Hinter der Grenze der EU beginnt das Abenteuer Russland. Von nun an eröffnen sich bemerkenswerte Unterschiede darüber, wie der Hase läuft.

A) Wasser und Geschichte

St. Petersburg dreht sich hauptsächlich um Historie. Die Stadt wirkt riesig, schwer, prunkvoll und monumental. Der Stadtgründer Peter der Große wählte Anfang des 18. Jahrhunderts diesen Fleck Erde aus strategischen Beweggründen zur Erschließung der Ostsee für Russland, angeblich wegen eines Traums. Die Gegend ist moorig-sumpfig, morastig und auch von oben feuchtkalt. Hier ergoß sich der erste ernsthafte Regen seit der Abschiedsparty über uns. Ein Monat außerhalb Hamburgs reicht bereits, um die schwerlich antrainierte Furchtlosigkeit gegenüber verschiedensten Niederschlagsformen in Luft aufzulösen, doch unterm Dach von Saschas kleiner Einraumwohnung in der Altstadt hatten wir einen gemütlichen Zufluchtsort gefunden. Die St. Petersburger fragen sich täglich, warum ihr Zar seine Vision nicht an einem wärmeren Ort träumen konnte…
Praktischerweise ist unser Gastgeber Sascha Historiker und so gab er sich dem Versuch hin, uns die Reihenfolge neuerer russischer Zaren und die Zusammenhänge zwischen Katharina, Peter, Alexander und Anna zu offenbaren. Leider kapitulierte ich bereits im 18. Jahrhundert zwischen Anna und Peter (Interessierte greifen gern auf diese Liste zurück: https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_russischen_Herrscher).

Besser im Kopf blieben folgende Anekdoten:
Peter I., der Große, war ein Riese (> 2 m), der gern unter Arbeitern war und deren Handwerk studierte, insbesondere als Schiffsbauer in Amsterdam. Ebenso soll er einst als „einfacher Mann“ verkleidet durch Europa gereist sein. Um St. Petersburg aufzubauen, erließ er ein Gesetz, das untersagte, an anderen Stellen in Russland Häuser aus Stein zu bauen; zuziehen konnte man nur, wenn man Steine oder andere Baumaterialien spendete.
Alexander II., der Befreier, wurde bei einem Attentat eines Studenten 1881 tödlich verwundet („Freuen Sie sich nicht zu früh!“). An dieser Stelle ließ sein Sohn die superbunte Auferstehungskirche, auch Blutskirche genannt, erbauen. Nicht dass es eine weitere gebraucht hätte, man zählte zu dieser Zeit bereits ca. 700 christliche Gotteshäuser.

Wegen des Morastes unter der Stadt besitzt St. Pete die tiefste Metro der Welt. Nach einer zehnminütigen Rolltreppenfahrt durch den Sumpf in die Tiefe bleiben maximal 2 Minuten Zeit die museumsartigen Stationen zu bewundern, denn der nächste Zug kommt sofort! Eine russische Kuriosität, die wir sich bis in die U-Bahn von Tbilisi in Georgien durchzieht, sind die Angestellten des Verkehrsunternehmens, die am unteren Ende der Rolltreppe in einem Glaskasten den Menschenstrom beobachten (viele davon schlafen und datteln auf dem Händy) – Wieso sie dort sitzen?
… Wir lassen euch wissen, wenn wir eine Antwort finden.

Das Stadtzentrum verteilt sich unter anderem auf vier Inseln, um die sich der Fluss Newa windet, der breiter ist als der Rhein. Schon die ersten Brücken im 18. Jhd. wurden als Klappbrücken eingerichtet und noch heute öffnen sich die 5 Hauptbrücken nachts für mehrere Stunden, um größere Schiffe passieren zu lassen. Eine Glanzleistung der Ingenieurskunst, beachtet man die Stromleitungen für die Trolleybusse. Der Brückenklapp führt auch dazu, dass man sich gut überlegen sollte, wen seiner Freunde man abends auf ein Bier besucht (fast alle St. Petersburger haben eine Geschichte zu erzählen, wie sie einmal nachts betrunken auf einer der Inseln gefangen waren).

Nach einer abendlichen Kochsession saßen wir bettschwer und vollgegessen in der Küche, doch Sascha überredete uns um Mitternacht zu einem kleinen Spaziergang: es würde sich lohnen! In St. Pete ist es meistens kühl, weswegen sich die Leute in einem zügigen Tempo fortbewegen: in diesem Stechschritt gings 3 km durch die nächtliche Stadt. Wir überquerten kleine Brücken der Newa-Seitenarme, liefen vorbei am Winterpalast und am Sommergarten, hopsten durch die Pfützen und rannten todesmutig über Zebrastreifen. Schließlich gelangten wir zur großen Newa, an deren Ufer sich schon zahlreiche Menschen tummelten: und das an einem Montagmorgen kurz nach 1. Glühwein, Kaffee und Cocktails wurden aus kleinen Büdchen verkauft und Jahrmarktstimmung nistete sich ein. Alle Brücken hellerleuchtet. Punktum begann aus den Lautsprechern an der Uferbalustrade ein sanftes Orchesterstück von Tschaikowski zu klimpern und tatsächlich: die Trotzkibrücke klappte auf! Zahlreiche Barkassen tanzten auf die Brücke zu und rasten über einen fliegenden Start zur nächsten Brücke. Als auch wir an der nächsten Brücke angekommen waren, eröffnete sich uns ein Bild wie aus einem Roman von Kafka oder einem bizarren Traum. Die Straße erhebt sich und klappt nach oben – wenn das mal kein Perspektivwechsel ist! Eine Künstlergruppe hatte 2011 noch weiter um die Ecke gedacht mit dieser inzwischen preisgekrönten Aktion.

B) NommNomm

Russland ohne Essen wäre Sünde. Wir haben ALLES probiert und unsere Bäuche kugeln sich ab sofort die Felswände hinunter. Was wir besonders mögen, sind die gefüllten Überraschungsgebäcke: entweder freuen sich die Rezeptoren in Nase und Mund über eine aromatisch-süße Fruchtfüllung oder der Magen über Fleisch, Wurst, Kartoffel, Kraut oder Käse im Weizenmantel. Über Teigklöße erzählen sich die Russen das Märchen vom Kolobok.
Mein Favorit ist und bleibt Sirniki, ein frittierter runder Taler mit Quark, Quark, Quark.
Gut und günstig schnabuliert man in den Mensen („Stolovaja“), einem Überbleibsel der Sowjets, zu jeder Tageszeit. Seitdem lieben wir Haferflocken mit Milchreis („Kascha“, Brei).
Zum schwarzen Tee gibt es immer Süßigkeiten, die man im Supermarkt einzeln kaufen kann, oder Zuckerschaum, Halva, Nüsse und verrückte Trockenfrüchte.

C) Campinginfrastruktur

Bei schwarzem Tee und Konfekt legten uns Sascha und seine Frau Luba wärmstens einen Ausflug zum Yastrebinoe-Nationalpark 150 km nördlich von St. Petersburg ans Herz, und so machten uns auf in den russischen Wald an der Grenze zu Karelien. Nach zweistündiger Zugfahrt erreichten wir ein kleines Dorf, und bepackt mit Vorräten für einen Tag standen wir etwas ratlos vor der geschlossenen Schranke neben dem Bahnhof. Da sich die Wartezeit kaugummiartig dehnte, fragte man aus dem Auto neben uns, wohin wir denn unterwegs wären. Nach verzweifelten Verständigungsversuchen und zögerlichem Frage-Antwort-Spiel, das hauptsächich aus „Bahnhof“ bestand, saßen wir schon auf der beräumten Rückbank des staubigen Jeeps dieses älteren Pärchens, die unterwegs in die Datscha waren. Zusammen fuhren wir über die Staubstraße in den Wald. Die Mutti auf dem Beifahrersitz versuchte, den Weg zum Wanderpfad zu erklären: nur geradeaus, nicht links, nicht rechts, immer geradeaus, nicht links, nicht rechts … Zielstrebig wurde gestoppt und ausladend mit vielen russischen Worten auf den Wanderweg in den Wald gedeutet. Der Vati nahm sich einen Stock zur Hand und zeichnete kurzerhand eine Karte auf die Straße: immer nur „priama“ (geradeaus) sollten wir gehen, nicht links oder rechts, nur priama, vorbei an den KAMEN* rechterhand und dann priama, und dann sind wir schon da, wo wir hinwollen.

Also ab in den Wald! Hinter dem Steinbruch begann tatsächlich der Ho-Chi-Min-Pfad zum Yastrebinoe. 10 km schlängelten wir uns durch wilden Wald, balancierten über Baumstämme und sprangen über Schlammpfützen zum ersten See.
Haben Kletterfelsen gefunden, im See gebadet, Feuerholz und Birkenrinde fürs Lagerfeuer gesucht, auf dem Spirituskocher gekocht und unterm Sternenhimmel geschlafen. Begeistert erkundeten wir die Gegend und stellten fest, wie gern die Russen wildcampen.
Es gibt an jeder Ecke Feuerstellen, manchmal überdacht mit Planen aus Plastik, die Wälder sind voller Pilze und hier und da findet man von anderen Wanderern übrig gebliebene Kartoffeln, Zwiebeln, Knoblauch und mitunter sogar Fleischkonserven.
In einer provisorisch gebauten Sauna haben wir einen nachmittäglichen Regenschauer überdauert, Trinkwasser an Quellen aufgefüllt, das Zelt an einem regnerischen Abend auf einer Holzplattform unter einer Plane aufgebaut, im Feuer Pilzpfanne gekocht und an geschreinerten Tischen gespeist. Aus den anderhalb Tagen wurden drei, denn die Stunden vergehen schnell, wenn man sich mit Überlebensfragen beschäftigen muss.
Schließlich stapfen wir glücklich durch den Regen zur Straße, zurück in die Zivilisation. Im Dorfladen waren wir erstmal geschockt von den zahlreichen Lebensmitteln, die es einfach so zu kaufen gab und andere Menschen, frisch frisiert und in sauberer Kleidung zu sehen, ist im ersten Moment ein bisschen befremdlich.
An der Hauptstraße angekommen, fragten uns eine Russin und ihr kanadischer Freund, wohin wir denn wollten und in Nullkommanix waren wir zurück in der Großstadt**. Dort warteten weiße Bademäntel, Schlappen und die schönste Dusche der Welt im Hotel Puschkin auf unsere verräucherten Waldschmutz-Körper.

 

 

*KAMEN war eine der wenigen Vokabeln, die ich zu dem Zeitpunkt kannte, denn STEINE gehören zum Repertoire, wenn man Bouldern im Ausland erklären möchte.

**In Russia there are mostly two problems: Idiots and Roads. But the biggest problem is that one is constantly fixing the other.