Da uns die polnischen Autobahnneuerschaffungen verunsichert haben, versuchen wir große Straßen ab sofort zu vermeiden. An einer der Baustellen Polens, in Richtung Bialystock, küsst uns Fortuna und ein litauischer Fahrer hält. Der kleine Mann schleudert unsere Rucksäcke in seinen Kofferraum. „Wo solls hingehen? Ich fahre nach Litauen.“ „Klar, wir kommen mit in ein neues Land!“ Auf Wiedersehen Polen, denke ich nicht ohne Erleichterung. Moin und Labas Litauen!

Auf der Fahrt bis ans „Meer von Kaunas“, Kauno Marios begeistert uns die Menschenkenntnis von unserem Chauffeur Mindaugas – so hieß auch der erste König Litauens. Seine wachen Augen glänzen durch seine kreisrunde Brille in den Rückspiegel. Mit Humor und verrückten Anekdoten versüßt er unsere Fahrt ins Baltikum und unsere schlecht erzählten Reisegeschichten verblassen vor seinen bunten Erlebnissen. Er erzählt ein paar Hintergründe über das Land, 2 Mio. Einwohner, die sich in den großen Städten Vilnius, Kaunas und Klaipeda konzentrieren. Viele Trinker wohnen hier, obwohl Alkoholkonsum in der Öffentlichkeit streng verboten ist. Außerdem wandern seit Jahren 1000de aus dem kleinen Land nach Deutschland oder Großbritannien aus, um das große Geld zu verdienen.

Selbstverständlich ist Litauisch eine tolle und dazu noch uralte Sprache, ähnlich dem Latein, und überall wo Mindaugas interessante Menschen antrifft, stellen sie sich als Litauer heraus. Klar, die Gene! „Ihr müsst unbedingt Cepelinai probieren, unser Nationalgericht. Isst eigentlich niemand. Mag auch keiner. Aber das solltet ihr mal kosten.“

Nach einer Nacht am See tipptappen wir in Kaunas erstmal durch die Stadt und schnabulieren japanische Ramensuppe. Danach ist endlich Zeit für Bildung! So stürzen wir uns ins Abenteuer um Luzifer ins Teufelsmuseum. Ein Kaunasser Künstler im ausgehenden 19. Jahrhundert bekam unabhängig voneinander mehrere Teufel geschenkt: das bewog ihn, diabolische Figuren fortan zu sammeln. Im Museum sind tausende Figuren des Belzebubs ausgestellt, in teuflischen Kontexten wie Musik, Trinkerei, Völlereigelage und mit Tieren. Unter jedem Stein Litauens hat der Teufel eine Frau. Und die schöne Schwester, die Hexe, ruft die Erinnerung an Bulgakows Meister und Margaritha wach…

Karolis aus Kaunas beherbergt uns in seiner WG. Wir dürfen im Hintergarten unterm Birnbaum im Zelt schlafen und morgens wird energetischer Haferbrei mit Kaffee serviert.

Bei einer Bierrunde im Kodel ne (Warum nicht) lädt uns seine Bekannte Egle in das Literaturmuseum ein. Bei der Privatführung erfahren wir, dass der litauische Goethe „Maironis“ hieß. Als wohlhabender Priester und Gelehrter knüpfte er Verbindungen zwischen Gönnern und Künstlern und kultivierte um die Jahrhundertwende 19/20 die Landessprache. Ausgestellt wird die Wohnung des Literaten, und gut aufbereitet ein Rundgang durch die literarische Landesgeschichte. Das Sprachverbot durch die Russen konnte das Litauisch nicht auslöschen, dann kam Maironis und später blühte die Literatur in Litauen zwischen den Weltkriegen wieder auf: mit dem Dichter Alfonsas Nyka-Nylinuas, nach dem zweiten Weltkrieg erschien der Wälzer „Tula“ von Jurgis Kuncinas oder der sarkastischen Betrachtung vom Leben in sibirischer Gulags von Balys Sruoga („Forest of Gods“). Auch die Großmutter von Karolis hatte einige Jahre im Gulag verbringen müssen, doch sie gab ihr Leben lang niemandem die Schuld dafür, sondern nahm diese schwere Zeit als Schlag des Schicksals hin.

Die Bierlaune kugelte uns in die Bar Kultura. Dort erfahren wir von Julius und Karolis, dass man in Litauen penibel darauf achten muss, welche Fahne gehisst wird. Entweder das Nationalwappen mit Vytis, dem weißen Ritter, oder die Nationalfarben gelb-grün-rot, das ändert sich je nach Feiertag und falls die falsche Fahne das Haus schmückt, drohen hohe Geldstrafen.

Karolis sorgt auch für unsere musikalische Bildung: russische Schlager und ein bisschen was aus dem Underground (Klick-Links zu Youtube):

Authentischer 80s Pop im Ostblock: weiße Rosen

Michael Krug (Möchtegern-Gangster mit Songs über den russischen Knast, ohne selbst dort gewesen zu sein – deshalb wurde er vermutlich von Ex-Häftlingen ermordet)

Viktor Coj, bestes aus 80er und 90er Jahren mit seiner Band Kino

Igor Talkov singt über sein Land und rechnet mit den Zuständen ab. Auch er wurde ermordet, entweder von seinem Manager oder vom KGB. Für mehr Theatralik und den musikalischen Höhepunkt skippen bis min 3:05

Los Kolorados covern Songs aus aller Welt, ohne ein Wort englisch zu sprechen.

Zufällig kam diese Perle noch im Gedächtnis vorbei: Danke Igor und Grüße in die Kletterhalle!

 

Kaunas bleibt uns als Glanzstück Litauens im Gedächtnis. Herzlichkeit vermischen Tradition und Moderne in der Stadt, ohne kindliche Verspieltheit zu verstecken. Lieblingsort!