Weit vorm Stadtzentrum erkenne ich aus dem Zugfenster die „Zuckerfabrik“ wieder: in perfekt geordneten Linien überragt der Kultur- und Wissenschaftspalast beharrlich die Stadt. Die nach oben hin dreifach schmaler werdenden Aufbauten lassen eine architektonische Spielerei des sozialistischen Klassizismus vermuten. Alles folgt der Idee von klaren Kanten, Zackigkeit, Standhaftigkeit: Stalinismus. Wir fahren über die rostige Eisenbahnbrücke über die Weichsel zur Station Centralna und erkennen hinter dem Wahrzeichen die übrige Skyline, die sich an die üblichen modernen Trends der Baukunst hält. Mit alt macht neu, der Kapitalismus ist da.

Die Warschauer sind weder glücklich noch unzufrieden mit dem Geschenk Stalins aus den 50er Jahren (hätte auch eine Metro werden können, die wurde Anfang der 2000er ais eigener Kraft gebaut). „Pragmatisch“ beschreibt den Umgang mit dem 42-geschossigen Klotz am besten: ein Abriss würde Milliarden verschlingen und das Gebäude bietet ausreichend Platz für Theater, Museen, Restaurants, Schwimmbad und Büros von Firmen und Kreativen. Steht man vor der 273 m hohen „russischen Hochzeitstorte“, fühlt man sich winzig neben den Statuen von Kopernikus und Polens Goethe -Adam Mickiewicz- und reckt den Kopf für die monumentale Zuckerfabrik.

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An der U-Bahnendstation neben Park und Stadtwald wartet auf uns feinstes Wohnen in einem der schicken Apartmenthäuser mit Wächter und Sicherheitszaun: der Code zum Öffnen von Barrieren und Türen ist kompliziert und im Treppenhaus grüßt bitte niemand! Dafür ist der Empfang in Monikas Wohnung mit Besuch aus Ausgburg von Kristian umso herzlicher. Fasziniert vom tendersoften Sessel, fließendem Duschwasser aus der Leitung, dem bequemen Sofa und der Expressverfügbarkeit von Kaffee öffnen sich Herz und Magen von der langen Herfahrt. Eine besondere Überraschung: der Klo-Thron.

Der kommunistische Staub ist der Stadt kaum noch anzusehen, glänzende neue Fassaden schimmern und in der innenstädtischen Einkaufsmeile floriert der Konsum. Die Preise steigen, für Wohnraum und Konsumgüter. Polen, von wegen billig! Die Metropole ist im 21. Jahrhundert angekommen und eilt mit frischer Brise voran. Auf einem Tunnel, durch den die Schnellstraße führt, fahren wir mit dem Fahrrad an einem Stadtgarten vorbei: allerlei Gemüse wächst sauber beschriftet auf den drei Beeten, wo man sich bedienen darf. Die Fahrradwege sind breit und frisch geteert, weiche Kanten und keine Schlaglöcher, außerdem fahren die Autos im Sicherheitsabstand. Schließlich kommen wir radelnd ohne Regen am Weichselufer an. Biertrinken in der Öffentlichkeit ist in Polen nicht erlaubt, deshalb baut man um die üblichen Plätze einfach eine Bar. Zum Beispiel als Floß ins Flusswasser oder an die Stufen der Uferböschung.

Das polnische Underground-Label Lado ABC präsentiert in diesem Sommer auf der Spielwiese verschiedene Konzerte. Einem wohnten wir bei, hört selbst:

Theoretisch könnte das hier auch in Deutschland passiert sein. Die Kneipenpreise ähneln einander, Jugendkultur floriert, nicht nur im Untergrund, die Architektur ist ähnlich und kreative Ideen sorgen für ein innovatives Umfeld. Warschau ist eine gute Stadt zum wachsen und gedeihen, auch wenn die konsumorientierte Schranke mancherorts
auf das Potential scheppert.

Nach ausgiebigem Entspannen in der polnischen Hauptstadt zieht es uns weiter Richtung Osten. Unser Plan steht: wir wollen in der Nähe einer der letzten Urwälder Europas unweit von Bialystok zelten und dann den Sprung über die Grenze nach Litauen wagen. Mal schauen, wie weit wir kommen…