Tallinn, eine weitere Perle baltischer Geschichte, sollte nicht spurlos an uns vorbeigehen. In der estnischen Hauptstadt widmen wir uns zunächst der Suche nach unserem Gastgeber. Auf der Touristenhauptstraße sollen wir nach ihm suchen: zwischen mittelalterlich anmutenden Restaurants, Holzofen-Buden in denen Mägde Met verkaufen und ebenso in der Zeit zurückgeworfenen Souvenierläden stolpern wir in die touristische Einkaufsstraße der Innenstadt. Was hat Mikail freitags um 20 Uhr nur hier verloren? Läuft er im Rittergewand umher? Wartet er als Türsteher vorm Technoclub auf die ersten Gäste? Oder ist er mit Freunden in Bierlaune im Park?

Schließlich, als wir uns zum dritten Mal die Fußgängerzone hinabwandern, winkt uns ein dunkelhaariger Schlagzeuger zu, der gerade sein Instrument auf der Straße aufbaut. Das besteht aus Eimer, Pfannen und Becken, daneben sitzt sein Freund schon auf der Cajón hinter den Bongotrommeln und der Hangbang. Und ab dafür, wir werden Zeuge von treibender Straßenmusik, die stets von einem riesiger Halbkreis stehengebliebender Passanten beklatscht wird, Kinder tanzen lachend und die Kasse klingelt.

Video: Straßenmusik mit Mikail

Warum also nicht das übliche Seightseeing tauschen gegen ein paar Einblicke in die musikalische Jugendkultur? Die zur Hälfte von Russen bewohnte Stadt birgt noch leerstehende Fabrikgelände aus der sowjetischen Vorzeit. Dieser Raum wird von Kultur- und Kreativzentren eingenommen, Hipster haben die Stadt längst erobert. Offensichtlicher im Karré Telliskivi hinterm Hauptbahnhof – Burger und Craftbeer werden serviert, gelegen im teilsanierten Indrustriegelände, das durch Graffitis und Streetart eingenommen wurde. Diverse Designerläden, Startups und ein Cafe im alten Sowjetzugwaggon runden das modern-hippe Bild der estnischen Großstadt ab. Direkt daneben im Stadtteil Kalamaja wohnen die zugehörigen Betreiber und Besucher in charmanten Holzhäusern, getrunken wird Iced Lattes Macchito Fancy.
Weiter an der Hauptstraße ein Stück Richtung Süden leitet uns ein Plakat zu einem weiteren verlassenen Gelände – dieses will weniger offensichtlich von seiner Existenz mitteilen, gute und schlechte Sprayerkunst weist uns den Weg zum Sozialkulturzentrum Ülase12. Punk is Love – Stay out of the prezent Futureboy. Wider Erwarten sind wir viel zu früh angereist: die Facebookveranstaltung versprach offene Türen ab 7, die Vorstellung beginnt schließlich halb 10. Just as usual, fühlt man sich gleich heimisch hier und die Antifaaufkleber tun ihr übriges 🙂 Wir inspizieren die Konzertplakate* und um Zeit totzuschlagen streunern wir auf dem Gelände herum, finden in einer verlassenen Ecke zwei liebenswerte Halunken, und schon wird ein Selfie vor der coolen Limousine mit uns vieren geknipst, auf dem kein Teil der Karosserie zu sehen ist. Mehr Fan kann man nicht sein von „No Real Pioneers“ die unsere Ohren mit Post-Hardcore beglücken. Seit 2011 spielen sie miteinander, das zweite Album ist jetzt auf Tour (No Real Friends). Die zweite Band, Sraiges Efektas, spielten unaufgeregter miteinander, drehten noch mehr an der repetetiven Schraube, sodass sich der Sound Richtung Stonerrock verschob. Im Baltikum sind sie sehr bekannt, auch schon in Deutschland gewesen, doch weitere Touren nach Europa wird es nicht geben: Underground soll schließlich bleiben, wo er ist.


Sraiges Efektas

No Real Pioneers

*Post-Metal aus Philadelphia, spielen im September in Estland
Seattle Post-Punk, spielt bald auch in Berlin und Leipzig