. Zum Sonnenuntergang reisen wie am Vortag Selfistickrussen an. Wir bleiben über Nacht.

11.9. Der Tag beginnt mit einem 6 km Marsch durch die Steppe inkl. Durchquerung steiler Schluchten. Nach ca. 1,5 h stehen wir an der Hauptstraße. Die erhoffte Melonung gibt es dort nicht – dafür 1 Eis. Eine Stunde dauert es, bis ein LKW-Fahrer anhält und uns bis zur Ortsumfahrung vor Wolgograd mitnimmt. Ein Philosoph fährt uns direkt bis zum Eingang des Mamajejev-Hügels. Dort stehen eine Reihe monumentaler Statuen, aber Mutter HEIMAT mit ihren 86 m überragt alles. Tatsächlich ist dieser Ort einer der meistbesuchten Sehenswürdigkeiten Russlands. Hier in Stalingrad, wo die deutsche Wehrmacht im II.WK besiegt wurde. Dienstagnachmittag ist zum Glück wenig Andrang. In der Ehrenhalle der Gefallenen erleben wir, was in Russland nach europäischer Sicht unmöglich scheint: direkt neben einer riesigen Hand mit einer nicht minder riesigen Fackel stehen regungslos zwei Wachsoldaten (welche entsprechend schwitzen), und die Toten ehrend. Liebevoll nimmt ihnen ein Kamarad die Mützen ab, und tupft zärtlich die feuchten Köpfe und Hälse (GAY-ALARM!).

Anschließend in Wolgograds Feierabendverkehr gestürzt. Mit der Straßenbahn, die unterwegs zu U-Bahn wird, zum HBF. Dann versuchen wir zu unserer Unterkunft für die Nacht zu gelangen: eine Bekannte von Judith überlässt uns ihre Wohnung. Aber erstmal hinkommen! Tausende Marschrutkas (umgebaute Transporter für ca. 10 Fahrgäste, drin ist es sehr eng und großes Gepäck wird nicht gern gesehen) schwirren wie in einem Bienenstock durch die Stadt. Die Fahrzeuge verkehren auf verschiedenen Routen. Wir warten auf die 36. Per Handzeichen werden sie herangewunken. Die erste Marschrutka nach 15 min fährt gleich vorbei. Vermutlich schon voll. Die nächste nach 10 min: 2 Leute drängeln vor. Ist jetzt auch voll. In das folgende Gefährt springe ich hinein. Als Karoline auch einsteigen will, schmeißt uns der Fahrer wieder raus. Kein Gepäck! … Wenn wir hier wegwollen, müssen wir es einzeln versuchen. Ich lasse bei der nächsten Gelegenheit Karoline stehen und quetsche mich in der Marschrutka ganz nach hinten durch. Unterwegs is was mit dem Auto. Oder der Fahrer hat Feierabend. Jedenfalls müssen plötzlich alle aussteigen. Geld gibt’s zurück. Günstig, ich hatte noch nichts bezahlt. So stehe ich mit 20 Rubel mehr an der Straße und 13 Leuten, die in die gleiche Richtung wollen wie ich. Eine halbe Stunde später quetsche ich mich wieder in einen vollen Minibus. Auf der untersten Stufe kann ich nicht bleiben, da mein Rucksack noch draußen ist und die Tür nicht zugeht. Eine Stufe höher geht auch nicht, weil mein Rucksack bereits an die Decke stößt. So knie ich auf der oberen Stufe und knalle die Tür zu. Abfahrt. An jeder Haltestelle muss ich aussteigen und hoffe wieder einsteigen zu können. Dem Fahrer wird das zu bunt – er will mit mir nicht mehr weiterfahren. Ich tue so, als verstünde ich nicht – das funktioniert und ich darf weiterfahren. Nach einigen Schlenkern durch die Stadt dünke ich mich nah genug an der Zieladresse, um die Marschrutka zu verlassen. Tatsächlich nur noch 5 min zu Fuß – Karoline hat mich sicherlich schon überholt und wartet. Doch: am Ziel ist keine Karoline. Sie kommt ein halbe Stunde später von einer ganz anderen Odyssee: Mit einem leeren Minibus fuhr sie soweit es ging, musste zurücklaufen und entdeckte einen normalen Personenbus in die richtige Richtung: Der füllte sich rasant bis obenhin, sodass sie fast beinahe nicht aussteigen konnte. Nun ist der Albtraum zu Ende. Abends holen wir uns Pizza und Bier und verspeisen alles am Wolgaufer. Wolga: da! Am Pier Sitzprobe auf dem Motorboot.

Fazit: Toller Fluss, diese Wolga. Superbreit, sieht aus wie Meer. Monumental. Russisch. Unterwegs gibt es neben einem Bouldergebiet bei Kamychin sogar Jugendkultur in Saratow, die besten Tomaten (in Sysran) und die besten Melonen von Russland (Torpedos: längliche Zuckermelonen oder Arbus: riesige Wassermelonen, welche davon, das ist eine Frage des Charakters).