Die einzige verrückte Geschichte aus Russland war die Begegnung mit einer Geburtstagsgesellschaft in Staraja Russa. In diesem kleinen Städtchen herrschte früher reger Kurorttourismus, mittlerweile ist die Stadt ziemlich tot. Eigentlich wollten wir in die 100 km nördlich gelegene UNESCO-Weltkulturstadt Weliki Novgorod. Hinter St. Petersburg sammelte uns die liebe Olga auf und zusammen mit ihrer Windhündin landeten wir in dem verschlafenen Nest, weil wir endlich mal Pläne über Bord schmeißen wollten. Vor Ort suchten wir ein Hostel von dem niemand wusste, an unbeschreiblichen Orten, in dunklen Hinterhöfen, neben der Trinkhalle und leider stets an verschlossenen Türen – bis wir erfuhren, dass renoviert würde. Die erschöpften Füße trugen uns weiter durch die nächtlichen Straßen und auf dem Weg zum Fluss begegnete uns ein Gästehaus. Keiner rechnete mit uns, und doch ergatterten wir ein freies Bett zu erstaunlich günstigem Preis. Ob wir in die russische Sauna wollten, es wäre gerade noch warm, fragte die Hausherrin Angela in verrussischtem Englisch und flößte uns schnell einen Kognak ein. Unsere leeren Mägen lechzten nach dem schönen Räucherfisch auf der Geburtstagstafel, doch dazu kam es nicht: man bugsierte uns in den angeheizten Holzkasten, wo wir lediglich mit Hüten bekleidet vor uns hin schwitzten.
Plötzlich klopfte es an der Saunatür: „Karolina, closett Vagina!“
Hände und Arme schützten die Scham, ein heißer Aufguss wurde uns überholfen und der Schweiß schoss aus allen Poren: schnell raus ins Holzbasain. Ob wir noch Schnaps mithätten, hier würde schließlich Geburtstag gefeiert! Offensichtlich waren wir in die letzte Runde der Geburtstagsgesellschaft geraten, deren letzte Feiernde (zwei an der Zahl, Bruder Piotr und Schwester Angela) in ihrem Rausch badeten. Um nicht unhöflich zu sein, tanzten wir mit den beiden zu schlechter Musik aus den russischen Charts, Schnaps wurde keiner mehr gefunden und wir nutzten die erstbeste Gelegenheit, diesem Surrealismus zu entfliehen…

Unser Weg führte uns schließlich doch noch nach Weliki Novgorod. Dort warfen wir erneut alle Pläne über den Haufen und fuhren mit Jura und Natascha, die wir am Frühstückstisch kennengelernt hatten, ca. 600 km ins Moloch Moskau. Der Rote Platz war während unserer zwei Besuchstage wegen eines Militärmusikfestivals gesperrt, unser Hostel war dreckig und laut und die Stadt verschlang all unser Geld. Kurzum: Wir mussten zur Flasche greifen…

 


Die Moskauer Innenstadt wird tatsächlich von vielen Einwohnern gemieden, hauptsächlich verdient man in Büros und Geschäften im Zentrum seinen Unterhalt und fährt zurück in die äußeren Wohnbezirke der Stadt. Die Aufgeräumtheit kostet die russische Hauptstadt ihren Charme. Dieses riesige Verdrängungsproblem ist dem derzeitigen und kürzlich wiedergewählten Bürgermeister geschuldet, der die Stadtplanung komplett dem Tourismus unterordnet. Wohngebiete außerhalb des Zentrums bestehen aus riesigen Plattenbauten: wenn man großes Glück hat, ist noch eine U-Bahnstation in der Nähe. In der Metro ins Zentrum konnte ich nicht ohne Ohrstöpsel (Gehörverlustfrei) mitfahren. Alle 2 Minuten zischt ein Zug durch das Netz, das noch VIEL riesiger ist als U/S in Berlin. Aber die russische Brust schwillt stolz beim Gedanken an die museumsartigen Stationen unter Moskau.
Auf der Moskwa trohnt eine der hässlichsten Statuen des Landes: zu Ehren Zar Peters dem Großen, der in Moskau nicht besonders gute Karten hat, weil er die Hauptstadt einst nach St. Pete verlegte. (LINK: die hässlichste Statue Russlands)

Aber nun genug gewettert! Moskau zeigt sich immerhin von seiner besten Seite bei 30 °C, Bier ist in Russland mittlerweile in – und lecker – und wir hatten das Glück, bei einem Sommerfest dabeizusein (es wurde russisch gesteppt, kleine Mädchen führten einen traditionellen Tanz auf und ein alter Mann trug ein Gedicht vor). Im Schlafwagen verdösten wir die 1000 km nach Kazan in Gesellschaft von Räucherkäse und Rotwein.

 

Beloe Solnce Pustini: sehr empfehlenswerter Film von 1979 (russische Raumfahrer schauen diesen Film, bevor sie ins All starten. Tut es ihnen gleich!)