Bevor wir nach Russland kamen, hatten wir keine spezifische Vorstellung, wohin unsere Reise gehen sollte – welche Dörfer, Großstädte und Gegenden wir sehen wollten. Klar, St. Petersburg! Moskau vielleicht nicht unbedingt. Aus logistischen Gründen erschien es außerdem sinnvoll, ein großes Stück der Wolga entlang zu folgen, bis zur Statue „Mutter Heimat ruft“ in Wolgograd. Von Kazan hatten wir noch nie gehört. Doch weil es bisher die wärmste Empfehlung aller (vertrauenswürdigen) Russen war, nahmen wir die Verfolgung der Wolga auf: in der Hauptstadt Tatarstans, wo Wolga und Kama sich treffen.

Bei dem Klang des Wortes Tatarstan ringelt in Karolines Kopf die Barbarenglocke. Dieses Schellen brachte der Besuch von Kazan zum Schweigen. In der Gegend der Wolgabulgaren wurde im 10. Jahrhundert der Islam eingeführt, zweihundert Jahre später fielen die Mongolen ein und gründeten das Khanat Kazan, regiert vom mongolischen Khan – Konflikte mit Moskau standen an der Tagesordnung und schließlich schluckte das russische Reich unter Iwan dem Schrecklichen Tatarstan. Vollständige Missionierungsversuche des Christentums scheiterten, sodass der Islam immer präsent blieb. Heute ist Tatarstan eine autonome Region in Russland mit Zweitsprache Tatarisch und im Kazaner Kreml steht seit 2005 die Kul-Sharif-Moschee direkt neben der Mariä-Verkündungskathedrale.

Nach einem gemütlichen Abend in der WG unseres Gastgebers Bulat kuschelten wir uns schon auf die Matratze, zu früh gefreut: denn der Tatar ließ sich nicht davon abbringen, uns zu einem Nachtspaziergang mit unbekanntem Ziel zu überreden („reden“ ist nicht ganz richtig formuliert: unsere Kazaner Bekanntschaft war des Englischen ebenso wenig mächtig wie wir des Russischen, sodass „aufscheuchen“ den Sachverhalt besser beschreibt). Mit Bulat, Regina und Igor sprangen wir in die letzte Metro und schlenderten mit Kaffee bewaffnet durch die verlassene Fußgängerzone zum Kazaner Kreml. Was sich uns dort bot, war die schönste Piktogramm-Sammlung unserer Reise.
Und die hell erleuchtete Kul-Sharif-Moschee, deren weiße Marmorfassade das Scheinwerferlicht über die gesamte Stadt reflektiert. Die blauen Türmchen umrahmten den Mond und auf einmal fühlten wir uns vom barbarischen Russland in ein Tausend-und-Ein-Nächtliches Märchen versetzt. Bezaubert und euphorisch stürzten wir durch den Kreml, spazierten durch die nächtlichen Gassen und kamen schließlich glücklich und todmüde zurück in die WG. Nach 3 Stunden stand bereits der nächste frühmorgendliche Programmpunkt fest: Bulats Freund Sergej hupte uns aus der Küche, Ausflug zum Frühschwimmen! Und zwar russisches Frühschwimmen in 4°C kaltem Wasser. Aus der 15 m tiefen Stelle des „Blauen Sees“ strömt eiskaltes Wasser aus der Erde, diesen klirrenden Spaß überließ Karoline den drei Jungs. Da Sergej in Cottbus studiert hatte, genossen wir seine Hilfe beim Übersetzen ins Deutsche (Jackpot). Vom Tee gewärmt, entspannt und glücklich schlüpften wir dann endlich ins Bett.

Nach einer weiteren, nachmittäglichen Stadtführung auf Russisch wurde uns klar, dass die Tataren ein äußerst unbarbarisches und gebildetes Volk sind, stolz auf ihre Schriftsteller, Musiker und Wissenschaftler und ein funktionierendes Gesellschaftmodell etabliert haben: die friedliche Koexistenz von Christentum und Islam. Erschöpft von dieser Erleuchtung und dem ganzen komplizierten Sprachverwirrung freuten wir uns riesig auf die versprochene Portion Chak-Chak: das ist ein mit wenig Wodka oder Brandy beträufelter Nudelteig, frittiert und in Honigsirup triefend. So schnell war die klebrige Leckerei aufgefuttert, dass wir das Foto ganz vergessen haben…

Sprachbarriere hin oder her, wir haben unsere Kazaner Bekanntschaften tief ins Herz geschlossen. Wir bemerkten dabei auch, wie gern wir intensiver miteinander gesprochen hätten, und wie weit uns Sprache Türen zu den Persönlichkeiten, deren Ideen, Vorstellungen, Träumen und Wünschen öffnet.
Am nächsten Morgen erleichterte Sergej unsere vom Russisch zermürbten Gehirne zum nächsten See-Ausflug. Tiefblau, in einem Krater, idyllisch gelegen in einem Dorf aus alten russischen Holzhäusern, wo Selbstgebrannter und Selbstvergorenes (Medovucha) aus Coca-Cola-PET-Flaschen und Obst aus Plastikeimern verkauft wird, und Birken die Grenze zwischen Oblasten ziehen. Noch ein See auf dem Rückweg und dann direkt in Sergejs Wohnung, wo wir den nächsten Tag verdüdelten.
Bevor die Reise weiterging, brachte uns Sergej zu einer Fährstation an der Wolga. Dort offenbarte sich uns eine Ansammlung bunter Türmchen, der „Tempel aller Religionen“. Folgerichtig in der Stadt Kazan kam dem Ikonenmaler Ildor Khamov die Idee einer Begegnungsstätte für alle Religionen gleichermaßen. Mit dem Bau wurde in den 90ern begonnen, bis heute finanziert durch Spenden. Elemente einer Synagoge, orthodoxen Kirche und Moscheen, dazu eine Halle der Ägypter, Buddhisten und Hindi etc. sind vereint: 16 Kuppeln für 16 Weltreligionen alle unter einem Dach. Gestärkt von dieser wunderbaren Vision schwangen wir uns auf den Wolgadampfer und brachen auf zur nächsten Etappe: den längsten Fluss Europas zu entdecken.